Bestenlisten
Mit einem Platz auf der Bestenliste werden vierteljährlich die besten und interessantesten Neuveröffentlichungen der vorangegangenen drei Monate ausgezeichnet. Bewertungskriterien sind künstlerische Qualität, Repertoirewert, Präsentation und Klangqualität. Die Longlists sind ab 2014 direkt bei jeder Bestenliste hinterlegt.
NEU: Longlist 1/2026, veröffentlicht am 5. Januar 2026
Orchestermusik und Konzerte
Gustav Mahler: Symphonie Nr. 5
Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi. Alpha Classics 1127 (Naxos)
Paavo Järvi ist seit 2019 Chefdirigent des durch die langjährige Zusammenarbeit mit David Zinman Mahler-erprobten Züricher Tonhalle-Orchesters. Sie sind, wie diese Aufnahme zeigt, ideale Partner. Järvis Mahler ist detailgenau und spannungsvoll, in gelungener Balance zwischen Kraft und Beweglichkeit, ohne die schroffen Gegensätze zu überzeichnen. Eine zügig dahinfließende Interpretation, kontrastreich, transparent und ohne Pathos. Bei aller klanglichen Schönheit und Ausgewogenheit bleibt es jedoch immer eine dramatische Erzählung. Für die Jury: Peter Stieber
Orchestermusik und Konzerte
Schostakowitsch: Die Klavierkonzerte
Dmitri Schostakowitsch: Klavierkonzerte Nr. 1 & 2, Solowerke für Klavier. Yuja Wang, Boston Symphony Orchestra, Andris Nelsons. Deutsche Grammophon 486 6956 (Universal)
Mit subtil abgestufter Dynamik und Klangfarbe sowie einer entfesselten Virtuosität entfacht Yuja Wang in den Schostakowitsch-Klavierkonzerten, wie auch in einer Auswahl von Präludien und Fugen, ein Feuerwerk der Kontraste, changierend zwischen lyrischer Vertiefung und ironischer Zuspitzung. Mit dem exzellenten Boston Symphony Orchestra unter Andris Nelsons gelingt ihr eine feinsinnige Interpretation, die durch federnde Leichtigkeit und elektrisierend rasante Motorik fasziniert. Ein substanzieller und Maßstäbe setzender Beitrag zum Schostakowitsch-Gedenkjahr. Für die Jury: Norbert Hornig
Kammermusik
Pierre Boulez: Livre pour quatuor
Quatuor Diotima. Pentatone PTC 5187 360 (Naxos)
Mit dem Nimbus der Unspielbarkeit befindet sich Pierre Boulez’ »Livre pour quatuor« in bester Gesellschaft. Doch während wir heute genießerisch den späten Quartetten Beethovens lauschen, bleibt Boulez’ Streichquartett eine Hürde. Das französische Quatuor Diotima, das mit dem Komponisten noch persönlich zusammengearbeitet hat, legt hier eine, ja, »spielerische« Version vor: eine Lektüre dieses »Buches«, die dessen atomisierte und zugleich hoch verdichtete Sprache mit äußerster Klarheit darstellt. Mit dem von Philippe Manoury fertiggestellten 4. Satz wird es hier erstmals komplett vorgestellt. Für die Jury: Benjamin Herzog
Kammermusik
Unraveled: Homage to Maurice Ravel
Werke von Maurice Ravel, Jean-Philippe Rameau, Mikel Urquiza, Joan Pérez-Villegas. Kebyart. Linn CKD 779 (Naxos)
Dieses Album hat etwas Provokatives: Zu Ravels 150. Geburtstag findet das spanische Ensemble »Kebyart« einen Zugang zu dem Komponisten ohne ein einziges seiner Originalwerke – wie auch, hat Ravel doch nichts für Saxofonquartett geschrieben. Dennoch – oder vor allem – erstrahlen die beiden enthaltenen Werke von Ravel in überraschender klanglicher Raffinesse und werden durch den Blick zurück auf Rameau und die Perspektive auf die Gegenwart mit zwei zeitgenössischen Werken herrlich ironisch und erhellend neu beleuchtet. Ein Vergnügen auf höchstem Niveau. Für die Jury: Andreas Göbel
Tasteninstrumente
Beethoven: Bagatellen & Variationen
Ludwig van Beethoven: Bagatellen & Variationen opp. 33, 76 & 119, WoO 53, 65 & 80. Michael Korstick. cpo 555 564-2 (JPC)
