Bestenliste 4-2016

Veröffentlicht am 15. November 2016icon Bestenliste 4-2016

Hörbeispiele durch Klick auf das Cover

DVD-Produktionen
Nina Simone Liz Garbus: What Happened, Miss Simone? – Her Story. Her Voice. Nina Simone, Lisa Simone Kelly, James Baldwin, Stokely Carmichael, Walter Cronkite, Stanley Crouch, Gerrit De Bruin, Dick Gregory, Hugh Hefner, Elisabeth Henry-Macari, Martin Luther King, Al Schackman, Attallah Shabazz, Ilyasah Shabazz, Andrew Stroud, Malcolm X. DVD, Eagle Vision EREDV1239 (Universal) 

Diese Dokumentation zeigt die „High Priestess of Soul“ zornig, schroff und voller Widersprüche. Was der Faszination dieser Künstlerin aber keinen Abbruch tut! Mit privatem wie öffentlichen Material und vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklung in den USA arbeitet Liz Garbus ohne Weichzeichner das Auf und Ab in Nina Simones Karriere heraus. In Interviews mit Tochter Lisa Simone, Ex-Ehemann Andrew Stroud oder Gitarrist Al Shackman, aber auch durch Blicke in das persönliche Tagebuch der Künstlerin entsteht ein mitunter schmerzlich intimes Porträt. (Für die Jury: Berthold Klostermann)

Orchestermusik
Felx Mendelssohn Bartholdy Felix Mendelssohn Bartholdy: Symphonien Nr. 1 op.11 c-moll & Nr. 4 op.90 A-Dur. Kammerakademie Potsdam, Antonello Manacorda. Sony 88985338792 

Leicht und spritzig, aber auch energiegeladen und körperhaft klingt die Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy in den Aufnahmen, die der Kammerakademie Potsdam und ihrem Chefdirigenten Antonello Manacorda gelungen sind. In hellem Ton, mit federnder Attacke und vielgestaltiger Artikulation bringt das klein besetzte, agil klingende Orchester die Symphonien 1 und 4 zu glänzender Wirkung. Virtuosität heißt hier aber nicht: Äußerlichkeit! Der tänzerische Gestus ist vielmehr von packender Expressivität getragen. (Für die Jury: Peter Hagmann)
Sergej Prokofieff Sergej Prokofjew: Violinkonzerte Nr. 1 op.19 D-Dur & Nr. 2 op.63 g-moll, Sonate op.115 D-Dur. Vadim Gluzman, Estonian National Symphony Orchestra, Neeme Järvi. BIS-SACD 2142. (Klassik Center)

An Einspielungen der beiden Violinkonzerte von Sergej Prokofiew herrscht zwar wahrlich kein Mangel, dennoch eröffnet eine so prominent besetzte Neuerscheinung immer wieder auch neue Aspekte, die kennenzulernen sich lohnt. Der Geiger Vadim Gluzman, Schüler unter anderem von Zakhar Bron und Dorothy DeLay, gefällt nicht nur durch seine makellose Technik, auch durch die vollkommen natürliche Diktion und den Klangfarbenreichtum seines Spiels. Dabei ist ihm das Estnische Nationale Sinfonieorchester unter Neeme Järvi ein gleichgewichtiger Partner, in vorbildlicher klanglicher Ausgewogenheit. (Für die Jury: Hartmut Lück)

Oper
Venus und Adonis Johann Christoph Pepusch: Venus and Adonis. Ciara Hendrick, Philippa Hyde, Richard Edgar-Wilson, The Harmonious Society of Tickle-Fiddle Gentlemen, Robert Rawson. Ramée RAM 1502 (Outhere/Note 1) 

Schwer zu entscheiden, was an dieser Aufnahme von Pepuschs Bühnenwerk „Venus and Adonis“ von 1715 an erster Stelle zu loben ist: die Meisterschaft, mit welcher der nach London übersiedelte Komponist die großen Dimensionen der italienische Opera Seria zu einem knappen, der englischen Sprache angemessenen Einakter umschmolz, der sinnenbetörende melodische Reichtum der Arien und Duette oder die drei von einer Schar gut gelaunter „Geigenkitzler“ begleiteten Solisten, die das bezaubernde, tragisch endende Liebesgetändel mit schlackenloser Leichtigkeit vergegenwärtigen. Ein Kleinod des barocken Musiktheaters, kongenial zur Aufführung gebracht. (Für die Jury: Max Nyffeler)



