Bestenlisten
Mit einem Platz auf der Bestenliste werden vierteljährlich die besten und interessantesten Neuveröffentlichungen der vorangegangenen drei Monate ausgezeichnet. Bewertungskriterien sind künstlerische Qualität, Repertoirewert, Präsentation und Klangqualität. Die Longlists sind ab 2014 direkt bei jeder Bestenliste hinterlegt.
Orchestermusik und Konzerte
»Helden Leben Lied«
Antonín Dvořák: Heldenlied op. 111, Alexander Glasunow: Zum Andenken eines Helden op. 8, Richard Strauss: Ein Heldenleben op. 40. Bamberger Symphoniker, Jakub Hrůša. Accentus Music ACC30646 (Naxos)
Das Konzept Held ist, so eindeutig es scheint, ein vielfältiges. Musikalisch beweisen das Jakub Hrůša und seine Bamberger mit diesem klug konzipierten Album. Im Zentrum steht das selbsterrichtete Denkmal von Richard Strauss, dem hier sportlich elastische Züge verliehen werden. Dvořáks Heldengesang wiederum kommt leichtfüßig und alles andere als furchterregend daher. Die Musik träumt sich, wie bei Glasunow, in eine andere Zeit. In eine bessere Zukunft bei Dvořák, in die Vergangenheit bei Glasunow. Auch hier dominiert ein friedvoller, warmer Klang. Einladend und human. Für die Jury: Benjamin Herzog
Orchestermusik und Konzerte
»Silenced«
Dmitri Schostakowitsch: Violinkonzert Nr. 1 op. 77, Thema mit Variationen op. 3, Henriëtte Bosmans: Konzertstück für Violine und Orchester. Hyeyoon Park, WDR Sinfonieorchester, Gergely Madaras. Linn CKD 772 (Naxos)
Bei Schostakowitschs erstem Violinkonzert geht man buchstäblich durch die Hölle. Wenn man am Ende der Passacaglia mit einer kräftezehrenden Kadenz ins irrsinnige Finale muss, geigt man am Rande völliger Erschöpfung. Auch der mentale Exzess ist hier Programm. Hyeyoon Park wuchtet mit schier unglaublicher Spannkraft und Zielstrebigkeit den virtuosen Prüfstein durch den orchestralen Strudel. Die Wiederentdeckung von Henriëtte Bosmans »Konzertstück« dürfte in dieser Besetzung lange die Referenz bleiben. Atemberaubend bis zum letzten Ton. Für die Jury: Jörg Lengersdorf
Kammermusik
Debussy/Szymanowski: Streichquartette
Claude Debussy: Streichquartett op. 10, Karol Szymanowski: Streichquartette Nr. 1 & 2. Belcea Quartet. Alpha Classics 1074 (Naxos)
Kammermusik-Liebhaber, die beide Streichquartette von Szymanowski schon einmal gehört haben, aber auch jene, die sie noch nicht kennen, kommen beim Hören dieser Aufnahme nicht aus dem Staunen. Zum einen über die Musik selbst, die unwiderstehliche Süße mit avancierter Polytonalität, folkloristische Durchschlagskraft mit erotischer Überfeinerung verbindet. Zum anderen über die sinnlich-sensibilisierte Interpretation des Belcea Quartetts, die auch dem Streichquartett von Debussy zugutekommt: Verführung pur durch verblüffende Luzidität, ein Genießen und Eintauchen in jeden einzelnen, magischen Klang. Für die Jury: Lotte Thaler
Kammermusik
Beethoven: Klaviertrios Vol. 1
Ludwig van Beethoven: Klaviertrios Vol. 1 (op. 1 Nr. 1 & 3, op. 11 Nr. 4 »Gassenhauer«). Busch Trio. Alpha Classics 1164 (Naxos)
Warum noch Beethoven einspielen, bei all den vorhandenen großartigen Aufnahmen? Das Busch Trio hat viele Antworten: Aus jedem Innehalten klingt Vorfreude, aus jeder Phrase Staunen über Beethovens frühe Kammermusik. Mathieu van Bellen, Violine, und die Brüder Ori und Omri Epstein an Violoncello und Klavier verstehen es, zwischen dem Energischen und Lyrischen zu taumeln und dabei nie zu langweilen. Die exzellente Aufnahme »erzählt« Geschichten von einem jungen Komponisten, der aufbrach, um Furchtlosigkeit zur Kunst zu machen. Man ist gespannt auf die Gesamteinspielung der Trios. Für die Jury: Ida Hermes
