Jahrespreise

Einmal jährlich trifft sich der Jahresausschuss des PdSK e.V., um zehn Jahrespreise für die besten Produktionen des zurückliegenden Jahres zu bestimmen. Im Jahresausschuss arbeiten zehn Jurorinnen und Juroren aus verschiedenen Fachjurys zusammen. Die Besetzung des Jahresausschusses rotiert. Die Nominierungen für evtl. Jahrespreise obliegen der Gesamtheit aller Jurorinnen und Juroren. Jahrespreise werden im Rahmen öffentlicher Konzertauftritte oder Literaturlesungen (im Bereich Wortkunst) an die Preisträger verliehen. Die Longlists sind ab 2014 direkt bei jedem Preisträgerjahrgang hinterlegt.

Jahrespreise

Frank Peter Zimmermann, Berliner Philharmoniker

Ludwig van Beethoven: Violinkonzert op. 61; Alban Berg: Violinkonzert »Dem Andenken eines Engels« (1935); Béla Bartók: Violinkonzerte Nr. 1 Sz 36 & 2 Sz 112. Frank Peter Zimmermann, Berliner Philharmoniker, Daniel Harding, Kirill Petrenko, Alan Gilbert. 2 CDs & Blu-ray, Berliner Philharmoniker Recordings BPHR 210151 (Direktvertrieb)

Auf diese Geschenkpackung hatten wir sehnsüchtig gewartet: Vier der wichtigsten Violinkonzerte der Musikgeschichte, live eingespielt von Frank Peter Zimmermann mit einem der besten Orchester der Welt. Es gibt weiter keinen Anlass zu dieser üppig ausgestatteten Edition. Kein rundes Datum. Keine PR-Strategie. Es gibt nur den ultimativen Anspruch gemeinsamer Kunstäußerung. Über achtzig Mal ist Zimmermann schon mit den Berlinern Philharmonikern aufgetreten, seit seinem Debutkonzert bei ihnen, anno 1985. Schon damals, mit neunzehn, soll er ein ausgewachsener Spitzengeiger gewesen sein: selbstverständlich perfekt, mit altmodischer Fülle und Süße im Tonfall, nuancenklar und wahrhaftig im Ausdruck. Das hat sich seither vertieft, paradoxerweise zugleich verflüssigt und gefestigt. Heute erkennt man Zimmermann und seine Stradivari nach zwei Minuten: an der Leichtigkeit, dem Witz und dem Wissen der rhetorisch ausgestalteten Klangrede. So macht er nun, gemeinsam mit den philharmonischen Freunden, wie er es nennt: »Kammermusik«. Das Ergebnis: vier einmalige, unübertroffene Referenzaufnahmen. Für den Jahresausschuss: Eleonore Büning

Christian Gerhaher, Gerold Huber

Robert Schumann: Alle Lieder. Christian Gerhaher, Gerold Huber, Sibylla Rubens, Camilla Tilling, Wiebke Lehmkuhl, Christina Landshamer, Martin Mitterrutzner, Julia Kleiter, Anett Fritsch, James Cheung. 11 CDs, Sony Classical 19439780112

Fassen lässt sich diese Box nicht. 299 Lieder von Robert Schumann, dargeboten in 45 Zyklen auf elf CDs, produziert im Studio über vier Jahre hinweg in diversen Aufnahmesitzungen – das allein verdient schon das Etikett einzigartig. Epochal wird diese Sammlung, die der Bariton Christian Gerhaher mit seinem ihm symbiotisch verbundenen Klavierpartner Gerold Huber initiierte, durch die Interpretationen. Schumann liegt beiden am allerbesten, eben weil dieser Komponist weniger auf eine emotional sofort fassbare Aussage zielt. Die Dreifachbödigkeit Schumanns, die sich mit romantischer Eingängigkeit oft nur tarnt, verlangt analytische Draufsicht und eine Beobachtungsgabe des singenden Ichs, das Geschehen darstellt, anstatt sich hineinzuwerfen. All dies gelingt Gerhaher und Huber auf bestechende Weise. Und nicht nur ihnen: Sie haben herausragende Kolleginnen und Kollegen mit einbezogen, darunter Julia Kleiter, Christina Landshamer, Wiebke Lemkuhl oder Martin Mitterrutzner. Und alle besitzen sie eine seltene Kostbarkeit – den Schlüssel zu Schumann. Für den Jahresausschuss: Markus Thiel

