Bestenlisten

Mit einem Platz auf der Bestenliste werden vierteljährlich die besten und interessantesten Neuveröffentlichungen der vorangegangenen drei Monate ausgezeichnet. Bewertungskriterien sind künstlerische Qualität, Repertoirewert, Präsentation und Klangqualität. Die Longlists sind ab 2014 direkt bei jeder Bestenliste hinterlegt.

Bestenlisten

Orchestermusik und Konzerte

Barraine: Symphonien

Elsa Barraine: Symphonien Nr. 1 & 2, Song-Koï, Les Tziganes. Orchestre National de France, Cristian Măcelaru. PLG Classics 5021732555199 (Warner)

Mit federndem Klang begegnen das Orchestre National de France und Măcelaru den Symphonien von Elsa Barraine. Ihre Zweite findet durch überraschende, dabei aber immer nachvollziehbarer Logik folgende, motivisch dichte Prozesse zu geradezu übermütiger Vitalität im Finale. Der Zyklus »Song-Koï« (Roter Fluss), eine Huldigung auf die Unabhängigkeit Vietnams, dokumentiert Barraines politisches Engagement. Sie schreibt Neues mit Mitteln einer traditionellen Symphonikerin. Diese Musik gehört in den Konzertsaal! Diese engagierte, klangschöne Aufnahme ist ein wichtiger Schritt dahin. Für die Jury: Benjamin Herzog

Orchestermusik und Konzerte

Mozart: Violinkonzerte

Wolfgang Amadeus Mozart: Die Violinkonzerte. Roberto González-Monjas, Mozarteumorchester Salzburg. 2 CDs, Berlin Classics 0303023BC (Edel)

Von Mozarts Violinkonzerten gibt es schon reichlich Aufnahmen, aber diese ist doch etwas Besonderes. Zum einen wegen des hier so galant und elegant aufspielenden Mozarteumorchesters Salzburg. Zum anderen und vor allem wegen des jungen spanischen Geigers und Dirigenten Roberto González-Monjas, der das Orchester seit September 2024 leitet. Sein exzellenter Booklet-Text erklärt sein Verständnis dieser Werke: eine perfekte Balance, im Klang wie in der Gestik, zwischen konzertantem und (kammer-)orchestralem Stil. Großes Lob auch für den Tonmeister Joël Cormier. Für die Jury: Michael Stegemann

Kammermusik

»Out of Vienna«

Alban Berg: Lyric Suite, Anton Webern: 5 Sätze für Streichquartett, Erwin Schulhoff: 5 Stücke für Streichquartett. Leonkoro Quartet. Alpha Classics 1196 (Naxos)

Alban Bergs »Lyrische Suite« wird im Oktober dieses Jahres 100 Jahre alt. Das Leonkoro Quartett verhilft ihr jetzt definitiv aus der Neuen-Musik-Ecke heraus. Nicht ihre kompositorische Machart macht sie für den Hörer aus, sondern ihr Klang. Der ist bei den Leonkoros fern jeder Attitüde – klassisch. Sie preschen tempomäßig nicht vor, folgen Bergs Dramaturgie (über »Presto delirando« bis ins abschließende »Largo desolato«) mit allen geforderten Seelenzuständen, auch mal im Aufschrei, aber ohne dem Klang je Gewalt anzutun. Und Erwin Schulhoff rückt das Quartett als Weggefährten Béla Bartóks in ein neues Licht – aufregend! Für die Jury: Lotte Thaler

Kammermusik

»Constellations«

Maurice Ravel: Le Tombeau de Couperin, Samuel Barber: Summer Music, Dmitri Schostakowitsch: Streichquartett Nr. 8 (bearb.). Ensemble Ouranos. Alpha Classics 1183 (Naxos)