Michael Korstick, einer der führenden Beethoven-Interpreten unserer Zeit, besticht in der Auswahl von Klaviervariationen und Bagatellen-Zyklen wieder durch die kompromisslose Kombination aus rigoroser Notengenauigkeit, schroffer Prägnanz und einer emotionalen Geladenheit, die man mit Beethovens »heiligem Zorn« assoziieren möchte. In den aphoristisch zugespitzten Bagatellen aber gewährt er Einblicke in Beethovens bipolare, zwischen Empfindsamkeit und entfesselter Emotion pendelnde Seele. So unterstreicht auch dieses Album Korsticks besondere Kompetenz für Beethovens musikalische Botschaft. Für die Jury: Attila Csampai
Tasteninstrumente
Bach: Arrangements & Transkriptionen
Johann Sebastian Bach: Arrangements & Transkriptionen für Orgel. Jean-Baptiste Dupont. 2 CDs, Audite 97.834 (Naxos)
Jean-Baptiste Duponts Album mit eigenen und fremden Bach-Bearbeitungen ist stark geprägt durch die Cavaillé-Coll-Orgel von Saint-Sernin in Toulouse. Doch verführt sie ihn nicht zum Schwelgen. Er artikuliert zupackend und scheut sich nicht, die Dynamik des Instruments auszunutzen. Besonders seine Chaconne-Bearbeitung überzeugt durch ihre zugleich pianistische und symphonische, maximal expressive Haltung. Purer Luxus sind seine zwei Versionen von Bachs sechsstimmigem Ricercar – und ein in jeder Sekunde lebendig bewegtes Bach-Spiel. Für die Jury: Friedrich Sprondel
Oper
Antonio Salieri: Cublai, Gran Kan de’ Tartari
Mirco Palazzi, Anicio Zorzi Giustiniani, Marie Lys, Äneas Humm, Fabio Capitanucci, Giorgio Caoduro, Ana Quintans, Lauranne Oliva, Chœur de chambre de Namur, Les Talens Lyriques, Christophe Rousset. 2 CDs, Aparté AP379 (harmonia mundi/Bertus)
Das Gerücht, er sei ein nur zweitrangiger Komponist gewesen, klebt wie Pech am Nachruhm Salieris. Zum Glück hat Christophe Rousset vor einem Vierteljahrhundert beschlossen, Salieris Prophet zu werden. Fünf von dessen Opern hat er seither rehabilitiert. »Cublai Gran Kan« ist die sechste: eine Politsatire, randvoll mit dreistem Buffowitz, aber auch blitzender Seriakoloratur, brillanten Ensembles. Das szenische Revival vor Jahr und Tag in Wien war leider überschattet von dummen Regie-Ideen. Für die Einspielung ging Rousset, mit großteils demselben Cast, ins Studio. Und beweist: Dieses Stück gehört auf die Bühne! Für die Jury: Eleonore Büning
Oper
Sergej Prokofjew: Krieg und Frieden
Andrei Zhilikhovsky, Olga Kulchynska, Arsen Soghomonyan u.v.a., Chor & Orchester der Bayerischen Staatsoper, Vladimir Jurowski, Regie: Dmitri Tcherniakov. Blu-ray/2 DVDs, Bayerische Staatsoper Recordings BSOREC2006 (Naxos)
Tolstois Riesenwerk auf die Opernbühne zu wuchten, ist eigentlich eine Unmöglichkeit. Kompositorisch ist das gelungen –und nun auch praktisch dem Team der Bayerischen Staatsopeer. In einem Einheitsbühnenbild, dem enorm wandelbaren Imitat des Moskauer »Hauses der Gewerkschaften«, gelingen anrührende Einzelschicksale, versuchte Normalität und das Massen-Elend aller Kriegsrealität. Dazu macht Jurowski die Bandbreite der Komposition hörbar. Das beeindruckend differenzierte Ensemble mit über 40 Solisten fesselt. Es ist eine würdige Erinnerung zu Prokofjews 70. Todestag. Für die Jury: Wolf-Dieter Peter
Chor und Vokalensemble
Bach: Messe in h-moll
Johann Sebastian Bach: Messe in h-moll, BWV 232. Pygmalion, Raphaël Pichon. harmonia mundi HMM 902754.55