Edouard Lalo Édouard Lalo, Arthur Coquard: La Jacquerie. Véronique Gens, Nora Gubisch, Charles Castronovo, Boris Pinkhasovich, Jean-Sebastién Bou, Patrick Bolleire, Enguerrand de Hys, Orchestre Philharmonique de Radio France, Patrick Davin. 2 CDs, Singulares ES 1023 (Outhere/Note 1)

Im doppelten Sinne eine Rarität: „La Jacquerie“ ist ein unbekanntes Werk von zwei Verfassern, das den blutigen Bauernaufstand im Frankreich des Jahres 1358 verhandelt. Édouard Lalo begann die Komposition, nach seinem Tod wurde sie vollendet von Arthur Coquard. Beide beschritten trotz des revolutionären Stoffes kompositorische Pfade jenseits von Giordano oder Wagner. Zu erleben ist die Verzweiflung des leidenden Individuums in versuchten, scheiternden Umstürzen. Die Musik steht der Klangwelt Debussys näher und meidet selbst an dramatischen Höhepunkten Verismo-Dramatik. Bestens passen dazu die Interpreten, sie beleben ein Werk über die Mühseligen und Beladenen jener Epoche. (Für die Jury: Wolf-Dieter Peter)
Kammermusik
Insights – Arnold Schönberg Arnold Schönberg: Streichquartette Nr. 1 - 4. Asasello Quartett. 2 CDs, Genuin Gen16429 (Note 1)

Schönbergs Streichquartette sind keine kleine Nachtmusik. An intellektueller Wachsamkeit fordern sie viel von den Interpreten. Umso verblüffender, wie selbstverständlich sie auch klingen können, bei allem analytischen Durchdringen dominant spielerisch und immer dem Hörer zugewandt. Hier bewährt es sich, dass das noch junge Asasello-Quartett von Walter Levin trainiert wurde, Gründungsmitglied des mit neuer Musik vertrauten LaSalle Quartets. Im zweiten Streichquartett fis-moll, das mit der Vertonung zweier Gedichte von Stefan George zur Kantate wird, einer Grabplatte über der Ehe des Komponisten, tritt die Sopranistin Eva Resch hinzu. Ihr hinreißender Vortrag, der auch nervöses Flackern der Faktur nicht unterschlägt, vollendet diese „neue“ Interpretationsidee. (Für die Jury: Thomas Rübenacker)

Tasteninstrumente
Lars Vogt, For children "For Children". Werke von Thomas Larcher, Robert Schumann, Béla Bartók. Lars Vogt. CAvi-music 42600 85533107 (harmonia mundi)

Sechzig Miniaturen umfasst dieses Recital mit kindlichen, jugendlich-reifen und prä-erwachsenen Stücken von Robert Schumann, Béla Bartók und Thomas Larcher: eine mit pianistischer Akkuratesse unternommene Rundreise durch den wundersamen Kosmos gescheiter Naivität und vorwitziger Ungebärdigkeit, zu lokalisieren zwischen Kunstsinnigkeit, bärbeißiger Volkstümlichkeit, aber auch unschuldiger Klaviersimplizität. Es lohnt sich, wie Vogt belegt, aus den umfangreichen Sammlungen von Schumann und Bartók eine persönliche Auswahl zu treffen. Larcher, Jahrgang 1963, erbringt mit seinen „Poems“ den ebenso anmutigen wie forschen Beweis, dass auch heute noch Stücke im anspruchsvollen Elementarbereich möglich sind. Klaviermusik sozusagen ab 6 – zum Glück nach oben hin offen. (Für die Jury: Peter Cossé)
„Frobergers Reisen“ „Frobergers Reisen“. Werke von Johann Jacob Froberger, Louis Couperin, Luzzasco Luzzaschi, Giovanni Gabrieli, Matthias Weckmann, Alessandro Poglietti, Johann Ulrich Steigleder, Wolfgang Ebner, Johann Caspar Kerll, Michelangelo Rossi, Girolamo Frescobaldi. Magdalena Hasibeder. 2 CDs, Raumklang RK 3503 (harmonia mundi) 

