Bestenliste 1-2015

Veröffentlicht am 19. Februar 2015 icon Bestenliste 1.2015

Hörbeispiele durch Klick auf das Cover

DVD/ Video-Produktionen
Orchester im Exil Orchester im Exil. Film von Josh Aronson. Polyband DVD 76298-8 (Edel) 

Dem Geiger Bronisław Huberman gelang 1936 Unglaubliches: Er rettete fünfundsiebzig  jüdische Musiker vor den Nazis und ermöglichte ihnen die Ausreise nach Palästina. Dort gründeten sie das Palestine Orchestra (heute Israel Philharmonic), das im Dezember 1936 unter der Leitung Arturo Toscaninis erstmals öffentlich spielte. Josh Aronson erzählt die Geschichte des Gründers Huberman und des Orchesters in einem so spannenden wie bewegenden Film in einer Mischung der Erzählweisen: Dokumentation, Gesprächen mit Zeitzeugen und nachgespielten Szenen. Nur der deutsche Filmtitel ist etwas unglücklich gewählt: „Orchester der Exilierten“ träfe den Sachverhalt besser als „Orchester im Exil“. (Für die Jury: Helge Grünewald)
Orchestermusik
strawinski Igor Strawinsky: Le sacre du printemps (Fassungen 1913 & 1967). Tonhalle-Orchester Zürich, David Zinman. 2 CDs, RCA 88843095462 (Sony)  

Die Uraufführung wurde 1913 zu einem der berühmtesten Skandale der Musikgeschichte, heute allerdings gehört Igor Strawinskys Ballettpartitur „Le sacre du printemps“ unbestritten zu den Meisterwerken des 20. Jahrhunderts. Kaum bedacht wird, dass freilich stets die aus Tantiemengründen vom Komponisten revidierte und autorisierte Fassung von 1967 gespielt wird. Umso spektakulärer ist die Einspielung der rekonstruierten Partitur durch das Tonhalle-Orchester Zürich unter David Zinman, die mit abweichenden substanziellen Lesarten das Werk im Original erklingen lässt: interpretatorisch höchst versiert, als Live-Einspielung, und editorisch mit einer vorbildlichen Dokumentation im Booklet. (Für die Jury: Michael Kube)
szymanowski Karol Szymanowski: Violinkonzerte Nr. 1 & 2, Mythen. Baiba Skride, Lauma Skride, Oslo Philharmonic Orchestra, Vasily Petrenko. Orfeo C 873 141 A

Spätromantisches Schwelgen, impressionistische Farbenpracht, rhythmische Raffinesse, folkloristische Anklänge: Karol Szymanowski findet in seinen beiden Violinkonzerten zu einer höchst individuellen Tonsprache. Baiba Skride profiliert sich als überlegene Solistin mit großem Atem und zeichnet tonschön melodisch-klare Linien. Vasily Petrenko animiert das Oslo Philharmonic Orchestra in den gewichtigen Instrumentalparts zu Höchstleistungen. Dazu ein Extralob der Tontechnik: Es klingt sehr transparent, breitwandig und dynamisch. So kommt die Farbenpracht dieser Musik zur Geltung, sie funkelt und glüht. Und mit „Mythen“ op. 30 ist auch Szymanowskis Violin-Kammermusik repräsentativ vertreten. (Für die Jury: Norbert Hornig)

Oper
cosi-fan-tutte Wolfgang Amadeus Mozart: "Cosí fan tutte". Simone Kermes, Anna Kasyan, Malena Ernman u.a. MusicAeterna, Teodor Currentzis. 3 CDs, Sony Classical 88765466162

Bei dieser „Così“ des exzentrischen Dirigenten Teodor Currentzis könnte es sich leicht um den Höhepunkt des vielgepriesenen, in Perm entstehenden Mozart/da-Ponte-Zyklus handeln. In vielem überhitzt, überreizt und übertrieben klingend, rüttelt sie unser Mozart-Bild auf. Currentzis hat das in der historischen Aufführungspraxis gängige Rhetorik-Paradigma über Bord geworfen: Sein Mozart-Rhythmus orientiert sich an einer eher künstlichen, spekulativ imaginierten Theatersprache des 18. Jahrhunderts, wofür besonders Anna Kasyan als überdrehte Despina ein Äußerstes an Verstellungskunst und Witz einbringt. Die Tempi sind rasant, die charakterlichen Zuspitzungen exorbitant. Und das Orchester superb. Meisterhaft! (Für die Jury: Kai Luehrs-Kaiser)



fantasio Jacques Offenbach: "Fantasio". Sarah Connolly, Russell Braun, Robert Murray, Victoria Simmonds, Neal Davies u.a., Orchestra of the Age of Enlightenment, Mark Elder. Opera Rara 0792938005126 (Note 1)