Tasteninstrumente
Schubert: Klaviersonaten Vol. 1
Franz Schubert: Klaviersonaten Vol. 1 (D 157, 571, 850, 279, 784 & 664). Martin Helmchen. 2 CDs, Alpha Classics 1174 (Naxos)
Schon mit dem Beginn der vierteilig geplanten Gesamteinspielung der Schubert-Sonaten lässt der Pianist Martin Helmchen aufhorchen und erstaunt innehalten. In akkurat ausgeformtem Lautstärkespiel und sehr erzählender Tempovariation erweckt er die Persönlichkeit des bekannten, aber für manche doch nicht immer voll greifbaren Komponisten zum Leben, so dass interessante Einblicke und neues Verständnis für die Hörenden möglich werden. Helmchen transportiert damit sehr beeindruckend den Charakter Schuberts in unsere Zeit, macht ihn gegenwärtig. Wir sind gespannt auf die Fortsetzungen! Für die Jury: Stefan Pillhofer
Tasteninstrumente
Bach: Sämtliche Werke für Tasteninstrumente Vol. 11
Johann Sebastian Bach: Sämtliche Werke für Tasteninstrumente Vol. 11: Clavier-Übungen I & II, Partiten, Italienisches Konzert. Benjamin Alard. 3 CDs, harmonia mundi HMM 902475.77
Noch eine Einspielung von Bachs Partiten auf der Bestenliste? Ja – und verdientermaßen. Benjamin Alards Aufnahme der Bände I und II von Bachs Clavier-Übung, ergänzt um die Duette aus Band III, begeistert dank Verve und Klarheit in Klang und Spiel. Die Partiten und die h-Moll-Ouvertüre erblühen in der sprechenden Musikalität, mit der Alard artikuliert und jedes Tempo subtil unter Spannung hält. Nicht nur im Italienischen Konzert macht er intelligent Gebrauch von den Klangfarben des brillanten, ausdrucksstarken Kirkman-Cembalos von 1757. Ein Höhepunkt in einer bereits vielgelobten Reihe! Für die Jury: Friedrich Sprondel
Oper
Kurt Weill: Love Life
A Vaudeville in 2 Parts. Quirijn de Lang, Stephanie Corley, Themba Mvula, Justin Hopkins u.a., Chorus & Orchestra of Opera North, James Holmes. 2 CDs, Capriccio C5550 (Naxos)
»Love Life« von Kurt Weill und Alan Jay Lerner war 1948 zu ungewöhnlich mit der Idee, eine mit der Scheidung endende Ehegeschichte über 150 (!) Jahre zu erzählen. Jetzt gibt es endlich eine Gesamtaufnahme. Die lässt dessen, das spätere Concept Musical vorwegnehmende Innovation, aber auch die musikalische Vielfalt von Sams und Susans »Love Life« als sich wandelnde Art des American Way of Life ungekürzt nachvollziehen. Capriccio hat mit dieser hervorragenden Übernahme von der Opera North seiner Weill-Edition einen bedeutenden Klangbaustein hinzugefügt. Für die Jury: Manuel Brug
Chor und Vokalensemble
Brahms: Ein deutsches Requiem
Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem. Sabine Devieilhe, Stéphane Degout, Pygmalion, Raphaël Pichon. harmonia mundi HMM 932772
Bevor die im Herrn gestorbenen Toten mit finalem Harfenschlag in die Seligkeit arpeggiert werden, legen sie in Brahms’ Requiem einen Weg zwischen Apokalypse und Liebesliederwalzer zurück. Bei Raphaël Pichon und Pygmalion wird diese Polarität nicht zu pauschaler Erbaulichkeit eingeebnet, sondern verwandelt in allgegenwärtige Spannung – im Großformatigen wie im expressiven Detail. Superbe Transparenz und unverschmierter Originalklang lichten Klangballungen, ohne ihnen die Kraft zu nehmen. Solche Kunst offenbart die existenzielle Dramatik in der Brahms’schen Linderung von Trauer zu Trost. Für die Jury: Martin Mezger