Graindelavoix, Björn Schmelzer

Josquin the Undead. Laments, Deplorations And Dances Of Death. Graindelavoix, Björn Schmelzer. Glossa GCD P32117 (Note 1)

Josquin Desprez lebte von 1450 bis 1521, er gilt als der bedeutendste Vertreter der hochkomplexen Renaissance-Vokalpolyphonie. Und so klingt seine Musik in fast allen Einspielungen: emotions- und körperlos, wie eine in Noten übersetzte Mathematik. Mit dieser intellektuellen Askese bricht die grandiose Aufnahme seiner schmerzvollen Chansons und Lamenti durch das belgische Vokalensemble Graindelavoix unter der Leitung Björn Schmelzers radikal. Was wir hören, ist ein brodelnder Strudel sich umwindender Stimmen, der wie eine ekstatische Verausgabung wirkt, ja, wie rituelle Beschwörung. Kein ätherischer Belcanto wird kultiviert, es singen vielmehr raue, kehlig intonierende Männerstimmen, deren individuelle Timbres sich, durch improvisierte Verzierungen und mikrotonale Bebungen verstärkt, zu einem schwer beschreibbaren, aber magischen, gleichsam unendlichen Klangstrom verschlingen. In seiner körperlichen Überwältigung ist das allemal faszinierend – archaisch fremd und doch zugleich beklemmend schön: Der wichtigste Beitrag zum Josquin-Jahr 2021. Für den Jahresausschuss: Uwe Schweikert

Marc-André Hamelin

William Bolcom: The Complete Rags. Marc-André Hamelin. 2 CDs, Hyperion CDA 68391/2 (Note 1)

Der kanadische Superpianist Marc-André Hamelin, von allen Seiten stets zuerst gepriesen für seine unfehlbare Technik, hat schon oft bewiesen, dass man Herz und Verstand nicht trennen darf. Auch wüste, regellose Werke, die als unspielbar gelten, verwandeln sich unter seiner Pranke in Inseln des Glücks. Auf den Bestenlisten ist Hamelin deshalb ständig vertreten, auch etliche Jahrespreise wurden ihm zuerkannt. Doch noch nie für etwas so lieblich Lyrisches, unverschämt Witziges, Hintergründiges und Lebensfreudiges, zugleich Trauersynkopendurchwehtes, wie sämtliche Rags des amerikanischen Komponisten William Bolcom. Die meisten dieser Stücke entstanden in den späten Sechzigern. Während draußen der Vietnam-Krieg-Protest die amerikanische Gesellschaft neu definierte, entdeckten Bolcom und seine (weißen) Freunde den Rag der Schwarzen für sich und schickten einander, wie Bolcom erinnert, frisch komponierte Rags per Post zu, »wie Schachaufgaben«. Für den Jahresausschuss: Eleonore Büning

Bernhard Hanneken: Deutschfolk

Deutschfolk – Soundtrack zum Volksliedrevival in der BRDDR. Hrsg. von Bernhard Hanneken. 12 CDs mit Begleitbuch, NoEthno 2003-2014 (Galileo)

Eigentlich sollte diese CD-Edition »nur« eine klingende Beigabe zu Bernhard Hannekens ultimativem Buch »Deutschfolk – Das Volksliedrevival in der BRDDR« werden. Aber die Box ist so viel mehr! Das liegt nicht zuletzt an der liebevollen und fast perfekten Zusammenstellung: Alle Aspekte des Revivals sind abgedeckt von Ost nach West, von der Waldeck bis Rudolstadt, vom politischen Lied über den Volkstanz bis hin zur Romanze; lediglich die Freigabe der Zupfgeigenhansel-Lieder wurde aus ungenannten Gründen verweigert. Das Beibuch, mit 172 Seiten, ist für sich genommen ein meisterlich editiertes Werk. Es bietet Unmengen an Informationen zu Künstlern und Eigenheiten der jeweiligen Themengebiete, dokumentiert auf zehn CDs und ergänzt von zwei raren, historischen Ost-Konzertmitschnitten: Folkländer 1982 und Wacholder 1984. Noch nie zuvor wurde das deutsch-deutsche F/Volksliedrevival so umfassend und präzise dargestellt, wie von Hanneken: ein schlichtweg definitives Klangarchiv! Für den Jahresausschuss: Mike Kamp

