Bestenlisten
Mit einem Platz auf der Bestenliste werden vierteljährlich die besten und interessantesten Neuveröffentlichungen der vorangegangenen drei Monate ausgezeichnet. Bewertungskriterien sind künstlerische Qualität, Repertoirewert, Präsentation und Klangqualität. Die Longlists sind ab 2014 direkt bei jeder Bestenliste hinterlegt.
Orchestermusik und Konzerte
Haydn 2032 – Vol. 19: Trauer
Joseph Haydn: Symphonien Nr. 44 e-moll »Trauer«, Nr. 52 c-moll, Nr. 108 B-Dur, Arvo Pärt: Da Pacem Domine, Samuel Scheidt: Paduana dolorosa. Il Giardino Armonico, Giovanni Antonini. Alpha Classics 1101 (Naxos)
Von Alltag keine Spur. Im Gegenteil. Die wechselnde Zusammenstellung und gelegentliche Erweiterung um ganz andere Werke schlagen in der Edition »Haydn 2032« immer wieder Brücken. So auch in diesem Fall, bei dem unter dem Motto »Trauer« die Symphonie Nr. 44 aufscheint, aber auch Pärts »Da pacem Domine« und eine »Paduana dolorosa« von Samuel Scheidt. Eine ›Umfassung‹ – nicht allein wegen der aktuellen Dringlichkeit, sondern auch mit Blick auf die Intensität des Musikalischen. Das Ensemble Il Giardino Armonico kann neben dem stets frischen Haydn auch den der Zeit entrückten Scheidtschen Gamben-Sound hervorzaubern. Für die Jury: Michael Kube
Orchestermusik und Konzerte
Héritage
Werke für Trompete und Orchester von Henri Tomasi, Joseph Jongen, Léon Stekke, Florent Schmitt, Charles Koechlin. Sebastian Berner, hr-Sinfonieorchester, Elias Grandy. Channel Classics CCS 49826 (Naxos)
Der Erste Preis beim Internationalen Maurice-André-Wettbewerb 2022 in Paris bestätigte nachdrücklich Sebastian Berners Position als einer der herausragenden Trompeter seiner Generation. Auch mit seiner Debüt-CD erfüllt Berner, der derzeit Solotrompeter des hr-Sinfonieorchesters ist, die höchsten Erwartungen. Das Album »Héritage« überzeugt nicht nur durch die Brillanz des Solisten, sondern auch mit der stimmigen Auswahl eines Raritäten-Repertoires belgisch-französischer Provenienz aus dem 20. Jahrhundert, das auch mit mehreren Ersteinspielungen Akzente setzt. Für die Jury: Norbert Hornig
Kammermusik
East Meets West
Werke von Aftab Darvishi, Unsuk Chin, Jörg Widmann, Thomas Adès. Anne-Sophie Mutter, Nancy Zhou, Ye-Eun Choi, Muriel Razavi, Pablo Ferrández, London Symphony Orchestra, Thomas Adès. CD/LP, Alpha Classics 1244 (Naxos)
Der Ausgangspunkt ist die Tradition, das Ziel eine moderne Klangsprache. Die beteiligten Komponistinnen und Komponisten erreichen das in ihren Auftragswerken von und für Anne-Sophie Mutter (entstanden zwischen 2020 und 2025) auf unterschiedliche Art und Weise: Widmann dekonstruiert Beethoven, Darvishi greift auf Melodien aus ihrer Heimat Iran zurück. Mutter interpretiert die Werke mit traumwandlerischer Präzision und Leichtigkeit, mit zupackender Energie und lyrischem Gesang. Vier Werke, die ins Repertoire aufgenommen werden sollten, liegen hier in einer Referenzaufnahme vor. Für die Jury: Dorothee Riemer
Kammermusik
alto appassionato