Eine Messe als packendes Drama: Das ist hier zu erleben. Raphaël Pichon stellt mit seinem Ensemble Pygmalion das Credo von Bachs h-Moll-Messe ins Zentrum: ein oft martialischer Ohren-Thriller, der mit einer schwerelosen Auferstehung endet. Das Kyrie firmiert als kontemplative Einstimmung, durch das Gloria fegt der Heilige Geist, und das Sanctus ist wahre Herzensmusik. Musiziert wird in raschen Tempi, extrem lebendig und durchsichtig, oft mit tänzerischer Leichtigkeit und mit zahlreichen individuellen Farben. So kann uns selbst ein Repertoire-Stück noch das Staunen lehren. Für die Jury: Susanne Benda
Klassisches Lied und Vokalrecital
Johannes Brahms: Lieder
Christian Gerhaher, Gerold Huber. Sony Classical 19802897352
Manchmal braucht es nur 45 Sekunden wie in »Sehnsucht«: Vom Schatz, der fort ist, kündet Johannes Brahms, bei Christian Gerhaher und Gerold Huber tun sich Welten auf. Ein heikles Repertoire haben sie sich mit ihrem Album vorgenommen: Der Volkston der Lieder ist trügerisch. Was Einfachheit vorgaukelt, entfaltet unter der Oberfläche eine herbe, dunkle Komplexität. Kaum ein anderer kann das so erfühlen und klanglich abbilden. In der mikroskopischen Dichte ihrer Deutungen, in der bestechenden Reflexion vermitteln sie Ahnungen. Die können oft schlimmer sein, als alles offen anzusprechen. Für die Jury: Markus Thiel
Alte Musik
Gullivers Reisen
Georg Philipp Telemann: Musik für Streicher (Sonaten, Concerto à 4, Trietto, Gulliver Suite). Capricornus Consort Basel, Péter Barczi. Christophorus CHR 77482 (Note 1)
In seiner »Gulliver-Suite« für zwei Geigen ohne Bass nimmt Telemann satz- und notationstechnische Konventionen seiner Zeit aufs Korn. Diesem humorvollen Kabinettstück steht die berührende Ernsthaftigkeit der drei hier vorliegenden Quintette für Streicher und Basso continuo gegenüber. Dazwischen stehen zwei Quartette und zwei Trios. Das Capricornus Consort Basel musiziert alles mit ausgesprochen schönem Ton, tiefer Emotionalität und temperamentvoller, aber nicht überzogener Spielfreude. Ein außerordentlich überzeugendes Plädoyer für die Vielfalt und Originalität von Telemanns Kammermusik! Für die Jury: Matthias Hengelbrock
Zeitgenössische Musik
New Recorder Concertos
Blockflötenkonzerte von Samir Odeh-Tamimi, Liza Lim, Dai Fujikura, Iris ter Schiphorst. Jeremias Schwarzer, Bamberger Symphoniker, Ensemble Resonanz, Münchner Kammerorchester, SWR Symphonieorchester. New Focus Fcr430 (Direktvertrieb)
Oft als Anfängerinstrument in die Ecke gestellt, ist die Blockflöte längst in der zeitgenössischen Musik, meist im experimentell-improvisatorischen Bereich, angekommen. Jeremias Schwarzer widmet sich seit Jahren intensiv neuen Kompositionen für dieses Instrument. Er und vier verschiedene Ensembles präsentieren Werke von vier Komponistinnen und Komponisten, die in vielerlei Hinsicht virtuos erscheinen, doch ganz unterschiedlich gestaltet sind. Sie bilden einen kontrastreichen Einblick in die Vielfalt blockflötenvirtuoser Möglichkeiten, zumal in den Werken ganz unterschiedliche ästhetische Ansätze verfolgt werden. Für die Jury: Nina Polaschegg
Historische Aufnahmen
Eugene Ormandy: The RCA Victor Recordings 1935-1942
Kirsten Flagstad, Fritz Kreisler, Jascha Heifetz, Emanuel Feuermann, Arthur Rubinstein, The Philadelphia Orchestra, Eugene Ormandy. 21 CDs, Sony Classical 9658771062
Das diskografische Erbe Eugene Ormandys ist ebenso beeindruckend wie die jahrzehntelange Treue des Dirigenten zu seinem Orchester. In einer Reihe mehrerer CD-Boxen liegen hier die hoch geschätzten frühen Aufnahmen mit dem Philadelphia Orchestra für RCA Victor aus den Jahren 1935-1942 vor. Repertoireschwerpunkte sind russische Komponisten, Richard Strauss, Jean Sibelius und zeitgenössische amerikanische Komponisten. Unter der beeindruckenden Liste von Solisten sticht das Violinkonzert von Louis Spohr mit Albert Spalding hervor. Für die Jury: Stephan Bultmann