Charles Lloyd, Bill Frisell, Thomas Morgan

Trios: Chapel. CD/LP, Blue Note 00602445266494 (Universal)

Auch im fortgeschrittenen Alter ist der US-amerikanische Saxophonist Charles Lloyd, Jahrgang 1938, noch immer sehr produktiv. Lloyd ist eigentlich Quartett-Spezialist. Als Saxophonist hat er die musikalische Schönheit und Spiritualität eines John Coltrane weiter verfolgt, ist aber schon lange selbst eine große Instanz geworden für dieses Instrument. In letzter Zeit war Lloyd aber auch häufiger im Trio zu hören. Vor allem mit dem Gitarristen Bill Frisell und dem Bassisten Thomas Morgan bildet er eine formidable Band, in der seine Musik wunderbar atmen kann. Lloyds Saxophon-Spiel ist von einer starken gesanglichen Qualität geprägt, was in dieser Besetzung noch einmal besonders hörbar wird. »Trios: Chapel« – aufgenommen in einer kleinen Kapelle im texanischen San Antonio – wurde so zu einem kleinen Meisterwerk. Wer seine Ohren öffnet, wird belohnt mit einem Album voller Zärtlichkeit, Anmut, Weisheit und Noblesse. Für den Jahresausschuss: Matthias Wegner

Fontaines D.C.

Skinty Fia. CD/LP, Partisan Records PTKF3016 (Rough Trade)

Noch bevor das United Kingdom seine Königin verlor, sang Sänger und Songwriter Grian Chatten bereits »I don’t wanna see the Queen / I already sing her song«. Mit dem dritten Album begibt er sich mit seiner Postpunk-Band Fontaines D.C. nun auf die Spuren seiner irischen Heimat – auch wenn oder gerade weil die meisten von ihnen inzwischen in London leben. So liefern sie unter anderem mit »Bloomsday« eine James-Joyce-Hommage und erzählen im Eröffnungssong »In ár gCroíthe go deo« – »Für immer in unserem Herzen« – von einer Irin, die sich im englischen Exil keinen gälischen Spruch auf den Grabstein gravieren lassen durfte. Musikalisch hat sich die Wütende-Männer-Band inzwischen ein Stück weiterentwickelt: differenzierter und weniger repetitiv, doch weiterhin stoisch und schlecht gelaunt. Das zeigt vor allem der tolle Song »I love you«, in dem Chatten in einem immer erregter werdenden Monolog mit seiner Liebe Irland ins Gericht geht. Ein Album wie ein verdammter Hirsch (»Skinty Fia«)! Für den Jahresausschuss: Juliane Streich

Perel

Jesus Was An Alien. CD/LP, Kompakt CD171 (Rough Trade)

Perel, gebürtig aus Sachsen, ist die wahre »Spacer Woman« – zumindest inszeniert sie sich so auf dem Cover ihres zweiten Albums: als eine Gottesmutter im Raumanzug, die ein Alien-Jesuskind stillt. Provokant und außergewöhnlich, so muss man den Zugang dieser DJ, Produzentin und Sängerin zur Clubmusik beschreiben. Fernab von unterkühltem Techno-Purismus wirken ihre exzentrischen Performances zudem wie die augenzwinkernde Aufforderung, sich selbst hinter den Decks bitte mal nicht so ernst zu nehmen. Dass Perel klanglich und inhaltlich vom Retrofuturismus der Achtziger fasziniert ist, hatte sie bereits 2018 mit ihrem ersten Hit »Die Dimension« klar gemacht. Zwischen Alt-Disco, House und Achtziger-Wave-Pop schwebt sie nun in ihrer eigenen Sphäre. Ihr Markenzeichen, ein dunkles Stimmtimbre, in dem sie ihre bisweilen philosophischen Texte intoniert, hat ihr schon öfters den Vergleich mit Hildegard Knef eingebracht. Mit diesem starken, zweiten Album hebt Perel ihren Sound buchstäblich auf eine neue, andere Ebene. Für den Jahresausschuss: Laura Aha