Es handelt sich hier um eine der raffiniertesten und zugleich unbekanntesten Kompositionen von Jacques Offenbach: die 1872 entstandene Opéra-comique „Fantasio“. Das Werk, von der Musikwissenschaft als wichtiger Markstein auf dem Weg zu „Les Contes d’Hoffmann“ angesehen, erzählt von einer heiteren Studentenrevolte in München. Opera Rara hat die erste vollständige Aufnahme nach einer kritischen Edition von Jean-Christophe Keck herausgebracht. Das Orchestra of the Age of Enlightenment lässt in dieser Studioaufnahme unter dem Dirigenten Mark Elder die delikate Instrumentierung aufblühen, das handverlesene britische Ensemble versprüht viel Charme und Eleganz. (Für die Jury: Robert Braunmüller)

Kammermusik
beethoven Ludwig van Beethoven: Sämtliche Werke für Violoncello & Klavier. Jean-Guihen Queyras, Alexander Melnikov. 2 CDs, harmonia mundi HMC 902183

In der Durchführung des ersten Allegros seiner dritten Cellosonate op. 69 zitiert Beethoven aus der Bachschen Johannespassion: „Es ist vollbracht“. Eine der vielen Devisen, wie sie sich zunehmend im Beethovenschen Spätwerk finden, aufgeladen mit finalwirkender Bedeutung. Allerdings, dieses Stück entstand viel früher. Und längst ist das Violoncello kein basslastiger Nachfolger der Gambe mehr, vielmehr gleichberechtigter Partner des Klaviers. Strukturklar und glockentonschön arbeiten der Cellist Queyras und sein Partner Melnikov die Komplexität dieser singulären Musik heraus, die kühn nach vorne greift und zugleich im Spiegel zurückblickt, zwei Zeitalter umspannend. Die beiden holen auch aus Beethovens frühen Cello-Variationszyklen und den späten Sonaten mit Emphase, Raffinesse und Inspiration alles heraus. Gewiss, es gibt Dutzende guter Gesamteinspielungen dieses beliebten Repertoires.  Aber an dieser müssen sich nun alle messen. (Für die Jury: Eleonore Büning)

Tasteninstrumente
invocation-schuch "Invocation". Werke von Johann Sebastian Bach, Franz Liszt, Olivier Messiaen, Maurice Ravel, Tristan Murail. Herbert Schuch, Klavier. Naïve 994242 (Indigo)

Mit "Invocation“ (Anrufung) präsentiert sich Herbert Schuch als ein stiller Sieger. Keine spektakuläre Fingerakrobatik, stattdessen ein nach Innen gekehrter, leuchtend klangschöner Ton und ein so schlichter wie spektakulär musikalischer Vortrag. Kontemplatives von Franz Liszt, Olivier Messiaen, Maurice Ravel und dem französischen Spektralmusiker Tristan Murail steht nebeneinander; Choralbearbeitungen von Johann Sebastian Bach bilden den roten Faden. Auch ohne extrovertiertes Kraftmeiern bleibt der Bogen von A bis Z gespannt. Und in den Kantilenen bei Bach schafft Schuch das Kunststück, mit einzelnen klar-warmen Tönen einen ganzen Chor inbrünstig beten zu lassen. (Für die Jury: Kalle Burmester)


arranging-bach "Arranging Bach". Werke von Johann Sebastian Bach, Charles-Marie Widor u.a. Gerhard Gnann. Coviello Classics Cov 91416 (Note 1)