Als Ravel seine Klaviersuite »Le tombeau de Couperin« orchestrierte, übertrug er Holzbläsern den sprudelnden Beginn – es braucht keine Legitimation, um aus vier der sechs Sätze ein Bläserquintett zu machen. Schon gar nicht beim französischen Ensemble Ouranos, in dem Flöte, Klarinette, Oboe, Fagott und Horn zu einem Instrument verschmelzen, farbenreich und sinnlich wie kein anderes. Nirgends Show, überall Sensibilität. In Schostakowitschs Achtem Streichquartett sind nicht nur Klezmeranklänge neu zu entdecken. Mit diesen fünf Musikern wird die Transkription zur Freilegung. Für die Jury: Volker Hagedorn

Tasteninstrumente

»Piano Heroines«

Klavierwerke von Fanny Hensel, Clara Wieck, Amy Beach, Florence Price. Claire Huangci. Alpha Classics 1231 (Naxos)

Die amerikanische Pianistin Claire Huangci schafft auf diesem Album die durchaus seltene Kombination von facettenreicher Erzähltiefe, farbenreicher Klangschönheit und atemberaubender Virtuosität. So führt sie uns durch ein abwechslungsreiches Programm mit Werken von Komponistinnen, die auf unterschiedliche Weise unser Herz berühren. Doch die Pianistin setzt alles in einen Kontext und zeigt mit viel Gestaltungsfreude und Spielwitz ihre Handschrift. All diese Zutaten verleihen dem Album eine Vielzahl an tief bewegenden Glanzlichtern. Für die Jury: Stefan Pillhofer

Tasteninstrumente

JM Bach: Ein Orgelbüchlein

Johann Michael Bach: Ein Orgelbüchlein... (Sämtliche Orgelchoräle). Cindy Castillo. Ricercar RIC 491 (Naxos)

Die Bach-Familie war fromm – und sehr fleißig. So auch Johann Michael Bach, Johann Sebastians Groß-Cousin und Schwiegervater, dessen Sammlung von Orgelchoralvorspielen erhalten geblieben ist. Sie decken das gesamte Kirchenjahr ab, und obschon sie schlichter angelegt sind als Johann Sebastians Vorspiele, hat dieser sich in frühen Arbeiten offenbar darauf bezogen. Cindy Castillo, Titularorganistin der Nationalen Basilika des Heiligen Herzens in Brüssel und Professorin in Namur, hat sich dieser Musik mit bemerkenswerter Gestaltungskraft und viel stilistischem Fingerspitzengefühl angenommen. Für die Jury: Sabine Fallenstein

Oper

Händel: Sosarme

Georg Friedrich Händel: Sosarme. Rémy Brès-Feuillet, Sarah Charles, Éléonore Pancrazi, Nicolò Balducci, Logan Lopez Gonzalez, Giacomo Nanni, Orchestre de l’Opéra Royal, Marco Angioloni. 3 CDs, Château de Versailles Spectacles CVS160 (Naxos)

Das Château-Label schließt eine Barockopernlücke nach der anderen, mit stets jungem, oft spektakulärem Cast. »Sosarme«, uraufgeführt 1732, ist ein vernachlässigtes Findelkind aus dem Londoner Händel-Opernfundus: eine Polit-Seria mit Happy End und einer Fülle charakteristischer Arien. Silberhell serviert Sarah Charles mit dem wunderfeinen Altus Rémy Brès-Feuillet zwei der drei Duette. Der biegsame Bassbösewicht Giacomo Nanni ist eine Entdeckung. Marco Angiolonis windschnittige Lesart hilft hoffentlich mit, dieses Prunkstück endlich ins Repertoire zu katapultieren. Für die Jury: Eleonore Büning

Oper

Beer: Der Prinz von Schiras

Joseph Beer: Der Prinz von Schiras. Carlos Moreno Pelizari, Theodora Varga, Kirsten Labonte, Michael Haake, Scarlett Pulwey u.a., Opernchor Regensburg, Philharmonisches Orchester Regensburg, Stefan Veselka. 2 CDs, cpo 555 670-2 (JPC)