Magdalena Hasibeder glückt mit diesem Doppelalbum ein grandioses Porträt des vor vierhundert Jahren geborenen Tastenmeisters Johann Jacob Froberger. Nicht nur, dass sie seine Musik an der Orgel wie am Cembalo erfasst. Sie stellt sein Schaffen in den Kontext anderer Werke dieser Epoche. Und im Vergleich zu Komponisten wie Poglietti, Weckmann, Couperin oder Kerll leuchten Frobergers individuelle Eigenarten umso heller auf: Virtuosität, Geschmack, ein feiner Klangsinn und – davon nicht zu trennen – eine betörende Melancholie. (Für die Jury: Friedrich Sprondel)

Chorwerke
Beat Furrer: Werke für Chor und Ensemble. Beat Furrer: Werke für Chor und Ensemble. Helsinki Chamber Choir, Uusinta Ensemble, Nils Schweckendiek. Toccata Classics TOCC 0360 (Naxos)

Das natur- und selbstzerstörende Rätselwesen Mensch ist Thema und Adressat von Beat Furrers Textauswahl der düsteren Prophezeiungen Leonardo da Vincis. In seinem A-cappella-Chorzyklus „enigma“ , entstanden 2006 bis 2013, spiegelt der in Wien lebende Schweizer Komponist das Ungeheuerliche im Menschenmöglichen an vokaler Lautgebung: Atemgeräusche, tonlose Sprachrhythmik, Echos der Renaissance-Madrigalistik und eine elegische Schönheit, aufdämmernd zwischen Aufschrei und Beklommenheit. In dieser stimmtechnisch und klanglich exzellenten Erstaufnahme offenbaren Furrers scheinbar statische Strukturen ihr dramatisches Potenzial und eine faszinierende Sinnlichkeit. Vergleichbares gilt vom Chor- und Ensemblewerk „voices – still“ (2001) und vom Instrumentalquintett „... cold and calm and moving“ (1992). (Für die Jury: Martin Mezger)



Alte Musik
Johann Caspar Kerll: Missa pro defunctis. Johann Caspar Kerll: Missa Pro Defunctis. Johann Joseph Fux: Kaiserrequiem. Vox Luminis, L’Acheron, Scorpio Collectief, Lionel Meunier. Ricercar RIC 368 (Note 1) 

Eine CD der Überraschungen! Sie kombiniert das hochbarock-prunkvolle Wiener „Kaiserrequiem“ von Johann Joseph Fux aus dem Jahr 1720 mit der wohl vierzig Jahre früher komponierten, intim-milden Totenmesse des ebenfalls am Habsburger Kaiserhof wirkenden Johann Caspar Kerll. Das durch Instrumentalisten ergänzte belgische Vokalensemble Vox Luminis überzeugt mit seinem innigen, warmen Stimmklang sowohl in Kerlls kleinbesetzter, düster-introvertierten Musik wie in dem ungleich expressiveren, großformatigen Fuxschen Requiem. Mehr als einmal meint man, Mozart müsste beide Werke gekannt haben, als er sein Requiem schrieb. Wie Fux verwendet er im „Tuba mirum“-Satz der Sequenz eine Soloposaune: Zufall? (Für die Jury: Uwe Schweikert)



Klassisches Lied & Vokalrecital
Shakespeare Songs „Shakespeare Songs“. Lieder von Gerald Finzi, William Byrd, Francis Poulenc, John Wilson, Thomas Morley, Robert Johnson, Joseph Haydn, Roger Quilter, Ivor Gurney, Peter Warlock, Erich Korngold, Benjamin Britten, Michael Tippett, Igor Strawinsky, Franz Schubert. Ian Bostridge, Antonio Pappano, Elizabeth Kenny, Adam Walker, Michael Collins, Lawrence Power. Warner Classics 0190295944735

Kein Klang ist überliefert von den Liedern, die William Shakespeare in seine Dramen eingebaut hat – was viele Komponisten zur Vertonung reizte, zu allen Zeiten. Vom Volkstümlichen bis zum doppelbödigen Kunstlied spannt sich der Bogen, was geradezu verlangt nach einem Interpreten wie Ian Bostridge, der mit fein dosiertem Ausdruck Unterschiede und Gemeinsamkeiten hörbar macht. Antonio Pappano, der viel zu selten als Pianist auftritt, ist auch abseits des Pults ein animierender, symbiotisch agierender Partner am Klavier. Dazu treten von Fall zu Fall Laute, Klarinette und Bratsche. Eine klug zusammengestellte, nie zeigefingernde CD, die auf sinnliche Weise einlädt zur Reise durch die Stilepochen. (Für die Jury: Markus Thiel)