Grenzgänge
Savina Yannatou, Primavera en Salonico, Lamia Bedioui: Watersong
ECM 2773 (Universal)
Wasser als Quelle des Lebens umreißen Lieder aus mehreren Kontinenten; gestaltet mit großer Bandbreite von versierten Weltmusikern. Was Menschen aus unterschiedlichen Kulturen mit Wasser verbinden, legen Text und Musik nahe. Freude und Leid, aber auch Magisches und Spirituelles wird global mit dem Wasser verbunden. Am Ende schlagen die Interpreten eine Brücke zwischen Ost und West, indem sie das Spiritual »Wade in the Water« mit dem ägyptischen Lied »Allah Musau« verbinden, das von Moses und seinem Gott handelt. Ein Stück Zuversicht durch Einheit in der Verschiedenheit. Für die Jury: Heinz Zietsch
Musikfilm
Die Alchemie des Klaviers
The Alchemy of the Piano. Ein Film von Jan Schmidt-Garre. Francesco Piemontesi, Alfred Brendel, Ermonela Jaho, Jean-Rodolphe Kars, Stephen Kovachevich, Antonio Pappano, Maria João Pires u.a.. DVD/Blu-ray, Naxos 2.110778 / NBD0186V
Wie können Pianistinnen und Pianisten Nuancen des musikalischen Ausdrucks überhaupt hervorbringen? Ihr Instrument ist doch »nur« eine mechanische Schlagapparatur. Durch »Alchemie« lautet die Antwort des Pianisten Francesco Piemontesi. Er besucht namhafte Interpretinnen und Interpreten wie Pires, Pappano, Kovacevich u.a. Sie verraten das Geheimnis hinter ihrer magischen Mensch-Klavier-Symbiose: Stimm- und Farbgebung, imaginierte Texte, gestreckte Finger, Körperhaltung, religiöser Glaube – und sogar die Frage, ob die Hände beim Klavierspiel ausschlaggebend sind. Am Ende ein Vermächtnis: Das letzte Unterrichts-Gespräch mit Alfred Brendel. Für die Jury: Thorsten Lorenz
Jazz
Tobias Wiklund: Inner Flight Music
CD/2 LPs, Stunt Records STUCD 25062 (in-akustik)
Stilistische Bandbreite und Stimmungsvielfalt sind enorm im Füllhorn seiner Kompositionen. In der Gründerzeit des Jazz war das Kornett allgegenwärtig. Wohl keiner spielt heute noch das rar gewordene Instrument so ausdrucksstark und seelenvoll, so unverwechselbar, berührend und betörend wie der Schwede Tobias Wiklund. Sein Album handelt von spirituellem Erwachen, der Beziehung von Mensch und Gott sowie der Allgegenwart der Liebe – Musik eines zutiefst spirituellen Musikers, der innerlich glüht und den Funken überspringen lässt. Für die Jury: Marcus A. Woelfle
Jazz
Anouar Brahem, Anja Lechner, Django Bates, Dave Holland: After The Last Sky
CD/2 LPs, ECM 2838 (Universal)
Das Geflecht der Stimmen fügt sich zu betörendem Klang. Mit dem Pianisten Django Bates, Dave Holland am Bass und der wunderbar in den Kreis der Vertrauten einbezogenen Cellistin Anja Lechner gelingt dem tunesischen Oud-Spieler und Komponisten Anouar Brahem eine faszinierende Symbiose aus arabischer Tradition, europäischer Romantik und neutönender Improvisation. Im Niemandsland zwischen den Kulturen, zwischen Traum und Erinnerung erblüht eine Musik, die Brahem an die Tragödie von Gaza denken lässt. Ein großes Lamento, das mit sublimer Schönheit zugleich die Achtung vor dem Leben beschwört. Ein Meisterwerk. Für die Jury: Bert Noglik
Weltmusik
Fanfare Ciocarlia & Adrian Raso: The Devil Rides Again
Asphalt Tango Records 0008725ATR (Indigo)