Unter dem pfiffigen, aber eigentlich viel zu schlichten Titel "Arranging Bach" versammelt Gerhard Gnann Orgelmusik von Johann Sebastian Bach in dessen eigenen und in fremden Bearbeitungen. Das tun viele, aber hier ist viel mehr zu hören, was die Ohren weit macht: Der technisch versierte wie musikalisch innovative Freiburger Domorganist malt hier nicht nur mit einer besonders reichen Farbpalette. Ihm gelingen auch ästhetisch immer wieder neue und völlig unterschiedliche Zugänge. So setzt er die vier Orgeln des Freiburger Münsters so spektakulär wie hinreißend in Szene. Deren von Tonmeister Moritz Bergfeld gemeisterter Klang und der Raum verschmelzen zu einem wahrlich großen Ereignis. (Für die Jury: Martin Hoffmann)
Chorwerke
brahms-licht "Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen?" – Chorwerke von Johannes Brahms opp. 74/1, 119/1, 104, 110, 54, 109. Cappella Amsterdam, Daniel Reuss. harmonia mundi HMC 902160

Das Brahms’sche "Schicksalslied“ op. 54 gibt es jetzt in einer Version, die es von Brahms gar nicht gibt. Die großartige Cappella Amsterdam unter Daniel Reuss singt das Werk nämlich nicht, wie im Original, mit Orchester, sondern in einer neuen Fassung für Chor mit Klavier zu vier Händen von Karsten Gundermann – ein geniales Arrangement, zu dem der Komponist sicherlich gern seinen Segen gegeben hätte. Außerdem präsentiert das Ensemble auf dieser beeindruckenden CD noch weitere Chorwerke von Brahms, darunter die Motette „Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“ oder die „Fest- und Gedenksprüche“. Das „Schicksalslied“ aber ist ihr glühender, am Ende optimistisch verlöschender Kern. (Für die Jury: Wolfram Goertz)
Alte Musik
polyphonies "Polyphonies oubliées" – Werke von Claudin de Sermisy, Jean de Bournonville u.a. La Maîtrise de Toulouse, Ensemble Gilles Binchois, Dominique Vellard. Aparté AP 097 (harmonia mundi)

Vom Mittelalter bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war die Ausführung liturgischer Gesänge in Frankreich von einer mächtigen, aber meist nur unvollkommen notierten Tradition der Mehrstimmigkeit geprägt: der sogenannten Fauxbourdon-Praxis, der man trotz der scheinbaren Simplizität ihres Note-gegen-Note-Satzes schon in der Barockzeit größeren Effekt auf die Hörer zuschrieb als komplexeren Formen komponierter Polyphonie. Dass dies keine Übertreibung war, beweisen Dominique Vellard und das Ensemble Gilles Binchois: Zusammen mit der Maîtrise de Toulouse bieten sie erstmals einen Überblick über die Vielfalt dieses fast vergessenen, aber in seiner sonoren Spiritualität ungebrochen faszinierenden musikalischen Erbes. (Für die Jury: Carsten Niemann)

Klassisches Lied & Vocalrecital
vondung „Fin de Siècle“ – Lieder von Alban Berg, Franz Schreker, Gustav Mahler, Alexander von Zemlinsky und Arnold Schönberg. Anke Vondung, Christoph Berner. Cavi 8553313 (harmonia mundi)

Auf der Opernbühne längst heimisch und international erfolgreich, war diese Mezzosopranistin auf Tonträger bislang noch unterrepräsentiert. Hier hat Anke Vondung endlich ihren großen Auftritt! Sie wählte für ihr Debütalbum Lieder des Fin de Siècle aus. Bei Franz Schreker und dem frühen Arnold Schönberg findet sie die melodische Linie, bei Alexander von Zemlinsky üppige Farben. Mit Alban Berg wagt sie Pathos und dynamische Extreme, an Gustav Mahler beweist sie Witz und Sinn für die Verbindung von kunstvoller Schlichtheit und plastischer Deklamation. Gelegentlich klingt durch, dass ihre Lehrerin Brigitte Fassbaender gewesen war, in der Klangproduktion, weniger in der Interpretation. Christoph Berner begleitet süffig, schön und manchmal diskret – nach Bedarf. (Für die Jury: Stephan Mösch)

Historische Aufnahmen
mitropulos Dimitri Mitropoulos dirigiert Werke von Peter Tschaikowsky, Modest Mussorgsky, Alexander Borodin, Dimitri Schostakowitsch. New York Philharmonic Orchestra. 2 CDs, Urania Widescreen 121.207 (Klassik Center)