Klassisches Lied und Vokalrecital
»Un Cycle Imaginaire«
Franz Liszt: Lieder Vol. 3: Französische Lieder. Katharina Konradi, Daniel Heide. CAvi AVI4868024 (Universal)
Dies ist die dritte Folge einer entdeckungsreichen Weltumseglung der Liszt-Lieder, die Daniel Heide mit den Baritonen Andrè Schuen und Konstantin Krimmel begonnen hat. Das Album fügt (fast) alle französischen Lieder zu einem »Cycle imaginaire«. Es spannt den Bogen von der noch gelegentlich salonhaften Produktion der 1840er-Jahre zu den späten Introspektionen der »Crucifix«-Meditationen. Dem hier riskant naheliegenden Übergang von Melancholie zu Sentimentalität begegnet Katharina Konradi mit sicherem Stilempfinden und musikalischer Souveränität, getragen von Heides luzidem Klavierspiel. Für die Jury: Holger Noltze
Alte Musik
»Leuven Chansonnier«
Werke von Johannes Ockeghem, Antoine Busnois, Firminus Caron. Sollazzo Ensemble, Anna Danilevskaia. 3 CDs, Passacaille PAS 1150 (Naxos)
Sieben Jahre lang hat sich Anna Danilevskaia, die Leiterin des Sollazzo Ensembles, mit der Erforschung des Leuven Chansonniers aus den Jahren 1470-75 auseinandergesetzt. Nun ist dieser musikalische Schatz in einer umfangreichen Gesamtausgabe mit drei CDs beim Label Passacaille erschienen. Das Sollazzo Ensemble haucht den alten Stücken neues Leben ein und besticht dabei durch sein frisches und prägnantes Musizieren. Einige der 50 Stücke aus der Sammlung werden instrumental interpretiert, eine durchaus legitime Entscheidung, die der musikalischen Praxis des 15. Jahrhunderts entspricht. Für die Jury: Bettina Winkler
Zeitgenössische Musik
Ustwolskaja: Symphonien Nr. 1-5
Galina Ustwolskaja: Symphonien Nr. 1-5. Oliver Barlow, Arlo Murray, Sergej Merkusjev, Joonas Ahonen, Barbara Kozelj, London Philharmonic Orchestra, Christian Karlsen. SACD, BIS 2304 (Naxos)
Kompromisslos, stilistisch divers, unerschrocken eigen: Auch bald 20 Jahre nach ihrem Tod wirkt das Schaffen von Galina Ustwolskaja wie ein Solitär, und das nicht nur im sowjetrussischen Kontext. Das gilt auch für ihre fünf Symphonien. Zwischen 1955 und 1990 entstanden, decken sie unterschiedliche Zeiträume ab. Dennoch wirken sie in ihrer Entwicklung irritierend folgerichtig und in sich geschlossen. Die hier realisierten Ausgestaltungen erreichen eine fesselnde Ereignis- und Ausdrucksdichte. Urgewalten werden hörbar – von äußerster Brutalität bis hin zu fragilster Zartheit. Für die Jury: Marco Frei
Historische Aufnahmen
Sir Thomas Beecham: The Mono Era
... On HMV & Columbia Graphophone 1926-1959. London Philharmonic Orchestra, Royal Philharmonic Orchestra, London Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra u.a., Thomas Beecham. 53 CDs, Warner Classics 5021732629951
Sir Thomas Beecham (1879-1961), der exzellente Querkopf, adelte die Zunft der Pultpotentaten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als Patriarch britischer Orchesterkünste, von Haus aus begütert, wurde er zum König der Orchestergründer, hob das London Philharmonic, später das Royal Philharmonic Orchestra aus der Taufe – jede Art »historischen« Musizierens verachtend. Beechams musikalisches Weltbild geht aus der Warner-Edition »The Mono Era« mit allem Glanz hervor: Von Händel und Mozart bis Wagner, von Debussy und Grieg bis Delius, von Beethoven bis Borodin versammeln sich die Größen von Oper und Konzert. Für die Jury: Wolfgang Schreiber