Saxofone, Trompeten und Tubas bilden die homogene Roma-Klangwalze »Fanfare Ciocarlia«. Bläser (plus Perkussion) aus dem dörflichen Rumänien treffen in »Film Noir« Kostümierung auf den kanadischen Gitarristen Adrian Raso; Balkan-Humptata verschmilzt mit Twäng-Gitarre und Banjo. Django Reinhardt-Fan Raso schreibt Swing, Twist, Rock oder »Stomp«. Mal trampelt ein Tuba-Solo, mal hoppelt das rockige »I’m A Man« von Steve Winwood wie über Kopfsteinpflaster. Dolly Parton’s flehendes »Jolene« erklingt in Polterversion – das sind herrlich liebenswerte Grenzüberschreitungen mit weniger rasanten Tempi als auf der Vorgänger-CD. Für die Jury: Johannes Theurer
Traditionelle Ethnische Musik
Assafir: Traversées
Digital/CD, Rakomelo 15509648 (Direktvertrieb)
Verlust und Annäherung im östlichen Mittelmeer; »Travesèes« (Kreuzungen) zwischen der Türkei und Griechenland – diese liebevolle Zusammenfassung voll Schönheit und Tragik produzierte das akustisch besetzte Sextett in Paris; und in sechs Sprachen. Traditionell ist das Ensemble instrumentiert: mit Quanun, Oud, Klarinette, Akkordeon, Darabuka und einem Streichertrio als Gästen. In wohltuender Ruhe wechseln die Stile. Improvisationen mit Vierteltönen sind zu hören, türkische Arabesque und griechischer Tanz stehen Pate. Mitunter ergreifend: die kraftvolle Stimme von Clémence Gabrielidis. Das Resümee: »Lasst uns feiern!« Für die Jury: Johannes Theurer
Liedermacher
Johan Meijer: Ohneland Blues
Nederossi NOP250318 (Direktvertrieb)
Johan Meijer, 1951 in den Niederlanden geboren, ist in Deutschland aufgewachsen. Vaterland? Mutterland? Heimatland? »Vielland«? Meijer versteht sich ohnehin als Europäer, entdeckt und singt Lieder aus anderen Ländern. Schon 2011 wurde er für »Europeana« mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Meijer kennt keine kulturellen oder sprachlichen Begrenzungen; und sagt: »An Grenzen konnte ich mich nie gewöhnen.« Die aktuelle CD »Ohneland Blues« führt von Elten über Frankfurt und Rom nach Babel, ist ein Plädoyer für Offenheit und Toleranz. Das ist in diesen Zeiten wichtiger denn je. Für die Jury: Hans Reul
Folk und Singer/Songwriter
Liederjan: Es macht ja auch Spaß
Digital, Westpark Music 4015698625325 (Indigo)
Liederjan – das ist eine deutsche Folk-Legende. Vor 50 Jahren wurde die Band gegründet, 2003 starb Mitgründer Anselm Noffke, Jörg Ermisch ist bis heute dabei. Das 25. Album liegt vor – es resümiert eindrucksvoll, wofür das Trio bekannt wurde und bis heute blieb: eine unverwechselbare Mischung aus Folk und Liedermachertum, mit traditionellen und eigenen Texten, humorvoll, scharfzüngig, gesellschaftskritisch. Das ist ein Stück lebendiger Kulturgeschichte, die amüsiert und zum kritischen Denken anregt; all das charmant umgesetzt mit Liederjan-typischem, eklektischem Instrumentarium und in markantem Satzgesang. Bravo! Für die Jury: Jo Meyer
Hard und Heavy
Ghost: Skeletá
CD/LP/Digital, Loma Vista Recordings 0888072667853 (Universal)
Mit »Skeletá« gelingt Ghost einmal mehr ein klanglich wie konzeptuell vielschichtiges Werk. Die Band entfaltet eine düstere Dramaturgie, die zwischen barockem Pathos und metallischer Wucht changiert. Textlich durchziehen Motive von Vergänglichkeit und spiritueller Zerrissenheit das Album, während orchestrale Arrangements und sakral anmutende Chöre einen fast liturgischen Charakter erzeugen. »Skeletá« ist kein reines Metal-Album – es ist ein musikalisches Ritual, das intellektuelle Tiefe mit theatralischer Opulenz vereint. Für die Jury: Boris Kaiser
Club und Dance
JakoJako: Tết 41
LP/Digital, Mute iSTUMM513 (Alive)