Nur sechs Jahre wirkte der aus Griechenland eingewanderte Dirigent Dimitri Mitropoulos als Musikdirektor und Nachfolger Bruno Walters am Pult der New York Philharmonic, dann wurde er von Leonard Bernstein abgelöst. Sein besonderer, zumal an zeitgenössischer Musik geschulter Zugriff wird deutlich auch in dieser Edition. Vieles an dem zweieinhalbstündigen rein russischen Programm wirkt neu und aufregend, was besonders bei oft gespielten Werken wie denen Tschaikowskys ins Ohr fällt, etwa dem Capriccio Italien oder der Pathétique. Man erlebt hier das Aufleuchten neuer Klangfarben, eine unerhörte melodische Intensität, flammende Expression des Ausdrucks. Ob es die frühen Stereo-Aufnahmen von 1957 sind oder die durchaus nicht trockenen Mono-Aufnahmen von 1952/53 – diese Wiederbegegnung ist elektrisierend. (Für die Jury: Christoph Zimmermann)

Zeitgenössische Musik
triptych Mark Andre: ... auf ... Triptych for large orchestra. SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Sylvain Cambreling. Wergo WER 73222 (NAI)

Mit dem Werk „... auf ...“ für großes Orchester und Live-Elektronik entführt Mark Andre auf eine phantastische Entdeckungsreise durch die Grenzbereiche von Stille und Geräusch. Bis zum Äußersten sind die Hörnerven gefordert – nicht etwa, weil diese Musik laut wäre, vielmehr weil sie dem Differenzierungsvermögen des Ohres abverlangt, das Entstehen eines Tons aus dem Schweigen, sein Wachsen, Nachbeben und Verstummen als reine, allumfassende Ur-Musik wahrzunehmen. So taucht man buchstäblich mit geschärften Sinnen auf aus diesem organisch sich fortzeugenden Werden und Vergehen. Andre hat es sinnfällig mit der biblischen Botschaft von der Auferstehung verbunden. Das SWR-Sinfonieorchester sowie das Experimentalstudio des SWR erweisen sich unter Sylvain Cambreling einmal mehr als unverzichtbare Anwälte erlesener Klangkunst. Wie lange noch? (Für die Jury: Christian Wildhagen)

Grenzgänge
stupor-mundi "Stupor Mundi“. Musik der Stauferzeit. Vincent Klink, Patrick Bebelaar, Michel Godard, Gavino Murgia, Carlo Rizzo. DML Records 033 (Fenn)

Das Ensemble um den Basstrompeter Vincent Klink und den Spiritus Rector des Projekts, den Pianisten Patrick Bebelaar, bezieht sich in freier Ausgestaltung auf die Musik zur Zeit des Stauferkönigs Friedrich II., der von seinen Anhängern „stupor mundi“ – Staunen der Welt – genannt wurde. Das Geflecht der Instrumentalstimmen, hin und wieder durch vokalen Ausdruck ergänzt, vergegenwärtigt etwas von der Klangkunst des Mittelalters und lässt zugleich heutige Spielgesinnung einfließen. Mit starker Imaginationskraft gelingen Stücke, deren schlichte Melodik, vielschichtige Arrangements und leuchtende Improvisationen den Hörer berühren. Und im erlesen gestalteten Booklet finden sich Rezepte für kulinarische Köstlichkeiten, zu denen sich der Musiker und Sternekoch Vincent Klink von der Stauferzeit inspirieren ließ. (Für die Jury: Bert Noglik)

Jazz
barron Kenny Barron & Dave Holland: The Art Of Conversation. Impulse 602537946594 (Universal)  

Der Pianist Kenny Barron und der Kontrabassist Dave Holland formulieren jeden Gedanken ihrer musikalischen Zwiegespräche mit der Weisheit zweier hellwacher älterer Herren, die ihr Leben mit Musik auf Topniveau verbracht haben. Holland, Jahrgang 1946, stand schon in den sechziger Jahren als Profi auf der Bühne – der 1943 geborene Barron bereits in den Fünfzigern. Die Themen stammen überwiegend von ihnen selbst; zwischendurch beschäftigen sie sich aber auch mit Charlie Parkers „Segment“, Thelonious Monks „In Walked Bud“ und Billy Strayhorns „Day Dream“. Wie es sich für gute Dialoge gehört, gibt es keinen Wortführer, sondern zwei Partner, die sich auf Augenhöhe begegnen: ein wunderschönes Kunstwerk der Konversation. (Für die Jury: Werner Stiefele)  


potsa-lotsa Potsa Lotsa Plus: Plays Love Suite by Eric Dolphy. Silke Eberhard u.a. Jazzwerkstatt JW 147  

