Ehrenurkunden vergibt der „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ an herausragende Persönlichkeiten, die sich als Interpreten, Künstler oder Produzenten um die Musikaufzeichnung auf Ton- und Bildtonträgern besonders verdient gemacht haben.

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Ehrenpreise 2016

Keith Jarrett

Keith Jarrett. Foto: ecm records/ Henry Leutwyler Er gehört zu den überragenden Musikern unserer Zeit. Keith Jarrett erkundet nicht nur als Jazzpianist seit rund fünf Jahrzehnten die Ausdrucksmöglichkeiten seines Instruments, er ist auch als virtuos formbewusster Pendler unterwegs zwischen verschiedenen Genres und Klangkulturen. Klassisch ausgebildet, suchte er schon früh die Freiheit improvisierter Musik. Sein Ideal war freilich nie die ungebundene Interaktion des Free Jazz. Der Produktivkraft rein vulkanischer Energieströme misstraute er ebenso wie den Normen und Konventionen der Traditionshüter. Jarretts Ideal ist vielmehr – zumal in den Solokonzerten, die er seit den frühen siebziger Jahren in aller Welt gab – eine Art intuitives Komponieren, das sich erst im Akt des Spiels materialisiert. Seit den frühen Achtzigern führte er mit Gary Peacock und Jack DeJohnette zudem die Kunst des Klaviertrios zu ungeahnten Höhen. Die Auseinandersetzung dieser Formation mit Standards aus dem Great American Songbook bleibt unübertroffen: Kammermusik in vitaler, swingender Verdichtung. Ausflüge in den Jazzrock, Experimente mit Flöte, Sopransaxophon und Kirchenorgel kamen dazu, ebenso wie Arbeiten für Symphonieorchester. Jarretts Interpretationen von Bach, Händel, Mozart oder auch Schostakowitsch zeugen von einer beinahe scheuen Demut vor dem ausformulierten Notentext. Aber auch und gerade die intensive Beschäftigung mit der europäischen Klavierliteratur schwingt in jedem Ton mit, wenn er, aus dem Stand und Augenblick, Musik von zauberhafter Schönheit schöpft. (Für den Jahresausschuss: Albrecht Thiemann).


Itzhak Perlmann

Itzhak Perlmann. Foto: Lisa Marie MazzuccoDie Violinszene der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde maßgeblich von Itzhak Perlman mit geprägt, auf vielen Ebenen: Er wirkte als glänzender Virtuose, als Recital-Partner und Kammermusiker, als ein Meister der romantischen Miniatur und nicht zuletzt als leidenschaftlicher Pädagoge. Mit betörend schönem Ton öffnete Perlman vielen Menschen das Herz und die Welt der Geige, in Konzerten sowie immer wieder auch durch seine Aufnahmen, von denen viele zu „Klassikern“ wurden. Welche Musik Itzhak Perlman auch spielte, die großen Violinkonzerte und Sonaten des klassischen Repertoires, Klezmer oder Jazz, Ragtime oder Filmmusik: Immer wurde daraus ein Fest sinnlichen Geigenklanges und ursprünglicher Musikalität. Trotz seiner Behinderung absolvierte  er eine grandiose Weltkarriere, er motivierte Menschen und machte ihnen Mut, gern auch mit köstlichem Humor. Perlman glaubt an die Kraft der Musik als eine internationale Sprache, seine Kunst war und ist immer auch Botschaft und Appell an die Menschlichkeit. (Für den Jahresausschuss: Norbert Hornig)