Werke für Viola und Klavier von Gabriel Fauré, Léon Honnoré, Henri Büsser, George Enescu, César Franck. Timothy Ridout, Jonathan Ware. harmonia mundi HMM 902787 (Integral)
Der junge britische Bratscher Timothy Ridout zählt bereits jetzt zu den Weltbesten seines Faches. Mit diesem Album beweist er, dass er nicht nur im Konzert mit Verve, Virtuosität und Feingefühl zu begeistern weiß, sondern auch mit klugen und konzeptionell spannenden Veröffentlichungen überzeugen kann. So präsentiert Ridout, in perfekter Harmonie mit seinem Klavierpartner Jonathan Ware, Originale und Bearbeitungen aus der Feder von Komponisten, die in Paris gelebt haben. Das ist mal brillant, mal melancholisch, immer jedoch mitreißend und im besten Sinne leidenschaftlich. Für die Jury: Andreas Göbel
Tasteninstrumente
Vsevolod Zavidov spielt Rachmaninow
Sergej Rachmaninow: Études-Tableaux op. 33, Corelli-Variationen op. 42, Vocalise op. 34 Nr. 14, Bach/Rachmaninow: Partita E-Dur BWV 1006. Vsevolod Zavidov. Alpha Classics 1212 (Naxos)
Facetten eines Heimatlosen – Eindrucksvolles Debüt eines vormaligen »Wunderkindes« mit Rachmaninow: Dessen Transkriptionen von Sätzen aus Bachs Partita meistert der 20-jährige Vsevolod Zavidov mit bestechender, augenzwinkernder Klarheit. Ähnlich klar, ungemein bildkräftig ist die Interpretation der Etudes-Tableaux, die Zavidov als tief empfundene Reminiszenzen an die Schönheit des alten Russland deutet. Die späten Corelli-Variationen weist er als hochkonzentrierte, fantastisch-finstere und durchaus trostlose Intuitionen eines heimatlosen Künstlers aus. Die berühmte Vocalise sorgt für den tröstlichen Ausklang dieses großartigen Debütalbums. Für die Jury: Attila Csampai
Tasteninstrumente
Friedrich Cerha: Sämtliche Orgelwerke
Wolfgang Kogert. Kairos 0022064KAI (Note 1)
Friedrich Cerha fand erst spät zur Orgel, dann aber umso intensiver. Die in den letzten Lebensjahren des Komponisten entstandenen Orgelwerke werden in Wolfgang Kogerts glutvoller Interpretation zu einem Ereignis: energisch, präzise, unprätentiös und mit klarem Blick für ihre innere Dramaturgie. Diese Musik verlangt Konzentration – und belohnt sie mit einer eigenwilligen Klangwelt zwischen asketischer Strenge und überraschender Farbigkeit. Kogert hält die Balance, schärft Konturen und legt die konstruktive Energie dieser pointierten Stücke offen. Die Aufnahme bestätigt Cerhas Rang als solitäre Stimme der Orgelmoderne eindrucksvoll. Für die Jury: Guido Krawinkel
Oper
Tommaso Traetta: Ifigenia in Tauride
Rocío Pérez, Rafał Tomkiewicz, Suzanne Jerosme, Alasdair Kent, Karolina Bengtsson, NovoCanto, Les Talens Lyriques, Christophe Rousset. 2 CDs, Aparté AP399 (Integral)
Diese musikalisch ausgezeichnet gelungene Aufnahme macht mit einem packenden Spätprodukt der neapolitanischen Schule bekannt – große Gesangskunst im Dienste des neuen musikdramatischen Ausdrucks. Traettas Dreiakter wurde 1763 in Wien uraufgeführt, ein Jahr nach Glucks Reformoper »Orfeo ed Euridice«, deren Chor der Unterweltfurien hier im Angsttraum des Muttermörders Oreste widerhallt. Zum hitzigen Plot passt, dass der Terrorfürst Thoas nicht von den hereinstürzenden Griechen, sondern von Iphigenie höchstpersönlich erstochen wird – das finale i-Tüpfelchen für diese absolut hörenswerte Ersteinspielung auf CD. Für die Jury: Max Nyffeler
