
Kein letzter Mohikaner
Zum Abschied von Jürgen Kesting
24.06.2026 – Am Samstag, dem 5. Juni, ist Jürgen Kesting gestorben. Heute wird er in Hamburg zu Grabe getragen. Tiefe Trauer hat die gesamte klassische Musikwelt erfasst. Musiker und Musikliebhaber, auch Zeitungsleser bekundeten Betroffenheit. Einige adressierten ihr Beileid seltsamerweise an uns, den Preis der deutschen Schallplattenkritik e.V. Vielleicht, weil dies seit Jahrzehnten eine der wenigen konstanten öffentlichen Adressen ist, unter denen man Kesting, den »Stimmenpapst« (wie Cecilia Bartoli ihn einmal nannte), der über Musik und Musikverwandtes für so viele grundverschiedene Medienformate allezeit meinungsstark und fachkundig berichtete, meint, erreichen zu können.
Oder liegt es vielleicht daran, dass der PdSK zu Recht als eine Versammlung leidtragender Hinterbliebener erkannt wurde? Denn so ist es ja doch: Der Beruf des Musikkritikers wird, ähnlich wie der des Übersetzers oder des Chauffeurs oder der Reinigungskraft, im Zeitalter der Digitalisierung allmählich überflüssig. Sie verschwinden, nach und nach, die Musikkritiker alten Schlags, die, wie Kesting, das Kritikenschreiben noch als ein Handwerk im Sinne des altgriechischen Begriffes betreiben, also: unterscheiden, trennen, urteilen – die also ein ästhetisches Urteil nicht nur verkünden, sondern zu begründen wissen. Wozu auch Widerspruch und der streitbare Diskurs gehört, der Triumph der Hymne ebenso wie der leidige Verriss; und Irrtum und Korrektur. Denn Kritiker lernen laufend dazu. Ein Kritiker muss allezeit neugierig bleiben. Weshalb er, im Idealfall, auch den Mut aufbringen kann, zu sagen: Ich habe mich geirrt. Jürgen Kesting war so ein Idealfall. Er war Meister in all diesen Disziplinen.
Als ich zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung fand, bei der er kurz darauf als freier Autor andockte, waren wir noch per Sie. Wir kannten uns allerdings schon länger. Einerseits als Juroren beim PdSK, wo Jürgen vierteljährlich in der Jury »Klassisches Lied und Vokalrecital« seine Voten abgab, für die Bestenliste. Andererseits von der legendären SFB-Sendung »Klassik zum Frühstück« und aus dem nicht minder legendären SWR-»Plattenprisma«, einer Sendung, die sich großer Beliebtheit erfreute und dann 2007 nach fast vierzig Jahren Laufzeit ersatzlos abgeschafft wurde. Legendär war sowohl die Dauer dieser Formate (eineinhalb bis drei Stunden! Undenkbar heutzutage!) wie auch die nichtformatierten Individualitäten, die ans Mikrofon gelassen wurden und die Ausführlichkeit, mit denen Werke in ganzen Sätze präsentiert und kommentiert wurden. Gegen Jahresende gab es dann immer eine große »Prisma«-Runde, zu der sich der Redakteur gleich mehrere Musikkritiker ins Studio einlud, um die besten Aufnahmen der Saison zu diskutieren.
Diese Talkshow, die Reich-Ranickis literarischem Quartett nacheiferte, ist eine der Urzellen geworden für das »Quartett der Kritiker« unseres PdSK e.V. Auch vor diesen Kritiker-Karren ließ sich Jürgen dann später oft und gern spannen, beispielsweise 2011 in Salzburg, als wir im Schüttkasten diverse Interpretationen von Mahlers »Lied von der Erde« diskutierten oder 2015, in Stuttgart, in einer Talkshow zum Thema Hugo Wolfs »Italienisches Liederbuch«. Jürgen war »unser« Star in all diesen Runden, brilliant, akribisch, pointenstark. Sein allezeit abrufbares Wissen um das Vokalmusik-Repertoire wie auch über das Singen an sich, als physiologischer und psychologischer Prozess und über Charakteristika der Sängerinnen und Sänger in Vergangenheit und Gegenwart schien mir geradezu unerschöpflich. Ich kann mich allerdings nicht erinnern, dass Jürgen jemals Monologe hielt, wie es angeblich typisch ist für den allwissenden Großkritiker (oder für diejenigen, die sich für einen solchen halten). Im Gegenteil: Er konnte zuhören wie kein zweiter. Einwände servierte er mit leiser Stimme. Freundlich im Ton, hart in der Sache. Von 1997 an trafen wir uns dann einundzwanzig Jahre lang zum Dauergespräch, irgendwann per Du. Haben mehrmals wöchentlich telefoniert, einander besucht, uns oft getroffen. Wir waren zwar nicht immer einer Meinung. Aber das wäre ja auch langweilig geworden.
Wie viele berühmt gewordene Musikkritiker der Vergangenheit war ja auch Jürgen Kesting nicht zufällig ein »Quereinsteiger«: kein Musikologe oder Musiker. Wer, wie er, aus der Germanistik und der Philosophie kommt, breit aufgestellt ist als Bildungsbürger im besten Sinne, der argumentiert scheuklappenfrei, aus erweitertem Blickwinkel. Sein 1986 erstveröffentlichtes, später erweitertes Standardwerk »Die großen Sänger« ist deshalb auch weit mehr als nur ein Sängerhandbuch. Im Wesentlichen stützt er sich darin auf Analysen von Tonaufnahmen, schließlich, die Electrola war Jürgens erster Arbeitgeber gewesen, nach dem Studium. Auch davon hat er sich Schritt für Schritt emanzipiert. Hat sich die Dirigenten, die Pianisten vorgenommen, hat sogar, in seinen späten Opernkritiken, nicht nur die lebenden jungen Sänger, auch das Bühnengeschehen und die Regie, nun ja, gewertschätzt.
Laut wurde Jürgen Kesting tatsächlich selten, aber wütend konnte er werden. Der Popanz, die Egalisierung, der Nepotismus, der Dünkel, das Klischee, die Phraseologie, das wohlfeile Vermittlungsgeschwafel und all die vielen frommen Lügen, mit denen der Musikjournalismus (und nicht nur der) stilistisch und inhaltlich zu Grabe getragen wird – das waren seine natürlichen Feinde. Er wollte nicht der letzte Mohikaner werden. Dann schon lieber ein Vorbild, ein leuchtendes. Mir und Euch und uns allen, auf unserem Kritiker-Floß der Medusa.
Für den PdSK e.V.: Eleonore Büning