Grenzgänge
Sokratis Sinopoulos, Yann Keerim: Topos
ECM 2847 (Universal)
Sokratis Sinopoulos, der Meister der kretischen Lyra, und Yann Keerim, sein langjähriger Weggefährte am Klavier, schöpfen aus den Tiefen kultureller Erfahrung: In ihren musikalischen Dialogen beziehen sie sich auf Bartóks »Sechs Rumänische Volkstänze«, die sie zu neuem Leben erwecken und mit eigenen Stücken fortschreiben. So wird die imaginäre Verortung in südosteuropäischer Folklore zu einer Quelle frischer Kreativität. Im Fluss des Spiels und im Wechsel der Stimmungen zwischen Überschwang und Wehmut entsteht eine hochsensible Kammermusik, die zu begeistern und zu berühren vermag. Für die Jury: Bert Noglik
Filmmusik
Jonny Greenwood: One Battle After Another
(Original Motion Picture Soundtrack). Jonny Greenwood, London Contemporary Orchestra, Hugh Tieppo-Brunt. CD/2 LPs, Nonesuch 0075597894332 (Warner)
Ein (musikalisches) Thema wie ein Gedicht: Jonny Greenwoods Idee zum Hauptthema von »One Battle After Another« vereint Sehnsucht, Radikalität und Erregung. Paul Thomas Andersons Filmen steht Greenwoods unkonventionelle, aber meisterliche Musik seit Jahrzehnten wunderbar. Denn wie Andersons Bilder strecken sich auch Greenwoods Töne von Humor bis Todesschmerz. Greenwood lässt Klaviere hämmern, Streicher schmelzen (und schmerzen), Perkussion irritieren; dazu komponiert er Flöten und Gitarren. Heraus kommt eine kongeniale Film-Ergänzung. Für die Jury: Jenni Zylka
Musikfilm
Babo – Die Haftbefehl-Story
Ein Dokumentarfilm von Sinan Sevinç und Juan Moreno. Digital, Netflix 81687374
»Babo – Die Haftbefehl-Story« fokussiert nicht die Zumutungen der Texte, sondern den Rapper hinter der Ikone: einen, der trotz enormen Erfolgs an inneren Mustern scheitert. Über Jahre begleitet der Film Aufstieg und Absturz in seltener Nähe und macht Drogensucht sowie Kindheitswunden spürbar. In dichten Rückblenden und nachhallenden O-Tönen zeigt er nicht nur den Effekt, sondern den Ursprung: Verletzungen, aus denen diese Wucht entsteht – samt ambivalent gezeichneter Ehefrau als angebotenem Rückhalt. Trotz massenwirksamer Anlage öffnet sich ein Denkraum über Kunst aus Leid und ihren Preis. Für die Jury: Nanna Schmidt
Jazz
Klaus Wienerroither & Barbara Bruckmüller Big Band: Trumpet Tales
Quinton Q-2505-2 (Galileo)
Der Wiener Gitarrist, Komponist und Rundfunk-Journalist Klaus Wienerroither widmet seine »Trumpet Tales« neun bedeutenden Trompetern aus der Geschichte des Jazz. Das Spektrum reicht von Louis Armstrong über Chet Baker und Clifford Brown bis zu Don Cherry, Miles Davis und Kenny Wheeler. Dabei greift Wienerroither stilistische Eigenheiten der Geehrten auf, platziert sie in anderen Genres, vermengt Erkennbares mit Ungewohntem. Die Big Band der Pianistin und Komponistin Barbara Bruckmüller setzt die nuancenreichen Arrangements feinfühlig und präzise um – mit viel Herzblut für die Heroen der Jazzgeschichte. Für die Jury: Werner Stiefele
Jazz
Sylvie Courvoisier, Wadada Leo Smith: Angel Falls
Intakt Records Intakt CD 444 (harmonia mundi/Bertus)