Oper
Clémence de Grandval: Mazeppa
Tassis Christoyannis, Nicole Car, Julien Dran, Ante Jerkunica, Paweł Trojak, Chor des Bayerischen Rundfunks, Münchner Rundfunkorchester, Mihhail Gerts. 2 CDs mit Buch, Bru Zane BZ 1063 (Naxos)
Die 1892 in Bordeaux uraufgeführte Oper »Mazeppa« von Clémence de Grandval (1828-1907) verbindet die Dramaturgie einer französischen Grand Opéra mit Erinnerungsmotiven deutscher Musikdramatik. Das Münchner Rundfunkorchester hat dieses Liebesdrama auf der Folie des Freiheitskampfs der Ukraine im frühen 18. Jahrhundert unter Mihhail Gerts mit Nicole Car, Tassis Christoyannis und anderen gewohnt stilsicher eingespielt. Vor Peter Tschaikowskys acht Jahre älterer Oper über den gleichen Stoff braucht sich dieses Werk keineswegs zu verstecken, an dramatischer Dichte übertrifft es jene sogar. Für die Jury: Robert Braunmüller
Chor und Vokalensemble
I am a river
Helena Tulve: I am a river, Nächtliche Gesänge, Kaija Saariaho: Lumen valosta, Nej och inte, Suomenkielinen sekakuorokappale, Kesäpäivä. Helsinki Chamber Choir, Nils Schweckendiek. SACD, BIS 2742 (Naxos)
Tausende Universen gehen durch ein Nadelöhr: Dem mikro-makrokosmischen Sprachbild des altpersischen Dichters Rūmī entspricht in Helena Tulves Vertonung ein zugleich mystisches und dramatisches Klangbild. Die Vielfalt der Einzelstimmen wird enggeführt und zu einem unablässigen chorischen Strom. Die Spannung von Individuellem und Verbindlichem, Tradition und Überschreitung erzeugt bei der estnischen Komponistin wie bei ihrer finnischen Kollegin Saariaho soghafte Energie – expressiv bis zu Schrei und Hauch, subversiv durch schrägen Humor. Und die Interpretation ist – galaktisch. Für die Jury: Martin Mezger
Klassisches Lied und Vokalrecital
A Poet’s Love
Lieder von Carl Loewe, Josephine Lang, Fanny Mendelssohn-Hensel, Robert Schumann, Felix Mendelssohn, Héloïse Werner. Helen Charlston, Sholto Kynoch. SACD, BIS 2704 (Naxos)
Helen Charleston ist ein Phänomen. Nicht nur das warme, dunkel-füllige Timbre der jungen britischen Mezzosopranistin. Sondern auch die Gabe, Bedeutung, Sinn und Ausdruck nahtlos zu verschmelzen. In allem schwingt ein sehr persönlicher Ton. Der Fluchtpunkt: Schumanns »Dichterliebe«, mit freiem Atem und suggestiver Emphase durchlebt. Dazu gestellt sind, wie Spiegelbilder, Lieder von Fanny und Felix Mendelssohn, Josefine Lang, Carl Loewe, ein neuer Mini-Heine-Zyklus der Komponistin Héloïse Werner. Sholto Kynochs kongenial temperierte Präzisionsarbeit am Klavier macht das Glück perfekt. Traumhaft. Für die Jury: Albrecht Thiemann
Alte Musik
Pomponio Nenna: Madrigali
Pomponio Nenna: Il primo libro de Madrigali a cinque voci (1582). Comet Musicke. Ricercar RIC 488 (Naxos)