Eine archäologische Kostbarkeit: Fünfzig Jahre nach Eric Dolphys Tod erfährt seine lange verschollen geglaubte „Love Suite“ ihre angemessene Würdigung. Die Altsaxophonistin und Bassklarinettistin Silke Eberhard hat die von Dolphy nie vollendete und aufgenommene Hochzeitsmusik – die drei Sätze verbinden Bebop-Linien mit Third-Stream-Elementen, Vogelstimmenklängen und europäischer Satztechnik – kongenial ergänzt und mit ihrer zum Septett erweiterten Gruppe Potsa Lotsa Plus eingespielt. Ihre Eigenkompositionen atmen ebenfalls den Geist Dolphys und krönen diese Hommage an einen lange verkannten Avantgardisten. (Für die Jury: Peter Kemper)

Pop
black-metal Dean Blunt: Black Metal. Rough Trade 0883870072526 (Indigo)

Zum künstlerischen Konzept Dean Blunts gehört die Verwirrung. Nicht viele biographische Informationen kursieren über den Londoner Produzenten, seine Musik stellt mehr Fragen, als sie Antworten gibt. Auf seinem zweiten Soloalbum wirft Blunt in den Songtiteln mit Schlagwörtern aus der Popmusik um sich: „Black Metal“, „50 Cent“, „Heavy“, „Punk“, „Country“. Genau dieses Spiel mit Genre- und Musikernamen aber ist der Türöffner in die Outsider-Welt dieses Mannes, der früher mit Inga Copeland das Duo Hype Williams bildete. Dean Blunt steht für eine multistilistische Musik, bei der die Grenzen zwischen Sample und Original aufgehoben werden, wo Pop-Song, Clubmusik und Avantgarde scheinbar leichter Hand zusammenfinden, wo teils schmerzhafter Minimalismus auf Dub- und HipHop-Dekonstruktionen trifft. Und über allem steht Blunts einmalige Crooner-Baritonstimme. (Für die Jury: Albert Koch)


Alternative
lament Einstürzende Neubauten: Lament. BMG Rights Management 538013752 (Rough Trade)

Auf ihrem Konzeptalbum „Lament“ erinnern die Einstürzenden Neubauten an den Beginn des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914. Auf das naheliegende Entfesseln martialischen Krachs verzichten sie jedoch vollständig, stattdessen bringen sie die Dynamik der Katastrophe in der Aneignung historischer Quellen zu Gehör, sie rekonstruieren die Geburt des amerikanischen Jazz auf den europäischen Schlachtfeldern und spielen zu den auf Tonwalzen gebannten Gesängen von Kriegsgefangenen in deutschen Lagern. Auch in musikalischer Hinsicht vermeiden sie jede Vertonung des Krieges; stets arbeiten sie mit feinsten Kontrasten, oft geisterhaft leise, mitunter zerklüftet quietschend, rumsend, dröhnend. (Für die Jury: Jens Balzer)
Club & Dance
caribou Caribou: Our Love. City Slang SLANG 50070 (Universal)

"Our Love“ ist das sechste Studioalbum von Dan Snaiths Projekt Caribou (vormals Manitoba), jedoch das erste, das nach seinem Durchbruch mit „Swim“ und den dazugehörigen Singlehits im Jahr 2010 herauskam. Hier treten Rockelemente noch stärker in den Hintergrund, und der Einfluss, den die Clubmusik, von Techno und House bis hin zu modernem R&B, in den vergangenen Jahren auf den Kanadier hatte, wird umso deutlicher. Hie und da gibt es direkte Verweise auf House-Veteranen wie Inner City und LFO, obendrein paart Snaith diese Stilmittel mit Falsettgesang und schwelgerischen Melodien. Mitgewirkt haben zwei seiner Landsleute: Owen Pallett und Jessy Lanza. Ihr Duett „Second Chance“ gehört neben der Single „Can’t Do Without You“ zu den Höhepunkten des Albums. (Für die Jury: Heiko Hoffmann)
Electronic & Experimental
flying-lotus Flying Lotus: You’re Dead. Warp WARPCD 256 (Rough Trade)