Wiedergutmachung und Glanzlicht deutscher Theaterlandschaft: Erst jetzt wieder singt ein Prinz »Du warst der selige Traum« – was in der Uraufführung viermal wiederholt werden musste. Doch der dann zum Nachfolger von Lehár, Abraham und Kálmán avancierte Joseph Beer überlebte die braunen Kulturbarbaren nur in einem Versteck in Nizza. Fast wie in einem »Notenkrimi« wurde der verschollene »Der Prinz von Schiras« wiedergefunden. Das mehrfach ausgezeichnete Theater Regensburg kann für sich in Anspruch nehmen, eine erste, gut gelungene Einspielung anzubieten: Herausforderung an alle Komischen Opernhäuser des Landes. Für die Jury: Wolf-Dieter Peter

Chor und Vokalensemble

Strawinsky: Späte Werke

Igor Strawinsky: Späte Werke – Threni, Requiem Canticles, Anthem, Introitus u.a.. Cappella Amsterdam, Noord Nederlands Orkest, Daniel Reuss. Pentatone PTC5187489 (Naxos)

Igor Strawinsky hat sich fortwährend gehäutet: Kaum ein anderer Komponist ging einen so weiten, so verschlungenen Weg wie er zwischen dem »Feuervogel« und den seriell grundierten »Requiem Canticles«. Und doch ist er sich treu geblieben: klar, präzise, beherrscht. Im Unterschied zu den Erfolgsballetten ist es um die späten Werke still geworden. Herb sind sie, objektiv über den Emotionen stehend, die sie sublimieren. Daniel Reuss trifft mit seinem Amsterdamer Kammerchor ihren Tonfall perfekt: Archaik jenseits der Zeit, die nur dann atemberaubend schön ist, wenn sie atemberaubend gut gesungen wird. Für die Jury: Peter Korfmacher

Klassisches Lied und Vokalrecital

»M’a dit Amour«

Französische Lieder von Charles Koechlin, Manuel Rosenthal, Isabelle Aboulker, Lili Boulanger, Claude Debussy u.a. Julie Roset, Susan Manoff. Alpha Classics 1189 (Naxos)

Ein Solo-Debütalbum mit größtenteils unbekannten Miniaturen der französischen Moderne? Geht das? Und wie! Der 29-jährigen Julie Roset ist auf Anhieb ein großer Wurf gelungen: was für eine Farbpalette, Gestaltungsfantasie und technische Souveränität der Sopranistin. Jede der 20 denkbar verschiedenen Mélodies wird auf den Punkt gebracht. Seien es die deklamatorische Aura des titelgebenden »M’a dit amour« von Charles Koechlin, die sprühende Koloraturartistik Isabelle Aboulkers (»Je t’aime«) oder der pointierte Witz der »Chansons pour les oiseaux« Louis Beydts’. Susan Manoff ist Rosets phänomenale Klavierpartnerin. Umwerfend! Für die Jury: Albrecht Thiemann

Alte Musik

JL Bach: Leipziger Kantaten

Johann Ludwig Bach: Die 18 Leipziger Kantaten. Capella Sollertia, Johanna Soller. 4 CDs, Ricercar RIC 482 (Naxos)

Zwischen Februar und September 1726 führte Johann Sebastian Bach in Leipzig 18 Kantaten seines entfernten Vetters Johann Ludwig Bach auf. Deren charakteristische Verbindung von italienischer Kantabilität, französischer Eleganz und mitteldeutsch-protestantischem Predigtton kommt in der Gesamteinspielung der Capella Sollertia hervorragend zur Geltung: Solisten, Chor und Orchester agieren in enger Verzahnung, zeichnen die musikalischen Spannungsbögen mit Augenmaß nach und werden den vielfältigen Affekten dieser berührenden Musik vollauf gerecht. Für die Jury: Matthias Hengelbrock

Zeitgenössische Musik

»Next to Your Fire«

Werke von Oxana Omelchuk, Steffen Krebber, Hannes Seidl. Ensemble Proton. Digital, Fake Marble Classical FMC005 (Direktvertrieb)