Pomponio Nenna steht heute meist im Schatten seines Zeitgenossen und Kollegen Carlo Gesualdo. Beide haben sich gegenseitig beeinflusst in Sachen Textgestaltung, Dissonanzen und chromatischer Modulationen. Das Ensemble Comet Musicke, bekannt für seine intensive Forschungsarbeit, hat Nennas erstes Madrigalbuch von 1582 aufgenommen. Damit macht es den Weg frei für die Wiederentdeckung dieses italienischen Renaissance-Komponisten. Die kongeniale, stilsichere Interpretation mit ihrem ausdrucksstarken Klang fesselt sofort, das Zuhören wird zum Genuss! Für die Jury: Bettina Winkler
Zeitgenössische Musik
György Kurtág: Secreta
Sämtliche Werke für Streichquartett. Quatuor Béla. bastille musique bm40 (rudi mentaire distribution)
Diese Aufnahme sämtlicher Streichquartette von Kurtág lädt zu einem sinnlich-intellektuellen Abenteuer ein. So führt zum Beispiel das 16-sekündige Presto aus den »Mikroludien« – zwei-, drei-, zehnmal gehört – tief in seine geheimnisvolle Musik. Das gelingt, weil das Quatuor Béla die fantastischen Welten höchst differenziert ausleuchtet. Es gibt feinste Resonanzen auf Bartók, Webern oder Bach und charaktervolle Töne. »Secreta« folgt mit höchster künstlerischer Fantasie der Spur der Psychologin Marianne Stein. Sie riet Kurtág Ende der 1950er-Jahre, neu anzufangen: mit einem einzigen Ton – und ihn ernst zu nehmen. Für die Jury: Margarete Zander
Historische Aufnahmen
The Great Forgotten Danish Violinist Henry Holst
Werke von Ralph Vaughan Williams, Frederick Delius, William Walton, Fritz Kreisler u.a.. Henry Holst, Erling Blöndal Bengtsson, Anthony Pini, Philharmonia Quartet u.a., BBC Welsh Orchestra, BBC Northern Orchestra, Mansel Thomas, Charles Groves. 2 CDs, Danacord DACOCD 1009 (Naxos)
Ein umfassendes, pointiertes Porträt des vor allem in England und Dänemark tätigen Geigers Henry Holst, der als Kammermusiker (etwa als Primarius des Philharmonia Quartet) wie als Solokünstler zu hören ist. Die Violinkonzerte von Walton und Vaughan Williams in Rundfunkübertragungen von 1947 und 1949 überzeugen durch musikalische Spontaneität, Stilgefühl und Expressivität und triumphieren über die Aufnahmetechnik. Als Kammermusiker zeigt sich Henry Holst transparent und expressiv, feinstens phrasierend und schattierend. Für die Jury: Jürgen Schaarwächter
Grenzgänge
Mahan Mirarab: Unspoken
Mahan Mirarab, Kian Soltani, Lars Danielsson, Golnar Shahyar: Unspoken. CD/LP, ACT 8022-2 (Edel)
Der in Teheran aufgewachsene, seit 2009 in Wien heimische Saitenmusiker Mahan Mirarab legt nach einer Fülle von Tonträgern nun sein Debüt bei Act Music vor. Auf »Unspoken« verschmelzen Elemente des Jazz, der iranischen Tonkunst und europäischer Kammermusik zu einem stimmigen Ganzen. Nebst Solostücken orientalischen Kolorits, gespielt auf einer Doppelhalsgitarre, begeistern Duette mit Kollegen wie Jazzbassist Lars Danielsson und bewegt eine Hommage an Jina Mahsa Amini, deren Tod in der Haft der Sittenpolizei 2022 landesweite Proteste ausgelöst hatte. Für die Jury: Christoph Irrgeher
Filmmusik
Hildur Guðnadóttir: The Bride!