Sylvie Courvoisier ist seit Jahrzehnten eine vielbeachtete Pianistin in der improvisierten Musik. Markant für Stil und Profil ist für sie eine variable Intensität im klingenden Augenblick. Mit dem Trompeter Wadada Leo Smith verbindet sie eine lange Zusammenarbeit, aber jetzt erst ist ein Duo-Album entstanden. »Angel Falls« bildet ein musikalisches Stück Weg ab, das die beiden zurücklegen, während sie einander viel zu sagen haben. »Wir plaudern nicht, wir probieren nicht etwas aus und gehen dann zu etwas Anderem über. Wir arbeiten konzentriert«, sagt Sylvie Courvoisier. Am Ergebnis gibt es nichts zu verbessern. Für die Jury: Hans-Jürgen Linke
Weltmusik
Yasmine Hamdan: I Remember I Forget
CD/LP, Crammed Discs cram323 (Integral)
Die Sängerin (und Schauspielerin!) Yasmine Hamdan lotet das paradoxe Leben in der Diaspora aus: zwischen Beirut und Paris, zwischen Erinnern und Vergessen. Sie fragt: Ist es Vergebung, wenn man vergisst – oder wenn man sich erinnert? Sie leidet, wenn sie aus der Ferne verfolgt, was mit dem Libanon geschieht, ihrer alten Heimat; sie sucht Trost in Erinnerungen an Wärme, Freundschaft und Familie. Sie übersetzt diese Zerrissenheit in Melodien zwischen Deklamation und Lamento. Dabei nutzt sie vor allem digitale Instrumente, doch die klingen – ein weiteres Paradox – sehr warm, persönlich, oft sogar fast zärtlich. Für die Jury: Jodok W. Kobelt
Traditionelle Ethnische Musik
LINA_ & Marco Mezquida: O Fado
Galileo Music GMC115
Die portugiesische Sängerin LINA_ und der balearische Pianist Marco Mezquida haben mit »O Fado« ein Album im Stile des »fado professional« geschaffen, bei dem lyrische Poetik und emotionale Tiefe auf künstlerische Brillanz treffen. Das Material ist beeindruckend vielfältig – es reicht von impressionistischen Klangteppichen bis hin zur Pizzicato-Begleitung mit präpariertem Klavier. Die beiden präsentieren sowohl eigene Kompositionen als auch neue Interpretationen traditioneller Fados. »O Fado« ist ein Album, das berührt und der Tradition des Fado neue Türen öffnet. Für die Jury: Lea Hagmann
Liedermacher
David Lübke: Wo der Mond die Erde küsst
Timezone Records TZ 2803 (Timezone Distribution)
»Alte Schule« pur ist das; wie damals, als Reinhard Mey jung war … das ist das Markenzeichen des hannoverschen Sängers und Gitarristen David Lübke. Als »Fahrender Sänger« sah er sich selbst auf der vorigen CD, und was er sang, klang wie frisch geklampft in Fußgängerzone oder Kleinkunstkneipe. Das neue Material ist deutlich »produzierter«, mit richtiger Band und den singenden Gästen Charlotte Pelgen, Max Prosa und Felix Meyer; aber noch immer »macht« Lübke Lieder ohne jede Verstellung. Alles ist echt, auch das groß gedachte Gefühl vom Leben, Lieben und Sterben – klingt ganz einfach, ist aber sehr besonders. Für die Jury: Michael Laages
Folk und Singer/Songwriter
Daniel Kahn, Jake Shulman-Ment, Christian Dawid: UMRU – unrest
Oriente Music RIENCD97 (Direktvertrieb)
Der Sänger und Multiinstrumentalist Daniel Kahn, in Detroit geboren, lebt in Deutschland und ist hier in die osteuropäische Kultur eingetaucht. Sprachlich ist er auf UMRU im Wechsel zwischen Jiddisch, Englisch und Deutsch unterwegs; musikalisch bewegt sich Kahn zwischen den Klängen des alten Shtetls, eigenen Kompositionen und Songs von Ewan McColl, Georg Kreisler oder Tom Waits. So drückt er ein über Zeiten hinweg bestehendes Gefühl der Wurzellosigkeit aus. Mit Jake Shulman-Ment (Violine) und Christian Dawid (Klarinette und Saxofon) gelingen Kahn vom Klezmer inspirierte Interpretationen, die tief berühren. Für die Jury: Almut Kückelhaus