Flying Lotus alias Stephen Ellison ist der Großneffe von Alice Coltrane. Die Pianistin und Harfenistin verschmolz in den frühen Siebzigern die Einflüsse von Jazz und Free Jazz mit der Spiritualität des Ostens und kam dabei zu außergewöhnlichen Ergebnissen. Flying Lotus setzt nun diese Tradition mit elektronischen Mitteln fort. Sein fünftes Album „You’re Dead“ ähnelt einem majestätischen Strom, der allerhand Treibgut mit sich führt: bockig rasante HipHop-Beats, die DNA des Jazz oder eine psychedelisch wuchernde Electronica. Diese Einflüsse sind nie rein, sondern stets miteinander verhakt und verschlungen. Und unter allem liegt eine seltsam dunkle, fast geisterhafte Form von Spiritualität – ein magisches Album. (Für die Jury: Jürgen Ziemer)
Liedermacher
stopprock Stoppok: Popschutz. Grundsound GS 0033 (Indigo)

Das ist allerfeinster Stoppok: hausgemacht, dem Blues verwandt, witzig und nachdenklich. Schnörkellos treibt die Musik dank hervorragender Band voran, in stilechtem Vintage-Sound aufgezeichnet. Ebenso geradlinig – und doch wie immer mit spitzfindigen Wortspielen versehen – präsentieren sich seine Texte. Dabei käme der im Ruhrpott aufgewachsene Stoppok nie auf die Idee, uns mit erhobenem Zeigefinger belehren zu wollen. Er sagt es lieber mit Humor. Wem sonst fallen solche Sätze ein wie: „Wer im Kreis geht, spart sich den Rückweg und auch den Durchblick.“ (Für die Jury: Hans Reul)
Folk & Singer/ Songwriter
larsen Gjermund Larsen Trio: Reise. Galileo MC GMC 062

Früher hätte man es vielleicht „Lieder ohne Worte“ genannt, was der Geiger Gjermund Larsen mit seinem Trio entstehen lässt: sangbare Melodien, von der „Fiddle“ in immer neuen Varianten umspielt, von Klavier oder Harmonium in einfachen Harmoniefolgen umwoben und von einem weich getupften Kontrabass geerdet. Jeder Ton, jeder Akzent, jeder Atmer ist genau da, wo er hingehört – als wäre dieser fragile Mix aus Folk, Jazz und klassischen Elementen das Natürlichste der Welt. In Eile sollte jedenfalls nicht sein, wer mit diesem norwegischen Trio auf Reisen geht. (Für die Jury: Imke Turner)


Traditionelle ethnische Musik
ogoya Ogoya Nengo & The Dodo Women’s Group: Rang’Ala. Honest Jons HJRCD 100162 (Indigo)

Nein, wie ein Popstar sieht sie nicht aus, die einundsiebzigjährige Ogoya Nengo, wie sie da in einem Lehnstuhl im kenianischen Urwald sitzt. Sie ist aber ein Star, die beste und auch bestbezahlte Sängerin der Luo in ihrer Heimat am Rande des Viktoriasees. Regelmäßig muss sie bei Hochzeiten, Ringkämpfen oder anderen Ereignissen singen, bei denen getrunken und gefeiert wird. Hier präsentiert sie genau jenes traditionelle Repertoire, das „Dodo“ heißt. Begleitet wird sie von Perkussionsinstrumenten, gelegentlich noch von einer Pfeife sowie Chorsängern. Das hat Kraft, hat Ausstrahlung, es wirkt gleichzeitig archaisch und zeitgenössisch. Ein sehr willkommener anderer Blick in heutige Musikwelten Afrikas. (Für die Jury: Bernhard Hanneken)


Weltmusik
amparo-sanchez Amparo Sánchez: Espiritu del Sol. World Village WV 479101 (harmonia mundi)