Klaus Buhlert

klaus-bohlert. Foto: picture alliance/dpa/Horst Galuschka„Glänzend“ – „verzaubernd schön“ – „maßgeschneidert“ – „verwegen und größenwahnsinnig“ – „ein Glücksfall!“: Solche und ähnliche Beifallsbekundungen sind zu lesen, wenn ein durch Klaus Buhlert zum Radio-Hörspiel gewordenes Werk der Literatur als Hörbuch in den Feuilletons reflektiert wird. Dabei handelt es sich häufig um Werke, bei denen viele sagen, es gehöre zum guten Ton, sie gelesen zu haben, was aber nicht immer den Tatsachen entspricht: Oft hat man nur etwas über sie gelesen, selten genug sie selbst. Buhlerts Hörspielfassungen indes verschaffen (bei nunmehr wörtlich „gutem Ton“) den Zugang zu ausgewählten Marksteinen der Weltliteratur, selbst zu solchen, die manchem unlesbar vorkommen mögen, etwa „Ulysses“ von James Joyce, aber auch Franz Kafkas „Der Prozess“ und Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ wären zu nennen und Michail Bulgakows „Meister und Margarita“. Die künstlerischen Bausteine, deren Zusammenspiel dabei zu Ergebnissen höchster radiophoner Lebendigkeit und Originalität führt, kommen nahezu allesamt von einer Person: Klaus Buhlert. Als Autor eigener Hörspiele beherrscht er in seinen Bearbeitungen perfekt die Balance zwischen schnellen szenischen Rhythmen und dem eleganten Fluss des Erzählens, als Dr. Ing. einschlägiger Studiengänge weiß er um die akustischen Räume, in denen er originelle Erzählformen erproben kann, als Komponist, der seit seiner ersten Bühnenmusik für den legendären Theatermann George Tabori weit über siebzig Kompositionen für Theater, Hörspiel und Film geschaffen hat, gibt er jedem Stoff ein passgenaues musikalisches Gewand. Und als leidenschaftlicher und zugleich in komplexen Zusammenhängen denkender Regisseur fügt Buhlert all dies zu einem Resultat zusammen, in dem die zuvor nur niedergeschriebene Literatur zu etwas Neuem geworden ist: zu Wort- und Klangkunst erster Güte. (Für den Jahresausschuss der Jury: Wolfgang Schiffer)


Nachtigall 2016 ( posthum): Nikolaus Harnoncourt

Nikolaus Harnoncourt. Foto: musikkiEines der vielen schönen Bilder, die der Dirigent Nikolaus Harnoncourt benutzte, wenn er über Musik sprach und erklären wollte, was in Worten eigentlich nicht zu fassen ist, war das Bild vom „Knödel“. Die Harnoncourtsche „Knödeltheorie“ besagt, dass ein idealer Knödel immer rund sein sollte, weshalb für jede Zutat, die man entfernt, zwangsläufig eine andere Zutat hinzukomme, und umgekehrt. Auf  die Interpretation von Musik übertragen erfordert dies eine Haltung, die ebenso stark und bewusst das Bekenntnis zu Innovation impliziert wie das zur Tradition: ohne Fortschritt kein Rückblick, ohne Geschichte keine Zukunft. Damit erklärt es sich, dass Harnoncourt als Musiker und als Mensch bei allen Extremen, die er ansteuerte und trotz aller Widersprüche, denen er sich im Laufe seiner Karriere aussetzte, doch stets absolut mit sich identisch blieb. Er war vital, streitbar, penibel, lebendig, aufrichtig, emphatisch, konsequent und unbeugsam, doch alles andere als dogmatisch. Ob als junger Cellist unter Karajan, bei den Wiener Symphonikern; ob als Begründer und Leiter des mit Originalinstrumenten der Barockzeit experimentierenden Concentus Musicus, einer der führenden Pioniergruppen der sogenannten historisch informierten Aufführungspraxis; ob als Musikforscher oder Musikphilosoph, als Lehrer und Präceptor am Salzburger Mozarteum; oder, und das vor allem, wenn er am Pult stand: gleichviel, ob Harnoncourt „Aida“ von Verdi einstudierte oder den „Orfeo“ von Monteverdi, ob er Bach oder Bruckner oder Bartók dirigierte, ein Jugendorchester oder die Berliner Philharmoniker oder seinen Concentus vor sich hatte, er blieb seinen Maximen treu. Die Klangrede der Musik analysierte und benutzte er, im Schumann‘schen Sinne, als eine Sprache jenseits und über den Sprachen. Mit seiner unkonventionellen Bandbreite an Repertoire, aber auch mit seinem außerordentlichen Esprit und seiner couragierten Haltung wurde Harnoncourt epocheprägend für ein Zeitalter, in dem die Tonaufnahme das Konzertleben überformte, was er nicht ohne kritische Anmerkung zur Kenntnis nahm, ganz im Sinne der Knödeltheorie: „Eindeutig“, so Harnoncourt, „ist der Preis für mehr Sicherheit fast immer weniger Schönheit.“  (Eleonore Büning)

Nachbemerkung: In der Interimszeit zwischen dem Beschluss der Juroren im Jahresausschuss und dieser Meldung verstarb Nikolaus Harnoncourt am 5.März 2016 im Alter von 86 Jahren. So wurde  aus der Laudatio ein Nachruf. Der PdSK ehrt ihn als Nachtigall-Preisträger posthum.

Ehrenpreisträger 1968 bis 2015

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