Mit schöner Spiellust, Hingabe und Humor – man lese nur den Booklettext von Friedemann Dupelius – zelebriert das Ensemble Proton Bern eine Historie, die vielen in der zeitgenössischen Musik nicht als Historie gilt: jene eigensinnige Melange aus Ensemble und Band, aus vertrackten Beats, Rock, heißen Akkorden und besonderen Spielweisen – grundiert im Geist einer Fusion-Musik. Keine Stilmixtur, sondern eine sich neu formierende Klangpraxis entfaltet sich in drei markant eigenwilligen Positionen von Oxana Omelchuk, Steffen Krebber und Hannes Seidl. Für die Jury: Bastian Zimmermann

Historische Aufnahmen

Berliner Philharmoniker und Herbert von Karajan

Live in Berlin 1970-1979. 20 SACDs, Begleitbuch, Berliner Philharmoniker Recordings BPHR 250571 (Direktvertrieb)

Nach Rundfunkmitschnitten aus den 1950er-und 60er Jahren folgen in dieser Edition Live-Aufnahmen der Berliner Philharmoniker unter Leitung von Herbert von Karajan aus den Jahren 1970 bis 1979. Die Tondokumente aus den Archiven des früheren RIAS und SFB spiegeln die Vorstellung des Dirigenten von Konzertdramaturgie. Karajan und die Berliner Philharmoniker erfüllen höchst beeindruckend ihr Versprechen von Perfektion auch unter Live-Bedingungen. Ebenso exzellent sind die Aufbereitung des Bandmaterials sowie die Ausstattung der Edition hinsichtlich Dokumentation und Design. Für die Jury: Norbert Hornig

Grenzgänge

Björn Meyer: Convergence

ECM 2844 (Universal)

Er vermag den Raum auf eine Weise mit Klang zu erfüllen, dass es einem warm ums Herz wird. Björn Meyer gelingt es, die elektrische Bassgitarre zu »humanisieren« und aus dem Moment des Spiels heraus spannende Geschichten zu erzählen. Technisch faszinierend, die Ausdrucksskala seines sechssaitigen Instrumentes um immer neue Facetten bereichernd, ist es vor allem die musikalische Fantasie, mit der Meyer die Zuhörenden packt und mit auf die Reise nimmt. »Convergence« steht in der maßgeblich von ECM geprägten Tradition großer Bass-Soloalben und setzt diese mit einem prägnanten Statement fort. Für die Jury: Bert Noglik

Filmmusik

Hildur Guðnadóttir: 28 Years Later

The Bone Temple. Digital, Milan Records G010005712984R (Sony Music)

In ihrer dritten Arbeit für die Regisseurin Nia DaCosta wartet die isländische Komponistin Hildur Guðnadóttir mit einer Überraschung auf: Sie findet in all der brutalen Welt, die sie mit unerbittlich vorwärtsdrängendem Rhythmus in Spannung versetzt, mit dem langsamen, denkbar einfach aufgebauten und ernsten Stück »The Bone Temple« schließlich Dimensionen von Trauer. Schon mit der schmucklosen Wiederholung eines Themas erfüllt Guðnadóttir die Musik zu Beginn mit Schwermut, bevor sie alles ins Chaos stürzen lässt. Klänge der menschlichen Abgründe und des tiefen Schmerzes. Für die Jury: Stephan Ahrens

Jazz

Thelonious Monk: Bremen 1965

2 CDs/2 LPs, Sunnyside SSC1634 (Galileo)

Thelonious Monks Klavierspiel hatte Ecken und Kanten, seine Songs sind harmonisch vertrackt. Lange galt er darum als Kassengift und Bürgerschreck, doch in den 60er Jahren tourte er endlich um die Welt – verehrt, ja geliebt auch der eigenen Schrulligkeit wegen: und als Klassiker des modernen Jazz. Als er mit Pelzmütze und gelben Schuhen 1965 im Sendesaal von Radio Bremen auftrat, erlebte sein Quartett mit dem Tenorsaxofonisten Charlie Rouse, mit Bassist Larry Gales und Drummer Ben Riley eine Sternstunde. Jeder musizierte mit jener tranceartigen Sicherheit, mit der Yogis durchs Feuer gehen können. Für die Jury: Marcus A. Woelfle

Jazz

Craig Taborn, Tomeka Reid, Ches Smith: Dream Archives.