Digital, Water Tower Music (Warner)
Was für ein Beginn: Bereits mit dem ersten Track, »The Fall«, auf dem Album zu Maggie Gyllenhaals »The Bride!« führt Hildur Guðnadóttir die Geschichte von der durch die Zeit wandernden Mary Shelley ins Hier und Jetzt. Dann kehrt sie in die Romantik zurück und verortet die Musik mittels Swing-Nummern (ein geisterhaftes »Puttin’ on the Ritz«) in den 1920er-Jahren. Wie so oft überrascht Guðnadóttir mit Instrumentierungen, um Stimmungen neu entstehen zu lassen. In »The Bride!« macht sie hörbar, wie sehr die Bloßlegung der Brüchigkeit romantischer Liebe zu faszinieren vermag. Für die Jury: Stephan Ahrens
Musikfilm
Ivry Gitlis – Von der Kunst (k)ein Geiger zu sein
Ein Film von Gai Tordjman. Ivry Gitlis, Daniel Barenboim, Martha Argerich, Zubin Mehta, Itzhak Perlman. Stream, WDR (Arte)
Der Geiger Ivry Gitlis (1922–2020), von den größten Musikern geschätzt, vom Publikum umjubelt, passte nie so recht in den klassischen Konzertbetrieb. Dafür war er zu unkonventionell und vielseitig, sprang zwischen den Musikgenres hin und her. Gai Tordjman hebt einen Schatz mit Archivmaterial von Gitlis’ Auftritten und Interviews mit Musikern, verbunden mit einer wunderbaren Erzählhaltung, indem er diesem Geiger in seiner ganzen Rätselhaftigkeit, aber auch Exzentrik in Paris persönlich begegnet. Ein Geheimnis wird leider nicht gelüftet: Warum es seinerzeit zu Gitlis’ Bruch mit der klassischen Musikwelt kam. Mitwisser oder Beteiligte gar schweigen betreten. Für die Jury: Helge Grünewald
Foto: © Les Films d’Ici/Exocet Films
Jazz
Michel Petrucciani: Kuumbwa
Michel Petrucciani, Dave Holland, Eliot Zigmund: Kuumbwa. 2 CDs/2 LPs, Elemental Music 5990459 (Edel)
Michel Petrucciani verkörperte die romantische und die hochvirtuose Seite des modernen Mainstream-Pianos. Wie einst Chopin, neben dem er begraben liegt, spielte sich der französische Tastenartist mit atemberaubender Brillanz und unverhüllter Gefühlsinnigkeit, feinnerviger Lyrik und überschäumender Spielfreude in die Herzen der Menschen. So auch 1987 live im Kuumbwa Jazz Center in Santa Cruz, als er im nur dieses eine Mal dokumentierten Trio mit dem Bassisten Dave Holland und dem Bill-Evans-Drummer Eliot Zigmund für eine Sternstunde musikalischer Kommunikation und Kreativität sorgte. Für die Jury: Marcus A. Woelfle
Jazz
Christof Lauer: Odyssea Sonorum
An:Bruch an02bruch (RecordJet)
Eine Explosion der Klangschattierungen – Christof Lauer formt sie, bringt sie in eine extravagante Ordnung. Lauers Saxofone, Tenor und Sopran, dampfen und schwitzen, weinen und jubilieren. In seiner Behausung, der Alten Nikolaikirche in Frankfurt, lässt er die Klanggewitter der Hörner einschlagen. Der bislang so oft orchestral agierende Lauer, im Jazz-Ensemble des hr, lange in der NDR Bigband, ist hier allein, ausgestattet mit stupender Technik. Und auch als Solist ist er ein phänomenaler Stilist und nuancenreicher Klangmaler: sprachmächtig wie kaum ein anderer Saxofonist in Hör-Nähe. Für die Jury: Guenter Hottmann
Weltmusik
Souad Massi: Zagate
CD/LP, Backing Track BTCD002 (Galileo)