Rock
Midlake: A Bridge To Far
CD/LP, Bella Union BELLA1688CD (Bertus)
Rund 20 Jahre nach dem Durchbruch mit dem Album »The Trials of Van Occupanther« ist »Midlake«, die Band aus Texas, mit »A Bridge To Far« ein Höhepunkt ihrer Karriere gelungen. Warme Harmonien, Psychedelic-Folk-Momente und detailversessene Arrangements fügen sich zu einem beseelten, leichthändigen und sogar Hoffnung spendenden Album, das tief im Gestern wurzelt, aber weit mehr ist als Siebziger-Jahre-Pastiche. Der Band gelingt das Kunststück, die der Musik generell eigene Melancholie sowohl geschichts- als auch selbstbewusst zeitgenössisch klingen zu lassen. Für die Jury: Julia Lorenz
Hard und Heavy
Coroner: Dissonance Theory
CD/LP, Century Media 19802944502 (Sony Music)
Mit »Dissonance Theory« gelingt den Schweizern das Kunststück, Vergangenheit nicht zu zitieren, sondern zu transzendieren. Mehr als drei Jahrzehnte nach »Grin« klingt diese Thrash-Metal-Band nicht abgeklärt, sondern wacher denn je. Geschmackssicherheit zeigt sich hier als Mut zur Präzision, Eleganz als kontrollierte Eskalation. Zwischen chirurgischer Härte, progressiver Raffinesse und düsterer Atmosphäre entfaltet sich eine Musik, die vor allem durch Konsequenz überzeugt. Coroner verweigern Nostalgie, kultivieren Einzigartigkeit – und wirken gerade deshalb zeitlos, souverän und erschreckend relevant. Für die Jury: Boris Kaiser
Alternative
FKA Twigs: Eusexua Afterglow
LP/Digital, Young/Atlantic YO466DA (Bertus)
»Was die Britin Tahliah Barnett alias FKA Twigs anpackt, das gelingt ihr« – so hieß es zur Begründung des Vierteljahrespreises im vorigen Jahr für das Album »Eusexua«. Jetzt liegt der Nachfolger »Eusexua Afterglow« vor. Und das Album nimmt den im Januar 2025 geknüpften Faden auf und spinnt ihn kunstvoll weiter – abermals mit einem Klangkosmos, der sich aus Pop, Rave, Alternative und Ambient bedient und alles so verbindet, dass man am Ende nicht recht weiß, wo dieses Werk eigentlich hingehört; und dennoch (besser: darum) nur staunen kann, wie enorm gut Tahliah Barnett das alles erneut zusammengeführt hat. Für die Jury: Jan Ulrich Welke
Club und Dance
Efdemin: Poly
2 LPs/Digital, Ostgut Ton OSTGUTLP38 (Direktvertrieb)
»Poly« von Efdemin ist ein musikalischer Wertekompass für unsere Zeit – wahre Größe liegt hier nicht im Übermaß, sondern in Klarheit, Haltung und Integrität. Phillip Sollmann alias Efdemin schichtet in den Tracks verschiedene Klänge so präzise und zurückgenommen zueinander, dass die Musik atmen kann. Es gilt heutzutage als mutige Entscheidung, wenn große Gesten bewusst ausgelassen werden. Dieser Raum erlaubt aber den Hörenden tief einzutauchen. Das funktioniert zuhause in Ruhe, aber auch auf der Tanzfläche im Club, was »Poly« zu einer zeitlosen Meisterleistung der elektronischen Musik macht. Für die Jury: Gesine Kühne
Electronic und Experimental
Malo Moray: Embrace
CD/LP/Digital, Possibly Sam PSCD 005 (Direktvertrieb)