ECM 2833 (Universal)

Nichts ist eindeutig in dieser Musik, nichts bleibt unwidersprochen, aber alles ist klar. Craig Taborns Trio bewegt sich auf selbstgewählten Umwegen durch idiomatisch reich ausgestattete Resonanzräume, ohne dabei in Selbstbedienungs-Beliebigkeit abzugleiten. Ein dauerhafter polystilistischer Schwebezustand entsteht, ausgehört mit angespannter Aufmerksamkeit, in dem alles Unvorhergesehene eigenartig konsequent erscheint – wie das nur in einem Archiv der Träume möglich ist, in dem neben den Geschichten, um die es geht, auch die Einflüsse, die ihnen zu Grunde liegen, aufgehoben sind. Für die Jury: Hans-Jürgen Linke

Weltmusik

Imarhan: Essam

CD/LP, City Slang SLANG50606 (Integral)

Die fünf Musiker von Imarhan aus der süd-algerischen Oasenstadt Tamanrasset zählen zu den wichtigsten Vertretern des Desert-Blues, den sie selber »Assouf« nennen – eine Art »Saudade« der Tuareg. Ihre Traditionen sind ihnen so wichtig, dass sie sie in die Gegenwart holen, versetzt mit Rock, Pop, Funk und auf dem vierten Album »Essam« (übersetzt: »Blitz«) nun auch mit Elektronik. Das Herz der Musik ist und bleibt Sahara-Folk – mit hypnotischen Gitarren, Instrumenten wie der Kalebasse und repetitiven Männergesängen in der Tuareg-Sprache Tamasheq. Elektronisch eingefärbt, ist er noch intensiver geworden. Für die Jury: Anna-Bianca Krause

Traditionelle Ethnische Musik

Stelios Petrakis: Lyric

Buda Musique BU860413 (Direktvertrieb)

Bekannt ist Stelios Petrakis aus Kreta für seine Könnerschaft auf der gestrichenen Kniegeige Lyra. Deren wehende, obertonreich-zirpende Klänge entfalten sich ungestresst in neun wohltuend ruhig gehaltenen, vorwiegend instrumentalen Titeln. Studiomusiker spielen Trommeln, Akkordeon, Flöten, Gesang, Harfe, Gitarren. Petrakis spielt die lokale Laouto. Er reklamiert soziale Werte für seine aktuellen Schöpfungen: Gemeinschaft, Frieden, Natur. Ein Lied thematisiert Gaza, eines griechischen Wein, eines die Liebe im Frühling auf Kreta. Überraschend: ein Cover des »Metallica«-Hits »Nothing Else Matters«. Für die Jury: Johannes Theurer

Liedermacher

Sven van Thom: Ins Gras

CD/2 LPs, Loob Musik 15025 02 (Alive)

Sven van Thom (mit bürgerlichem Namen Sven Rathke) ist alles andere als ein »Phantom«: Seit 2008 schreibt er Kinderlieder und Musicals, veröffentlicht Radiokolumnen, und bringt jetzt mit »Ins Gras« das fünfte Soloalbum »für Erwachsene« heraus. Sämtliche Instrumente spielt der musikalische Tausendsassa selbst, die Songs alternieren zwischen »klassischen« Liedern und Pop. Mit schwarzem Humor und musikantischem Witz behandelt er – wie in »Hoch die Tassen, Prost« – ernste Themen; und weiß, dass er – wie jeder und jede – irgendwann »Ins Gras« beißen muss. Gern mit einem Lächeln und der feinen Ironie des Herrn van Thom. Für die Jury: Hans Reul

Folk und Singer/Songwriter

WÖR x Kongero: Songbooks Live

Nordic Notes NN195 (Broken Silence)