Historische Aufnahmen
Robert Schumann: Violinkonzerte Robert Schumann: Violinkonzerte. Georg Kulenkampff, Saschko Gawriloff, Berliner Philharmoniker, Karl Böhm, Westfälisches Sinfonieorchester, Walter Gillessen. Podium Pol-1053 (Klassik Center)

Von Robert Schumanns 1937 posthum uraufgeführtem Violinkonzert kennt man die Premierenbesetzung mit Georg Kulenkampff und den Berliner Philharmonikern, auch gibt es eine nachträgliche Studioaufzeichnung unter Hans Schmidt-Isserstedt. Doch die im Radio übertragene Live-Premiere unter Karl Böhm schien nicht aufgezeichnet worden zu sein. Nun ist sie doch aufgetaucht. Das Beiheft informiert akribisch über die näheren Umstände des Fundes und gibt Hinweise zu interpretatorischen Varianten. Eine weitere Sensation ist der Mitschnitt der Generalprobe zur Uraufführung der Violinfassung des Cellokonzerts, in Schumanns eigener, lange übersehener Bearbeitung, gespielt von Gawriloff in Köln 1987. Raritäten von höchstem Rang! (Für die Jury: Christoph Zimmermann)

Zeitgenössische Musik
Chaya Czernowin: The Quiet – Works for Orchestra. "The Quiet". Werke von Chaya Czernowin für Orchester. Kai Wessel, Stephan Schmidt, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, West-Eastern Divan Orchestra, Philharmonisches Orchester des Staatstheaters Cottbus, Ensemble Nikel, Berner Symphonieorchester, Brad Lubman, Mario Venzago, Evan Christ, Francois-Xavier Roth. Wergo WER 73192 (New Arts International) 

Wenn Komponisten von einem "neuen Weg" in ihrem Schaffen sprechen, gilt es die Ohren zu spitzen, spätestens seit Beethoven. Oft enthalten erste Werke auf diesem Weg nämlich nicht bloß den Keim für Künftiges – sie sind selbst schon vollendete Verkörperungen des Neuen. So auch bei diesem Album mit Orchesterstücken der israelischen Komponistin Chaya Czernowin aus den Jahren 2010 bis 2013, die allesamt eine stilistische Neuorientierung widerspiegeln. Czernowin erkundet darin Grenzbereiche der Stille, die freilich keineswegs immer leise, geschweige denn leer klingt, sondern überraschend reich – und manchmal sogar unheimlich. (Für die Jury: Christian Wildhagen)

Grenzgänge
Sinikka Langeland: The Magical Forest. Sinikka Langeland: The Magical Forest. Trygve Seim, Arve Henriksen, Anders Jormin, Markku Ounaskari, Trio Mediaeval. ECM 2448 (Universal)

Sie beschwören Überlieferungen, die bis in archaische Schichten der Kultur zurückreichen, um sie zugleich in einen zeitgenössischen Kontext einzubinden: die Kantele-Spielerin, Sängerin, Komponistin und Poetin Sinikka Langeland mit ihrem exzellenten skandinavischen Quintett und das Vokal-Trio Mediaeval. Der Finnskogen, ein riesiges Waldgebiet, das sich zwischen Schweden und Norwegen erstreckt, bildet den geographischen Bezugspunkt, die Beteiligten finden ihre Fundierung in spiritueller Besinnung. Aus der Symbiose der beiden Ensembles erwächst eine Musik, die betört und verzaubert, angefüllt mit magischer Kraft, himmlischer Zartheit und rauher Schönheit. (Für die Jury: Bert Noglik)

Jazz
Allen Toussaint: American Tunes. Allen Toussaint: American Tunes. Nonesuch 0075597946772 (Warner)