Nduduzo Makhathini

In the Spirit Of Ntu. CD/2 LPs, Blue Note 00602445505074 (Universal)

Wer den südafrikanischen Musiker Nduduzo Makhathini das erste Mal spielen hört und aus dem Westen kommt, der muss unweigerlich an McCoy Tyner denken, den legendären Pianisten des John Coltrane Quartets. Makhathini hat ein ähnliches Harmonieverständnis, er schüttelt ähnliche Klangblöcke aus seiner linken Hand. Wenn man Makhathini nach Tyner fragt, lächelt er, denn er liebt dessen Musik. Aber er sagt auch, dass seine Großmutter klang wie dieser. Dass Jazz eine schwarze Musik ist, war immer schon klar. Aber schon lange hat niemand mehr mit so großer Überzeugungskraft behauptet, dass Jazz vor allem eine afrikanische Musik ist, wie Makhathini. »In the Spirit of Ntu« ist sein zweites Album für das renommierte Label Blue Note, eingespielt mit einer großartigen Band junger südafrikanischer Musikerinnen und Musiker. Eine Ode an den Geist Ntu, der so etwas wie die Kraft des Lebens ist in vielen afrikanischen Philosophien: ein kraftvolles Manifest für ein neues, selbstbewusstes Afrika, das das kommende Jahrhundert mitgestalten will. Für den Jahresausschuss: Tobias Rapp

Stromae

Multitude. CD/LP, Polydor 4511404 (Universal)

Wie ein geliebtes Parfum, das vom Markt genommen wird, hinterließ Paul van Haver nach seinem mentalen Zusammenbruch 2014 eine Sinn-Lücke. Lange war nicht abzusehen, ob der großartige belgische Sänger, Produzent und Entertainer fortan mit seinen Pseudonymen »Mosaert« oder »Stromae« – Anagramm bzw. Verlansprache, abgeleitet von dem Wort »Maestro« – nur noch Mode macht oder auch wieder Musik. Stromae, der 2009 mit dem Hit »Alors on dance« bekannt geworden war, hatte seinen europäisch getränkten Hip-Hop individuell ausformuliert. Sein zweites Album von 2013 »Racine Carrée« weckte Erwartungen. Doch es wurde still um ihn. Erst im März 2022 steigt Stromae nun mit »Multitude« und dreizehn neuen Songs wie Phoenix aus der Asche: Wieder trifft Elektronisches auf Chanson-Melancholie, Humor auf tiefsinnige Texte, Tanz-Rausch auf Melodie. Stromae feiert jene, die in der Pandemie nicht feiern konnten (»Sante«). Er schafft es, von Suizidgedanken (»L’enfer«) zu singen und gleichzeitig die Welt zu umarmen mit sprühenden musikalischen Einfällen. Ein Musik gewordenes Ja zum Leben. Für den Jahresausschuss: Isabel Steppeler

Horace Andy

Midnight Rocker. CD/LP, On-U Sound Records ONUCD152 (Rough Trade)

Es kommt selten vor, dass ein großer Mann des Pop die Gelegenheit zu einem meisterhaften Alterswerk bekommt. Bei Johnny Cash war es so, bei Leonard Cohen – und nun bei Horace Andy. Andy, mittlerweile einundsiebzig, hat eine der schönsten Stimmen des Reggae, er prägt seit mehr als einem halben Jahrhundert diese Musik. Und weil die britische Band Massive Attack ihn immer wieder als Gastsänger einlud, kennt ihn auch der Rest der Popwelt. »Midnight Rockers« heißt das Album, mit dem sich Andy ein Denkmal setzt. Und wie bei Cash und Cohen ist es die Kunst der Reduktion, die dieser Platte ihre Wucht gibt. Seinem britischen Produzenten Adrian Sherwood, der eigentlich eher für einen futuristischen Sound steht, der das Geräusch und den Krach über die Melodie stellt, gelingt es hier, genau die Tracks zu legen, die Melancholie und Leichtigkeit, von denen Horace Andys Stimme immer schon getragen wurde, noch einmal zum Leuchten bringen. Für den Jahresausschuss: Tobias Rapp

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