Tết 41 ist ein dezentes, still berührendes Album. Was nicht völlig, aber doch eher ungewöhnlich ist für die Kategorie »Club and Dance« – JakoJako, alias Sibel Koçer, öffnet mit Feingefühl eine Tür nach innen; und zugleich nach draußen, in die vibrierende Luft Vietnams während des Tết-Festes. Zwischen fiebernden Synths lässt die Berghain-Resident einen Sog entstehen, der uns beim Hören leicht und innerlich aufsteigend empfinden lässt; suchend, sehnsüchtig, vollkommen gegenwärtig. Field Recordings übersetzen dabei das Erlebte, das Gesehene und das Fest in die Sprache von JakoJako: in elektronische Musik. Für die Jury: Nastassja von der Weiden
Electronic und Experimental
Bella Wakame
Bella Wakame. LP/Digital, Umor-Rex UR155 (Morr Music Distribution)
Außergewöhnlich, wie Schlagzeuger Andi Haberl (The Notwist) und Elektroniker Florian Zimmer (Driftmachine) mit reduziertem Instrumentarium derart dichte Sounds und vielschichtig reiche Musik kreieren; und dass die dann extrem unterhaltsam ist, besser: »zugänglich«, setzt dem Debütalbum des Berliner Duos die Krone auf. Man hört zarte Einflüsse von Neu!, Can oder dem Nippon-Projekt World Standard, doch wie dann alles zusammenfließt, das ist einzigartig unverbraucht. Zehn Stücke pulsieren locker und kraftvoll, auch kleine experimentelle Klangflächen blitzen auf, um letztlich in schwingenden Songstrukturen aufzugehen. Für die Jury: Olaf Maikopf
Blues
Big Dave & The Dutchmen
Big Dave & The Dutchmen. Naked NP 103 (Broken Silence)
Manchmal erscheinen Alben, die auf herrliche Weise zeitlos sind, deren musikalischer Inhalt keinerlei Moden oder Trends unterworfen ist und die Zuhörerin wie den Zuhörer aber trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen) sofort ans Herz gehen. David »Big Dave« Reniers und seinen Dutchmen ist so eine Produktion gelungen. Die Band liebt die Art von Chicago Blues, wie sie vor gut 60 Jahren gespielt wurde, und sie erweckt damit eine mitunter fast vergessene große Ära des Blues erneut zum Leben. Authentisch? Ja. Altmodisch? Nein. Das ist Blues mit Tiefgang, Musik, die die Seele streichelt. Für die Jury: Karl Leitner
R&B, Soul und Hip-Hop
Adja: Golden Retrieve Her
LP/Digital, Sdban Ultra SDBANU44 (Alive)
Die in Brüssel lebende Musikerin und Theatermacherin Adja Fassa erschuf mit ihrem Debütalbum einen dieser speziellen Momente, in denen außergewöhnliche Kunst wie aus dem Nichts zu entstehen scheint. Komplexe Kompositionen und Arrangements, die Jazz, Gospel, Soul, Rock und Blues verbinden, prägen die Songs des durchweg großartigen Albums. Superlative? Ja, manchmal schon. Und es mag vielleicht zwar Parallelen geben zu den den Arbeiten von Erykah Badu oder Lianne La Havas – aber die Belgierin Adja Fassa hat ihre eigene Welt des Ausdrucks erschaffen; und die sucht ihresgleichen vergeblich. Für die Jury: Michael Rütten
Kinder- und Jugendaufnahmen
Liz Kessler: Geheimname Eisvogel
Inka Löwendorf, Natalia Belitski, Simona Pahl, Benito Bause. mp3-CD, sauerländer audio ISBN 978-3-8398-4435-9 (Argon Verlag)
Liz Kesslers tiefsinniger, mehrperspektivisch verfasster Erinnerungsroman über die Zeit des deutschen Faschismus ist eindrucksvoll. Die fiktive Rettung holländisch-jüdischer Kinder durch die unerschrockene Hannie vor dem sicheren Tod verknüpft Kessler gekonnt mit der Gegenwart. In dieser entdeckt Liv durch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ihrer dementen Großmutter ihre Verbindung zu Hannie und findet selbst Mut. Die einfühlsame Lesung unterstreicht die berührende Geschichte, die in der heutigen Zeit, in der Rechtsradikalismus erneut zur Normalität zu werden droht, ein wichtiges Echo hinterlässt. Für die Jury: Yvonne Höft & Astrid Henning-Mohr


