Produziert von Joey Burns und mit dem flirrenden Wüstensound von dessen Band Calexico unterlegt, leuchten in den zwölf Titeln des Albums „Espiritu del Sol“ Rumba und kubanischer Son, Reggae und mexikanische Mariachi-Klänge auf. Gastmusiker wie der Argentinier Raly Barrionuevo oder das Tapacamino Colectivo Musiquero setzen überraschende Akzente. Und bei aller musikalischen Abwechslung verdichtet hier die charismatische spanische Sängerin Amparo Sánchez, vormals Frontfrau der Band Amparanoia, die leidenschaftliche Vielfalt der internationalen „Mestizo“-Szene zu ihrem ureigenen Stil. (Für die Jury: Jürgen Frey)


Blues
marcia-ball Marcia Ball: The Tattooed Lady And The Alligator Man. Alligator Records ALCD 0854964 (in-akustik)

Pralle Lebensfreude, die das Tanzbein zucken lässt, ein balladesker Blick nach Innen, Übermut und Feingefühl: Dieses Album lotet ein weites Spektrum aus. Marcia Ball hat in den mehr als vierzig Jahren ihrer Solokarriere nichts an Kreativität und künstlerischer Klasse eingebüßt. Ihr Klavierspiel ist ökonomisch und doch beseelt, der Gesang erotisch und reif, das Songwriting von vorzüglicher Qualität. Musikalisch reist Ball einmal mehr zu den Wurzeln, kreuzt die sumpfige Schwüle Louisianas mit dem multiethnischen Sound von New Orleans, mischt Tex Mex, Zydeco und unwiderstehlichen Boogie. Und im Rücken weiß sie eine Band, die wie ein Uhrwerk funktioniert. Das ist der Blues, den wir hören wollen! (Für die Jury: Michael Rauhut) 



Hörbuch
meisterundmargarita Michail Bulgakow: Meister und Margarita. Komposition & Regie: Klaus Buhlert. Mit Michael Rotschopf, Manfred Zapatka, Valery Tscheplanowa, Karl Markovics u.a. 12 CDs, der Hörverlag, Bayerischer Rundfunk Hörspiel und Medienkunst 2014 ISBN 978-3-8445-1428-5  

Es sei dies „mehr als ein gelesenes Buch, es war ein gelebtes Buch, eine Art Bibel“, so der Lyriker und Übersetzer Alexander Nitzberg über den Roman „Der Meister und Margarita“. Michail Bulgakows Hauptwerk durfte erst nach seinem Tod in der sowjetischen Tauwetterperiode zensiert erscheinen, es ist ein inhaltlich, stilistisch und in seiner politischen Doppelbödigkeit faszinierend vielschichtiges Buch, für dessen literarischen Kultstatus in Russland kein deutsches Pendant bekannt ist. Nitzberg hat ihm in seiner Neuübersetzung die pralle Sprache zurückgegeben. Das Hörspiel von Klaus Buhlert vereint die erzählerische Eleganz eines gelesenen Buches mit der radiophonen Lebendigkeit schnell wechselnder Szenen aus dem stalinistischen Moskau – besetzt mit einem fantastischen Ensemble und atmosphärisch grundiert durch Buhlerts russisch angehauchte Musik. (Für die Jury: Michael Struck-Schloen)


Kinder- und Jugendaufnahmen
mr-dog Brian Conaghan: Jetzt spricht Dylan Mint, und Mr. Dog hält die Klappe. Martin Baltscheit. Oetinger audio 978-3-8373-0826-6

Dylan Mint, sechzehn Jahre alt, steckt nicht nur mitten in der Pubertät, er leidet auch an  Tourette. Wann immer Dylan in Stress gerät, meldet sich Mr. Dog, wie er seine Krankheit nennt, lauthals fluchend und bellend zu Wort. Das kann extrem peinlich sein, vor allem wenn Dylan der Mitschülerin Michelle begegnet. Und was sagte der Arzt da neulich zu seiner Mutter – muss er etwa schon bald sterben? Gut, dass Dylan seinen pakistanischen Freund Amir hat, mit dem er einfach alles besprechen kann. Fulminant verleiht Martin Baltscheit den Stimmen in dieser Geschichte von Brian Conaghan Wahrhaftigkeit, mal lustig, mal verzweifelt, dann wieder empört, bestimmt, traurig oder glücklich. Er erweckt ihre Persönlichkeiten, allen voran Dylan und Amir, überzeugend zum Leben. Ein Hörgenuss. (Für die Jury: Juliane Spatz)
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