Posthum sind diese letzten Aufnahmen des Pianisten und Performers Allen Toussaint erschienen der auch als Produzent und Arrangeur Generationen von Musikern beeinflusst hat. Die Gitarristen Greg Leisz und Bill Frisell sowie der Saxophonist Charles Lloyd sind bei diesen Sessions als Gäste mit dabei. Im Vordergrund aber steht natürlich das Pianospiel von Toussaint selbst, mit Songs von Professor Longhair und Fats Waller bis hin zu Paul Simon. Raumfüllend aufgenommen, mit großartiger Piano-Kunst vom Solo- bis zum Trio-Format, ist dieses Album ein Vermächtnis einer Legende, die eng mit der Musik von New Orleans verbunden war. (Für die Jury: Lothar Jänichen) 


Don Cherry, John Tchicai... Don Cherry, John Tchicai, Irène Schweizer, Léon Francioli, Pierre Favre: Musical Monsters. Intakt CD 269 (harmonia mundi)

Als sich John Tchicai, Don Cherry, Irène Schweizer, Léon Francioli und Pierre Favre im Jahr 1980 für ein einmaliges Konzert unter dem Namen „Musical Monsters“ beim Willisau-Festival trafen, war nichts geprobt. Zum 75. Geburtstag der Pianistin Irène Schweizer erscheint diese Innenschau des improvisierten Avantgarde-Jazz der achtziger Jahre jetzt zum ersten Mal. Nur ein paar wenige Melodiefragmente geben der Kollektivimprovisation einen Hauch von Struktur. Ansonsten ist ein musikalischer Freiheitsbegriff wirksam, der heute kaum mehr rekonstruierbar zu sein scheint - angesichts jener überbordenden Besessenheit, Selbstverständlichkeit und Naivität, mit der das Neue angegangen wird. Gelingen und Kalkül sind nicht im Blick: eine Musik, der man beim Entstehen zuhören kann. (Für die Jury: Christian Broecking) 


Alternative
Wild Beasts: Boy King Wild Beasts: Boy King. Domino WIGCD348 (goodtogo)

Mit ihrem fünften Studioalbum hat die britische Band Wild Beasts zu einer Hochform gefunden. Wir hören bemerkenswerte Bassläufe, nervös synkopische Schlagzeugbreaks, irrlichternde Gitarren – und, wie sich all dies zu einer seltenen, originellen Harmonik fügt, die sich irgendwo zwischen Pop, Indie und Avantgarde ein Plätzchen suchen und doch nicht finden will. Verblüffend, wenngleich gewöhnungsbedürftig der Gesang der beiden Frontmänner Tom Fleming und Hayden Thorpe in seiner Wechselwirkung, angenehm verrätselt und ironiegespickt die Texte. Und stark geraten schließlich ist die Produktion des grammygekrönten John Congelton (Modest Mouse, The Swans). (Für die Jury: Jan Ulrich Welke)


Hard & Heavy
Sodom: Decision Day Sodom: Decision Day. Steamhammer 0886922706004 (SPV)

Sodom zählen neben Kreator und Destruction zu den wichtigsten Thrash Metal-Bands Deutschlands. Ihre frühen Werke beeinflussten halb Skandinavien und die zweite Welle des Black Metal. Mit „Decision Day“ kehrt das Ruhrpott-Trio nun zu den Anfängen zurück. Songs wie „In Retribution“, „Caligula“ oder „Vaginal Born Evil“ wirken bei weitem nicht mehr so rumpelig wie das Frühwerk von Tom Angelripper und Co., sie weisen aber eine unglaubliche Aggressivität auf, gepaart mit feinem Verständnis für Melodien. Nach den letzten, starken Veröffentlichungen legen Sodom noch mal einen drauf und beweisen schlappe fünfunddreißig Jahre nach ihrer Gründung, dass sie zu den Großen des Genres gehören. (Für die Jury: Marc Halupczok)


R&B, Soul & HipHop
Anthony Joseph: Caribbean Roots. Anthony Joseph: Caribbean Roots. Heavenly Sweetness HS131VL (Indigo)

Auf seinem sechsten Studioalbum führt Anthony Joseph sein bisheriges Schaffen zu einem großartigen Höhepunkt. Die Idee war, die Vibes und Sounds der gesamten Karibik von San Fernando Scarborough bis hin zu Port-Au-Prince und Havanna zusammen zu bringen (Calypso einmal außen vor gelassen). Eine Allstar Band lässt Afro-Futurismus, Free Jazz und Voodoo Funk in teils rasanten Passagen laut und deutlich verschmelzen. Joseph ist Schriftsteller, Rapper, Poet, Musiker, Maler und Hobbykoch, er lebt im quirligen, multikulturellen London, wo ihm die meisten Inspirationen im täglichen Leben über den Weg laufen. Der Anstoß für seine aussagekräftigen Texte ist nicht politischer Natur, doch das Ergebnis doch davon geprägt, leidenschaftlich und voller Soul. (Für die Jury: Michael Rütten)