Mit »Songbooks Live« feiern WÖR (das Kürzel der Band mixt Gegenwart und Gewesenes – »were« und »we are«) und »Kongero« aus Schweden eine folkloristische Sternstunde. Smarte Grooves und feminine Stimmgewalt bauen eine Brücke zwischen flämischer Instrumentalmusik und skandinavischer Vokalpolyphonie. WÖR bringt die instrumentale Wucht und den rhythmischen Erfindungsreichtum mit, um flämische Manuskripte aus dem 18. Jahrhundert ins Hier und Jetzt zu katapultieren. Kongero antwortet darauf mit einer »Folk’appella«-Präzision, die so rein und gleichzeitig so kraftvoll ist, dass man meint, die nordische Luft atmen zu können. Für die Jury: Jo Meyer

Pop

Mitski: Nothing’s About to Happen to Me

CD/LP, Dead Oceans DOC450 (Cargo)

Mitski beherrscht die große Kunst der kontrollierten Verunsicherung. Im neuen Werk der Musikerin wird das Eigenheim zur Seelenlandschaft: knarrend, verwahrlost, bewohnt von untoten Echos. Dabei wird jede Explosion gezügelt zur subtilen Andeutung, jede Emotion zur flackernden Spur. Nur manchmal krachen die Gitarren. Liebeslieder werden zu Selbstbefragungen mit offenem Ausgang. »Nothing’s About to Happen to Me«, die achte Studio-Platte der in Japan geborenen US-Indie-Pop-Rockerin mit Country-Faible, ist ein präziser Taumel zwischen erstklassig arrangierten Americana und Psycho-Kammerspiel: cool an der Oberfläche, fiebrig im Kern. Für die Jury: Stefan Hochgesand

Rock

Tyler Ballgame: For The First Time, Again

LP/CD, Rough Trade RTLP 569 (Indigo)

Tyler Ballgame gelingt das Kunststück, aus Selbstermächtigung und künstlerischem Idealismus große Popmusik zu schaffen. Unerschrocken folgte er Idealen und Vorbildern und trotzte einer Welt der Insta-tauglichen Oberflächlichkeit, um musikalische Bildung und Songwriter-Ambition zu realisieren. Die Spürnasen von »Rough Trade Records« erkannten sein Talent, und »For The First Time, Again« wurde eins dieser Debütalben, die das Jahrhundert nur gelegentlich ausspuckt. Eine stilsicher agierende Band und ein leidenschaftlicher Botschafter der Liebe und Menschlichkeit – ein nahezu perfektes Match. Für die Jury: Christine Heise

Hard und Heavy

Kreator: Krushers Of The World

CD/LP, Nuclear Blast NBR 74531 (Warner)

Kreator-Album Nummer 16 zeigt keine Abnutzungserscheinungen, sondern eine Band auf der Höhe ihres Schaffens. Auf »Krushers Of The World« agiert das Quartett um Sänger und Gitarrist Mille Petrozza sogar noch roher und direkter als auf den direkten Vorgängerwerken: weniger Experimente, mehr Thrash Metal – zugleich sind die zehn abwechslungs- und detailreichen Songs aber meisterhaft komponiert und arrangiert. In Stücken wie »Seven Serpents«, »Tränenpalast« und dem erbarmungslosen »Deathscream« gibt sich die in Essen gegründete Truppe leichtfüßig, zerstörungswütig und vorwärtsdrängend. Für die Jury: Sebastian Kessler

Electronic und Experimental

Craven Faults: Sidings

CD/2 LPs, The Leaf Label 0843190014323 (Direktvertrieb)

Wie Abstellgleise (»Sidings«) klingen, die nicht dem Stillstand sondern der kontinuierlichen Fortbewegung dienen, das demonstriert Craven Faults auf dieser phantasmagorischen, von scheinbaren Gegensätzen geprägten Platte eindrucksvoll. Hier steht eine trügerisch statische Gegenwärtigkeit einer omnipräsenten, sehr subtilen Progression gegenüber. Stets ziehen im Verlauf der immersiven Synthesizer-Klangreise Landschaften vor dem inneren Auge vorbei, die Veränderung liegt immerzu im Detail und verzerrt die Wahrnehmung von Zeit. Ein durch und durch cineastisch anmutendes Meisterwerk mit Sogwirkung. Für die Jury: Dominik Kautz