Kann ein Album vor Publikum ohne Skript und vorgefasste Ideen erfunden und direkt aufgenommen werden? Offenbar ja: Malo Moray lud zwei Dutzend Menschen ein und schuf eine Atmosphäre totaler Immersion, packte den Moment in seinen Kontrabass und vielerlei Tonquellen, elektronische Effekte und Soundflächen, die von Sub-Bässen über plätscherndes Wasser bis zu ätherischem Flimmern reichen. Moray forscht nach der Freiheit in der Musik und knüpft aus Ambient, Jazz und Krautrock in der Tradition der Karlheinz-Stockhausen-Schüler in der Band »Can« einen Teppich, der uns in neue Sphären entführt. Für die Jury: Jean Trouillet
Blues
Miss Emily: The Medicine
Digital, Gypsy Soul Records 8721093076667 (Bertus)
Bereits mehrfach ist Emily Fennell alias Miss Emily in Deutschland live aufgetreten. Seit 21 Jahren ist die 44-Jährige unterwegs, hat ihre Karriere stets selbst gesteuert und ihr Können als Songschreiberin und ausdrucksstarke Sängerin mit viel Soul in der Stimme kontinuierlich weiterentwickelt. Auf ihrem neuen Album »The Medicine« vermengt sie Einflüsse aus Blues, Roots Music, Soul, Pop und Rock ganz eigen, wobei oft düstere Balladen und atmosphärische Mid-tempo-Nummern dominieren. Mit diesem Album dürfte die Kanadierin wohl den Status des Geheimtipps hinter sich lassen. Für die Jury: Philipp Roser
R&B, Soul und Hip-Hop
De La Soul: Cabin In The Sky
Digital, Mass Appeal MA20251121 (Direktvertrieb)
Mit »Cabin In The Sky« liefert De La Soul ein eindrucksvolles Album ab. Es enthält auch unveröffentlichte Vocals des 2023 verstorbenen Sängers Trugoy the Dove – und wird so zum emotionalen Vermächtnis. De La Soul beweisen, dass sie auch nach Jahrzehnten nichts von ihrer Relevanz verloren haben. »Cabin In The Sky« ist eine Mischung aus Rückschau, Hommage und Zukunftsvision. 20 Songs bilden ein umfangreiches, detailreiches Album, das sowohl alte Fans als auch neue Hörer anspricht. Das Album gehört zur »Legend Has It…«-Serie des Labels »Mass Appeal«, die mehrere ikonische Rap-Alben vereint. Für die Jury: Jörg Wachsmuth
Wortkunst
Angela Winkler: Mein blaues Zimmer
Autobiographische Erzählung. mp3-CD, speak low ISBN 978-3-948674-29-8
Normalerweise wird so etwas ja herausgeschnitten – nicht so bei Angela Winkler. In ihrem autobiografischen Hörbuch »Mein blaues Zimmer« fällt die Weltklasseschauspielerin sich immer wieder selbst ins Wort, unterbricht den vorzulesenden Text, zögert, korrigiert, kommentiert. Neben sehr persönlichen und intimen Berichten wird »Mein blaues Zimmer« auch zur Reise durch die bundesdeutsche Theatergeschichte, mit Winklers Leitsternen Peter Zadek und Klaus Michael Grüber im Zentrum. Die Mischung aus Erzählung, Erinnerungsfetzen und Werkstattbericht ist einzigartig – inhaltlich und interpretatorisch. Für die Jury: Jörn Florian Fuchs
Kinder- und Jugendaufnahmen
Cornelia Funke: Hinter verzauberten Fenstern
Katharina Thalbach. 3 CDs, Argon Hörbuch ISBN 978-3-7324-4334-5 (Argon Verlag)
Ein zeitloser Adventsklassiker ist das, aber in perfektem neuen Tongewand! Julias kleiner Bruder Olli bekommt einen Schokoladenkalender – und sie nur einen aus Papier. Aus der riesengroßen Enttäuschung wird ein noch größeres Abenteuer, denn hinter den Fenstern des Adventskalenders verbirgt sich eine magische Welt, in der alle schon auf Julia gewartet haben. Neu eingelesen von der wunderbaren Katharina Thalbach, begleitet von weihnachtlichem Gitarrenspiel und dem von Puppenbauerin Sara-Christin Richter illustrierten Booklet, lockt dieses Hörbuch zum gebannten Lauschen am warmen Herd mit Plätzchenduft. Für die Jury: Helen Seyd





