Blues
Keb’ Mo’ & Band: That Hot Pink Blues Album Keb’ Mo’ & Band: That Hot Pink Blues Album – Live 2015. 2 CDs, Kind Of Blue Music CDKOBL41475 (H’Art)

Zweifelsohne handelt es sich beim Blues, im Vergleich zu anderen Genres, um Minderheitenmusik für ein spezielles Publikum. Keb’ Mo’ holt ihn aus seinem Nischendasein, reichert ihn an mit Elementen des Soul und des Pop, macht ihn so für Neueinsteiger leichter hörbar. Dabei ist es ihm ein stetes Anliegen, seine große musikalische Liebe auf keinen Fall zu verwässern oder seine Herkunft zu verleugnen. „Hört her, wie modern diese geschichtsträchtige Musik, auf deren Fundament im Grunde doch alles ruht, heutzutage klingen kann“, so heißt das Motto. Selten ist das so zutreffend wie bei den gleichermaßen lässig wie elegant arrangierten Live-Versionen, die hier auf einer Doppel-CD vereint sind. (Für die Jury: Karl Leitner) 


Liedermacher
Georg Ringsgwandl: Woanders. Georg Ringsgwandl: Woanders. Blanko Musik/Capriola 88985355802 (Sony)

„Mit ein paar Leuten zusammen zu musizieren, und diese Leute verschmelzen dann zu einer Art Organismus – das ist eine der beglückendsten Erfahrungen, die man machen kann.“ Was der als singender Oberarzt bekannt gewordene Künstler über sein neuestes Werk sagt, können Hörer dieser CD sofort nachvollziehen: Ringsgwandl und seine Band präsentieren Songperlen vom Feinsten, aufgenommen mit unverstärkten Instrumenten, live im Wohnzimmer. Im Grundton Blues gehalten, zeichnen die Texte nur allzu menschliche Gedanken und Verhaltensweisen nach – dies meist im Dialekt, denn der, so Ringsgwandl, „wird nicht von einer regierungsamtlichen Akademie verordnet, sondern er entsteht im Alltag der Leute.“ (Für die Jury: Michael Kleff)



Folk und Singer/ Songwriter, Weltmusik, Traditionelle ethnische Musik
Anne-Mari Kivimäki: Lakkautettu Kylä. Anne Mari Kivimäki: Lakkautettu Kylä. Nordic Notes NNO79 (Broken Silence)

Anne Mari Kivimäki widmet ihr Album den Menschen aus dem Dorf Suistamo in Karelien, das nach dem Zweiten Weltkrieg der Sowjetunion einverleibt wurde. Die Lieder erzählen von ihrem Schicksal, zwischendurch sind knisternde O-Töne zu hören, Interviews mit den damaligen Flüchtlingen, auch Instrumentalstücke. Einige hat Kivimäki, Absolventin der berühmten Sibelius-Akademie in Helsinki, selbst komponiert, andere sind traditionell, die Polka aus Säkkijärvi spielten sogar schon die Leningrad Cowboys im gleichnamigen Film. Die CD ist aufgebaut wie eine Orchestersuite, und so ist sie in Finnland aufgeführt worden. Die Musik ist grandios, die Konzeption faszinierend, die Produktion ein großes Erlebnis – selbst für Hörer ohne Finnischkenntnisse. (Für die Jury: Gabriele Haefs)


Elza Soares: The Woman At The End Of The World. Elza Soares: The Woman At The End Of The World. Mais Um Discos 129922 (Indigo) 

Die großen Themen eines brasilianischen Star-Lebens, das in Armut beginnt und mit Kindesheirat im Alter von zwölf Jahren erwachsen wird, sind: Rassismus, häusliche Gewalt, Drogensucht, lodernde Lust. Verzerrte Gitarren-Wände, staksende Tonkaskaden, unruhig schiebende Rhythmen. Samba-Grooves? Ja! Karnevals-Queen? Nein! Unverhohlen singt die heute etwa achtzigjährige Elza Soares von ekstatischer weiblicher Libido, untermalt von Bläser-Riffs im Stil eines Agententhrillers. Die vielgeschmähte schwarze Frau von Brasiliens Fußballgott Garrincha, der sich später zu Tode soff, ist in jedem Ton glaubwürdig. Nach 33 Produktionen bekam sie nun erstmals ein Album auf den Leib geschneidert: Post-Samba vom Spitzenpersonal der progressiven Szene in Sao Paulo. (Für die Jury: Johannes Theurer)