Zagate ist die algerische Abwandlung des französischen Ausdrucks »ça se gâte«, zu deutsch »alles geht den Bach runter«. Die Lieder von Souad Massi pendeln zwischen Zorn und Nachdenklichkeit, Härte und Verletzlichkeit. Zu den zentralen Aussagen gehört ein Gedankengang des Philosophen Ibn Rushd aus dem 12. Jahrhundert: »Unwissenheit führt zu Angst, Angst führt zu Hass, Hass führt zu Gewalt – das ist die Gleichung«. Solche Gedanken, in harte Klänge gesetzt, balanciert die Komponistin in gefühlvollen Balladen aus. Die elf Lieder sind ein Statement für Menschlichkeit, für Hoffnung – aber in Klartext. Für die Jury: Jodok W. Kobelt
Traditionelle Ethnische Musik
Yiddish Glory: The Silenced Songs of World War II
Digital, Six Degrees Records 990481102617 (Direktvertrieb)
Mit großer Sensibilität macht das Ensemble Yiddish Glory ein einzigartiges Vermächtnis hörbar. Nahezu vergessene jiddische Lieder erzählen von Leid, Verfolgung, Flucht, Verrat und Überlebenswillen. Der sowjetische Musikethnologe Moisei Beregovsky wurde in den Gulag verbannt, auch weil er diese Zeugnisse aus der Zeit des Holocaust sammelte. Nach der Wiederentdeckung werden sie nun durch außergewöhnliche künstlerische Kraft und Virtuosität wieder lebendig. Jede Melodie ist ein Zeugnis vergangener Schicksale und zugleich eine Brücke in unsere Gegenwart – als bewegendes Zeichen gegen das Vergessen. Für die Jury: Babette Michel
Liedermacher
Paul Bartsch & Band: Theaterdonner
Zoundr ZDR0819 (Timezone Distribution)
Mit »Theaterdonner« beweist der Hallenser Professor für Erziehungswissenschaft einmal mehr, dass kluge Liedkunst laut sein kann, ohne zu schreien. Seine Texte treffen Herz und Verstand, erzählen von unserer Zeit mit Tiefgang und feiner Beobachtung. Musikalisch kraftvoll, poetisch und voller Haltung kombiniert die Band Rock, Chanson und die Tradition der Liedermacher zu einem unverwechselbaren Sound. Ein Album, das nachhallt – weil es berührt und aufrüttelt. Genau jetzt, da in Bartschs Heimat Sachsen-Anhalt mit der Landtagswahl 2026 Ungemach droht. All das ist halt mehr als (nur) »Theaterdonner«. Für die Jury: Petra Schwarz
Folk und Singer/Songwriter
Trad Quartett
Digital/CD, Eigenproduktion 4068992689807 (Direktvertrieb)
Gegründet wurde die Band 2024, der Dieter-Wasilke-Folkförderpreis kam 2025 und die erste CD von 2026 steht auf der PdSK-Bestenliste – das ist eine steile Karriere. Die drei Herren und eine Dame (Kontrabass, Gitarre, Quinton-Geige sowie Klarinette, Sopransaxofon, Holzquerflöte und Hümmelchen) haben sich der Tanzmusik des 18. und 19. Jahrhunderts verschrieben und sie mit modernen Elementen angereichert. Tanzmusik setzt ja enge Grenzen – wie jedoch die Gruppe in diesem Rahmen agiert, verdient Respekt. Improvisationen, rhythmische Akzentuierungen, jazzige Phrasen – alles passt und bringt Spaß auch beim Zuhören. Für die Jury: Mike Kamp
Pop
Joe Jackson: Hope And Fury
CD/LP, earMusic 0221180EMU / 0221182EMU (Edel)
Joe Jackson hat sich in 50 Karriere-Jahren nie mit Erreichtem begnügt und stetig neue Türen aufgestoßen. »Hope And Fury« ist ein Schlüsselwerk des Nimmermüden, weil er in den neuen Songs viele Aspekte seines Gesamtwerks Revue passieren lässt und sie zugleich zu neuen Perspektiven bündelt. Im Eingangssong nähert er sich dem Gewimmel des Albums wie einem Hafen vom Meer aus an, um in den übrigen Songs in ein turbulentes Spiegelbild der Menschheit mit ihren unterschiedlichen Backgrounds und Erfahrungen einzutauchen. Mehr als je zuvor präsentiert sich Joe Jackson als gewitzter Geschichtenerzähler. Für die Jury: Wolf Kampmann