Blues

Joe Bonamassa: B.B. King’s Blues Summit 100

2 CDs/3 LPs, Keeping The Blues Alive KTBA10125 (Integral)

Dies ist eine Verbeugung vor einer der legendärsten Figuren, die der Blues hervorgebracht hat: vor B.B. King. Für eine zeitgemäße Würdigung von Person und Musik rief Joe Bonamassa viele Kollegen zusammen, und alle, die derzeit in der Bluesgemeinde etwas zu sagen haben, kamen, um ganz persönliche Beiträge zu leisten – indem sie zusammen eigene Versionen all der geschichtsträchtigen Songs von King einspielten; jeder in ganz eigener Handschrift, aber erkennbar mit King als Coach im Hintergrund. Nicht nur für King-, nicht nur für Bonamassa-Fans, sondern für alle mit Interesse an Musik ist das Ergebnis unverzichtbar. Für die Jury: Karl Leitner

R&B, Soul und Hip-Hop

Jill Scott: To Whom This May Concern

CD/LP, Blues Babe Records/Human Re Sources 199806608678 (The Orchard/SPV)

Nach zehnjähriger Funkstille hat sich die dreifache Grammy-Gewinnerin jetzt mit einem opulenten Soulfood-Mahl zurückgemeldet. Auf dem eigenen Label »Blues Babe« offenbart Jill Scott, dass sie den Blues hat, aber auch Rhythm & Blues, Jazz und Rap verinnerlicht – und Soul sowieso. Facettenreif, intim und mit knapp 20 Tracks gar nicht kurz geraten ist dieser sechste Longplayer aus dem Studio, der – was die Länge der Songs betrifft – zudem auch der etwa auf TikTok gängigen Unsitte eine Absage erteilt, immer nur Zweiminüter hinzuzimmern. Jill Scott ist ganz bei sich und dennoch offen für tiefe Einblicke ins eigene Seelenuniversum. Für die Jury: Torsten Fuchs

Wortkunst

Kai Grehn: Imiona Nurtu

Die Namen der Strömung. Hörspiel-Oratorium unter Verwendung der Sterbebücher von Auschwitz und von Gedichten von Tadeusz Borowski. Alexander Fehling, Rafael Stachowiak, Besucherinnen und Besucher der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und Menschen aus ganz Europa. Buch mit CD, Zweitausendeins ISBN: 978-3-96318-181-8

Für das Hörspiel-Oratorium »Imiona nurtu. Die Namen der Strömung« hat der Autor Kai Grehn Menschen aus ganz Europa eingeladen, die Namen Ermordeter aus den Sterbebüchern von Auschwitz vorzulesen. In der Begegnung dieser persönlichen Gedenklesungen mit Gedichten des Holocaust-Überlebenden Tadeusz Borowski sowie Geräuschaufnahmen aus den ehemaligen Häftlingsbaracken von Auschwitz-Birkenau entsteht ein intimer akustischer Erinnerungsraum, in dem die Präsenz der Vergangenheit in der Gegenwart eindringlich hörbar wird. Für die Jury: Michael Grote

Kinder- und Jugendaufnahmen

Annika & Martin Bosch: Nepomuk und der Rabel

Annika & Martin Bosch: Nepomuk und der Rabel Teil III – Die Pinguininsel. Staatskapelle des Deutschen Nationaltheaters Weimar, William Shaw. CD/Digital, Hey!blau Records 4251959817737 (Direktvertrieb)

Mit orchestraler Klassik und Seebär-Rap geht’s hier zur perfekten Pinguin-Party! Nach turbulentem Beginn entführen Zugvogel Rabel, Annika Bosch und ihr kleines engagiertes Team mit erzählerischem Charme und viel Herzblut in eine geheimnisvolle, spektakuläre Klangwelt – rund um fröhlich-freche Pinguine, mürrische Seebären sowie funkelnde Augen in einer »Gruselhöhle«. Umwoben vom opulenten, atmosphärischen Sound der Staatskapelle Weimar und unter bezaubernder Mitwirkung von Kindern ist ein feines Hörkunstwerk entstanden, das wahrlich »alles Dunkle bunt« werden lässt. Für die Jury: Yvonne Höft

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