Kayhan Kalhor, Aynur, Salman Gambarov, Cemîl Qoçgirî Kayhan Kalhor, Aynur, Salman Gambarov, Cemîl Qoçgirî: Hawniyaz. Latitudes HMC905277 (harmonia mundi) 

Mit „Latitude” (d.i. Breitengrad) hat das Label Harmonia Mundi eine neue Reihe ins Leben gerufen, um Künstler vorzustellen, die „durch eine poetische Vision zu allen Menschen der Welt jenseits von Sprache oder Stil sprechen“ sollen. Mit „Hawniyaz” ist dies hervorragend gelungen: Das Quartett aus kurdischen, persischen und aserbaidschanischen Musikern forscht in fünf langen Suiten nach neuen Wegen der Durchdringung nahöstlicher Traditionen. Sparsame Linien des Pianos, das rauchige, obertonreiche Spiel der Kniegeige und die versponnenen Skalen der Langhalslaute bilden den perfekten Rahmen für die majestätische Vokalkunst der Sängerin Aynur. Ein meditatives Meisterwerk, das ausgehend von alten Volkskulturen eine neue Klangsprache erschaffen hat. (Für die Jury: Stefan Franzen)


Hörbuch
Stephan Göritz: Krieg ist nicht gut für den Frieden. Kabarettisten und der Erste Weltkrieg. Stephan Göritz: Krieg ist nicht gut für den Frieden – Kabarettisten und der Erste Weltkrieg. Dieter Hildebrandt, Georg Kreisler, Werner Schneyder, Andreas Rebers, Otto Reutter, Richard Huelsenbeck, Saskia Kästner, Isabel Neuenfeldt, Gisela May, Karl Kraus, Volker Kühn. duo-phon-records ISBN 978-3-937127217

Einen Krieg, so Klabund, kann man nicht erleben, „nur ersterben“. Die Kabarettisten und Satiriker im Ersten Weltkrieg sind ein wenig bekanntes Kapitel deutscher Kulturgeschichte: Otto Reutter, heute berühmt für seine netten Couplets, droht den Franzosen; Alfred Kerr wütet, Thomas Mann ist ebenfalls auf der Höhe der Zeit, und der sehr jugendliche Brecht glaubt den Vorzug des Soldatentodes zu erkennen. Sogar Kurt Tucholsky tritt, bevor er Pazifist wird, für Kriegsanleihen ein. All diese bisweilen überraschenden Erkenntnisse führt das Feature von Stephan Göritz in intelligenter und mitreißender Form vor. Wobei sein Hörbild auch deutlich macht, wie leicht es heute fällt, die Schlachten-Jubler zu kritisieren: Als Nachgeborener weiß man es immer besser. (Für die Jury: Friedel Bott) 


Kinder- und Jugendaufnahmen
Karlheinz Koinegg: Metamorphosen – Erzählt nach den Geschichten des Ovid. Karlheinz Koinegg: Metamorphosen – Erzählt nach den Geschichten des Ovid. Torben Kessler, Irm Hermann, Ernst-August Schepmann, Stefan Kaminski, Henning Nöhren, Andreas Pietschmann. Der Hörverlag ISBN 978-3-8445-2139-9

Der römische Dichter Ovid hat in seinen Metamorphosen rund 250 der antiken Geschichten und Legenden zu einer einzigen großen Story verbunden, einem „Buch der Verwandlungen“: ein Feuerwerk aus griechischen Sagen und Mythen! Karlheinz Koinegg verwandelte einige der bekanntesten, darunter die von Dädalus und Ikarus, in sprühende Hörspiele, die erwachsene und junge Hörer ab zehn Jahren aufwärts gleichermaßen in Bann ziehen. Ein Vergnügen für die ganze Familie, klug, unterhaltsam und mit brillanten Sprecherinnen und Sprechern besetzt. (Für die Jury: Juliane Spatz)


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