Rock
Paul McCartney: The Boys Of Dungeon Lane
CD/LP, Capitol Records 0199957248600 (Universal)
In seinem Alter darf man sich eine gewisse Nostalgie erlauben: Am 18. Juni 2026 feierte McCartney den 84. Geburtstag. Und mit dem 20. Soloalbum, dem besten seit Jahrzehnten, gelingt ihm gleichwohl eine erstaunlich frische und zeitgemäße Rückschau, die nichts verklärt oder beschönigt. Die Stimme ist zwar brüchig geworden, aber als Songwriter ist er noch immer unübertroffen – mit berührenden Liverpool-Reminiszenzen und Balladen über George Harrison und John Lennon, aber auch mit einer saftigen Gitarrennummer für Oasis-Fans. Als Sparringspartner sorgte der junge Produzent Andrew Watt für Rock-Adrenalin. Für die Jury: Manfred Gillig-Degrave
Hard und Heavy
Lunar Shadow: The Pall Of A Past World
CD/LP, Cruz Del Sur Music 8032622211689 (Direktvertrieb)
Ohne Label, ohne reguläre physische Veröffentlichung, ohne Promotion-Kampagne oder namhafte Gastmusiker begeistern »Lunar Shadow« als absoluter Geheimtipp. Max Birbaum nahm das vierte Album seiner Band quasi im Alleingang auf. Damit folgt »The Pall of a Past World« strikt seiner Vision, klassische Metal-Werte mit Prog, Space Rock und Doom zu vermengen und bezaubert mit schillernden Ohrwürmern wie »The Ventures Of Bombadil« und »The Cormorant«. Das ist nicht glattpoliert, sondern zieht seinen Charme im Gegenteil aus dem Miteinander von Kantig- und Kunstfertigkeit. Für die Jury: Sebastian Kessler
Alternative
The Notwist: News From Planet Zombie
CD/LP, Morr Music MM207 (Indigo)
Aus Weilheim in die weite Welt hinaus: bald dreißig Jahre währt die Bandgeschichte von The Notwist, 15 Alben stehen für das Kollektiv rund um die Brüder Markus und Micha Acher. Stilprägende Werke wie »Neon Golden« (2002) und »The Devil, You + Me« (2008) sind darunter, aber auch viele andere gelungene Würfe; wie nun auch wieder »News From Planet Zombie«, dessen elf Tracks so gar nichts mit den oberbayrischen Wurzeln zu tun haben: souveräner, unaufgeregter, klar und facettenreich eingespielter Indiepoprock, der auch international keine Vergleiche zu scheuen braucht. Für die Jury: Jan Ulrich Welke
Club und Dance
Jump Source: Fold
Digital, NAFF 032 (Direktvertrieb)
Falten heißt verbinden ohne Naht. Genau das leistet Jump Source – Francis Latreille (Priori) und Patrick Holland (Project Pablo) – auf ihrem gemeinsamen Debüt »Fold«, erschienen bei NAFF in Montréal. House, UK Garage, Dub und Techno-Pop legen sich ineinander – aber nicht als Stil-Collage, eher in Schichten, die einander überlagern, ohne unkenntlich zu werden. Mit Gästen wie Billy Woods, CFCF, BEA1991 und POiSON GiRL FRiEND streben die Stücke Richtung Song, ohne Strophe-Refrain-Schema. Clubgeboren, aber nie nur funktionales DJ-Werkzeug; Musik, die ihre Referenzen nicht ausstellt, sondern »einfaltet«. Für die Jury: Sebastian Hinz
Electronic und Experimental
Lee »Scratch« Perry & Mouse On Mars: Spatial, No Problem.
