Peter Brötzmann
© Detlev Schilke

Peter Brötzmann

freut sich über seinen Ehrenpreis 2022.

14.11.2022 – Anfang des Jahres sah es noch so aus, als könne er nicht mehr reisen. Doch Anfang November, beim Berliner Jazzfest, wollte es doch noch mal wissen: Mit seinen langjährigen Künstlerfreunden Hamid Drake am Schlagzeug und Majid Bekkas an der Gimbri-Laute legte der Saxophonist Peter Brötzmann im Festspielhaus ein hinreißendes Konzert hin. Standing Ovations für den 81-jährigen Altmeister des Free Jazz gab es im ausverkauften Saal schon vor den ersten Klangeruptionen, als PdSK-Juror Bert Noglik (links im Bild) ihn auf der großen Bühne mit einer persönlichen Laudatio in freier Rede hochleben ließ und den Ehrenpreis 2022 überreichte. Eine Würdigung, die Brötzmann, bei öffentlichen Ehrungen oft skeptisch gestimmt, mit sichtlicher Bewegung annahm. Zumal Hamid Drake nach dem gemeinsamen Auftritt spontan das Wort ergriff, um die Bedeutung und Überfälligkeit der PdSK-Auszeichnung für ein längst weltweit ausstrahlendes Lebenswerk hervorzuheben. Nur mit seiner Ehrenurkunde coram publico posieren, das wollte der knorrige, noch immer »brennende Töne« in Zeit und Raum feuernde »Berserker« dann doch nicht.

Laudatio auf Peter Brötzmann
von Bert Noglik
gehalten am 4. November 2022 im Haus der Berliner Festspiele

Peter Brötzmann hat auf unvergleichliche Weise dazu beigetragen, unsere Vorstellungen von Musik, nicht nur die vom Jazz, sondern die von Musik ganz allgemein zu erweitern. Das gelang ihm mit einer ihresgleichen suchenden Kompromisslosigkeit und mit einer künstlerischen Radikalität, die man auch als Gradlinigkeit bezeichnen darf. Wesentlich für Peter Brötzmann ist das Streben nach authentischem Ausdruck, das ihn zu einer eigenen Klangsprache führte. Dabei begreift er sich durchaus in der Tradition des Jazz. Ihm war jedoch von Anfang an klar, dass es bei aller Bewunderung für die Heldengestalten des amerikanischen Jazz nicht darum gehen kann, diese zu kopieren, sondern dass es darauf ankommt, die Musik im eigenen Umfeld zu reflektieren und zu diesem in Beziehung zu setzen. Insofern war und ist die Musik von Peter Brötzmann immer auch politisch – in ihrer Widerständigkeit und in ihrer Wahrhaftigkeit.

To make the long story short – das Schaffen von Peter Brötzmann entfaltet sich als work in progress, vor allem im Konzert und auf der Bühne. Aber auch mit seinen Schallplatten hat er wichtige Wegmarken gesetzt. Das beginnt bereits 1967 mit seiner ersten, selbst produzierten Platte »For Adolphe Sax«, aufgenommen im Trio mit Peter Kowald und Sven-Åke Johansson. Ein Jahr später, im turbulenten Jahr 1968, folgte »Machine Gun« – ein flammendes Manifest, das damals heiß und kontrovers diskutiert wurde und das heute in keiner Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts unerwähnt bleiben darf. Es folgten viele außerordentlich produktive Jahre, eng verbunden mit der FMP, der Free Music Production, die Peter Brötzmann in beispiellosem Engagement gemeinsam mit Jost Gebers und in der Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Musikern wie Fred Van Hove und Han Bennink zu einem international bedeutenden Forum für improvisierte Musik und Klanginnovation gestaltete.

Mit späteren Aktivitäten wie dem Chicago Tentet gelang Peter Brötzmann der transatlantische Brückenschlag. Von da wiederum reicht der Bogen weiter zu seinen vielfältigen Aktivitäten in der Gegenwart wie dem Duo mit der Pedal-Steel-Gitarristin Heather Leigh. Das Ausdrucksspektrum ist im Laufe der Jahre größer und differenzierter geworden, auch in der Begegnung mit Künstlern anderer Bereiche und mit Musikern aus anderen Kulturen. Unter der oft rauen Oberfläche brodelt eine enorme Sensibilität, die besonders in Brötzmanns Solospiel und Balladeninterpretationen zum Vorschein kommt. Was sein gesamtes Schaffen durchzieht und seine Musik einzigartig macht, ist ein brennender Ton – ein Ton, der sich als unbeschreiblich und unnachahmlich erweist. Dieser brennende Ton ist letztlich das Resultat einer fortwährenden und bedingungslosen Verausgabung, einer Hingabe an die Kunst, an das Leben, an die Musik.

Herzliche Gratulation, Peter Brötzmann, zum Ehrenpreis der deutschen Schallplattenkritik.

  • Hamid Drake, Majid Bekkas und Peter Brötzmann (v.l.n.r.) konzertieren gemeinsam nach der Preisverleihung.
    © Roland Owsnitzki/Berliner Festspiele
    Hamid Drake, Majid Bekkas und Peter Brötzmann (v.l.n.r.) konzertieren gemeinsam nach der Preisverleihung.
    © Roland Owsnitzki/Berliner Festspiele
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