LP/CD/Digital, Domino Records WIGLP548XM (Integral)
Wenn es um skurrile schöpferische Projekte geht, sind die Berliner Elektronik-Exzentriker »Mouse On Mars« gesuchte Spezialisten. Hemmungslos lassen sie Ideen aufeinanderprallen – das macht das Duo zu perfekten Partnern für Dub-Meister Perry. Fünfzig Minuten lang liefern sie aufwändig arrangierte elektro-akustische Instrumentalstücke mit mitreißendem Gesang des Giganten jamaikanischer Musik. Das sind Explosionen genreübergreifender Farben; ekstatische Werke fantasievoller Kunst, die vor Schaffensfreude überquillt – ein einzigartiges, fröhliches Zeugnis von Kreativität in ihrer freigeistigsten Form. Für die Jury: Olaf Maikopf
Blues
Bob Corritore & Friends: Ernestine Blues
SWMAF Records SWMAF31 (Bertus)
Der Mundharmonika-Spieler Bob Corritore ist nicht nur ein hervorragender Musiker, sondern (und nicht zuletzt durch seine »Nebentätigkeiten« als Plattenproduzent, Radiomoderator und Club-Betreiber) auch ein umtriebiger Blues-Netzwerker, der für seine Projekte auf eine vielköpfige und vor allem kompetente Kollegenschar zurückgreifen kann. »Ernestine Blues« ist fest in der Chicago-Tradition verwurzelt, zeigt sich aber dabei offen für Annäherungen an Soul, swingenden Rhythm’n’Blues und Rock, ohne sich zu verrenken oder modisch anzubiedern. So hat Tradition Zukunft! Für die Jury: Christian Pfarr
R&B, Soul und Hip-Hop
Vince Staples: Cry Baby
CD/LP/Digital, Loma Vista Records LVR05437 (Universal)
»America the beautiful, I’d like to take a look at you«, rappt Vince Staples im Titel »Only in America« – es sei allerdings schwierig, die Sterne zu sehen, wenn man hinter Gittern sitzt, setzt er die Zeile fort. Ging es auf den Vorgängern »Ramona Park Broke My Heart« und »Dark Times« noch vor allem um Introspektion, liefert der Kalifornier nun mit »Cry Baby« eine präzise Gesellschaftsdiagnose der USA. Wie geht es weiter mit diesem Land? Insbesondere für Schwarze Menschen – in einer Gesellschaft, die zerfällt? Vince Staples weiß es auch nicht – aber er weiß trotzdem sehr genau, was zu sagen ist. Für die Jury: Aida Baghernejad
Wortkunst
Werner Fritsch: Mixing Memory And Desire II
... eine Jugend in den 1970er Jahren in »Bayerisch-Sibirien«. Sylvester Groth, Angela Winkler, Werner Fritsch, Werner Waas, Martin Engler u.a., Komposition: Werner Cee, Regie: Werner Fritsch. Stream, SWR
Der erste Teil von »Mixing Memory & Desire« wurde bereits mit einem Jahrespreis des PdSK geehrt. Nun legt der Schriftsteller Werner Fritsch (Jahrgang 1960) eine zweite Ladung Hörkunst vor. Und wieder begeistert die Mischung aus Erinnerungstheater, metaphysischem Nachdenken und kunstvoller musikalischer Gestaltung. Mit Ausnahme-Darstellern wie Angela Winkler und Sylvester Groth, aber auch der Stimme des Autors, entsteht ein meisterhafter Trip durch eine Jugend in den 1970er Jahren, die uns von der Oberpfalz in unerhörte Klang- und Denkwelten führt. Für die Jury: Jörn Florian Fuchs
Foto: Werner Fritsch mit seinem Bruder in den 1970er Jahren © Werner Fritsch Filmproduktion
Kinder- und Jugendaufnahmen
Eva Kranenburg: Freunde
Fabian Busch. Digital, Argon Hörbuch ISBN: 978-3-7324-8490-4 (Argon Verlag)
Vom ersten Satz an entfaltet »Freunde« von Eva Kranenburg einen beklemmenden Sog. Auf den letzten Metern eines verlorenen Krieges desertieren Tarek, Nata, Ren und Tuk. Sie alle haben Schreckliches erlebt, Familien verloren und Hunger gelitten. Das ist die große Kunst dieses Romans: Kranenburg erzählt diese düstere Geschichte einer Freundschaft in warmen, fast zärtlichen Tönen. Schauspieler Fabian Busch trifft dabei die feinen Nuancen der Stimmungen und Gefühle und bringt uns die Figuren ganz nah. Gerade in Zeiten zunehmender Militarisierung ist »Freunde« das Werk der Stunde – und exzellente Jugendliteratur. Für die Jury: Thomas Feibel































