Bestenlisten

Mit einem Platz auf der Bestenliste werden vierteljährlich die besten und interessantesten Neuveröffentlichungen der vorangegangenen drei Monate ausgezeichnet. Bewertungskriterien sind künstlerische Qualität, Repertoirewert, Präsentation und Klangqualität. Die Longlists sind ab 2014 direkt bei jeder Bestenliste hinterlegt.

NEU: Longlist 4/2022, veröffentlicht am 5.10.2022

Bestenlisten

Orchestermusik und Konzerte

Koechlin: The Seven Stars’ Symphony / Matiakh

Charles Koechlin: The Seven Stars’ Symphony op.132 (1933), Vers la voûte étoilée op.129 (1923-1933, rev. 1939). Sinfonieorchester Basel, Ariane Matiakh. Capriccio C5449 (Naxos)

In seiner Jugend wollte der eigenbrötlerische Komponist Charles Koechlin Himmelskundler werden, aber als er 1933 seine »Seven Stars Symphony« schrieb, hatte er keine Himmelskörper im Sinn, vielmehr Film-Stars: von Douglas Fairbanks über Greta Garbo und Marlene Dietrich bis Charlie Chaplin. Diese Ton-Bilder sind eher subtile als theatralische Porträts, farben- und facettenreich, eine liebevolle, immer wieder überraschende Hommage. Das Sinfonieorchester Basel unter Ariane Matiakh leuchtet das spannungsreich aus: Vorhang auf und aufgeblendet! Für die Jury: Rainer Wagner

Orchestermusik und Konzerte

Saint-Saëns: Klavierkonzerte Nr. 1 & 2 / Kantorow

Camille Saint-Saëns: Klavierkonzerte Nr. 1 op.17 & Nr. 2 op.22, Africa op.89, Allegro appassionato op.70, Rhapsodie d’Auvergne op.73, Wedding Cake op.76. Alexandre Kantorow, Tapiola Sinfonietta, Jean-Jacques Kantorow. SACD, BIS Records BIS-2400 (Klassik Center)

Eleganz, Intelligenz, Esprit: Diese Einspielung, mit welcher der junge französische Tschaikowsky-Preisträger Alexandre Kantorow seine Gesamtaufnahme der Klavier-Konzerte und -Konzertstücke von Camille Saint-Saëns abrundet, ist beeindruckend. Eine absolute Referenz, auch, was das Orchester unter Leitung seines Vaters betrifft. In bestem »jeu perlé« leuchtet die Musik in allen Farben, ohne je in oberflächliche Brillanz oder aufgesetztes Pathos zu verfallen. So zeigen sich vor allem die Konzerte als quasi cartesianische, überraschende Form-Experimente, denen Kantorow Gestalt und Überzeugung verleiht. Für die Jury: Michael Stegemann

Kammermusik

From Vienna to Hollywood

Fritz Kreisler: Streichquartett, Erich Wolfgang Korngold: Streichquartett Nr. 3, 3 Stücke aus »Much ado about nothing« op.11. Hegel Quartet. SACD, Ars Production ARS 38 345 (Note 1)

Sie waren beide Wiener Wunderkinder und Emigranten in den USA. Ihre beiden hier eingespielten Werke entstanden an historischen Schnittstellen: Kreislers einziges Streichquartett 1919, Korngolds drittes Quartett 1945. Das Hegelquartett aus Stuttgart hat diese Werke der Überlebenskunst zwischen Trauer, Erinnerung, Hoffnung und Lebensfreude idealerweise gekoppelt. Dabei hat das Quartett an all den geforderten Stilebenen der Musik zwischen Himmel und Erde selbst das größte Vergnügen. Es schwelgt in Salonmusik ebenso wie in Konstruktion und Espressivo, womit Korngold das erste Streichquartett von Schönberg herbei ruft: Wien bleibt Wien, trotz Hollywood. Für die Jury: Lotte Thaler

Kammermusik

Figurations

Béla Bartók: Suite op.14, Maurice Ravel: Ma Mère l’Oye, Walter Feldmann: figurations de mémoire, Claude Debussy: Suite Bergamasque. BlattWerk Quintett. Schweizer Fonogramm 7629999248137 (Direktvertrieb)

Geprägt vom work-in-progress: Diesen positiven Eindruck vermittelt das BlattWerk Quintett. Erst im Moment des Spielens scheinen diese Musiker neu zu erfinden, was sie an Farben und Impulsen in die Musik hineingeben. Alles ist klug arrangiert, auch wohl didaktisch; und macht doch Lust darauf, Neues kennenzulernen. Die Bearbeitung von Ravels »Ma Mère l’Oye« wirkt wie ein Bilderbuch in Pastelltönen, das die Sinne öffnet für all die Luftgebilde und Schwebungen, denen Walter Feldmann im titelgebenden Werk Figur verleiht: »figurations de mémoire« ist ein Hubble-Teleskop für Ohren, durch das man in tieftönige schwarze Löcher hineinlauschen kann. Für die Jury: Julia Kaiser

Tasteninstrumente

Schumann: Novelletten / Helmchen

Robert Schumann: Acht Novelletten op.21, Gesänge der Frühe op.133, Clara Schumann: Soirées musicales op.6. Martin Helmchen. Alpha Classics ALPHA 857 (Note 1)

Der Pianist Martin Helmchen hat ein hochspannendes Schumann-Album eingespielt, mit Werken von ihr und von ihm. Er wählte dazu einen Bechstein-Flügel von 1860 aus, auf dem er sich bestens auskennt. Ob Anschlag oder Pedaleinsatz, ob die kluge Phrasierung oder die Relationen zwischen den Tempi – Helmchen findet immer die geeigneten Mittel, um diese romantische Klavierlyrik mit einem Maximum an Farben auszustatten. Im Fokus stehen Robert Schumanns acht Novelletten. Das Kecke, Lyrische und Dramatische wird vom »Balladen-Erzähler« Helmchen mit viel Fantasie umgesetzt. Für die Jury: Christoph Vratz

Tasteninstrumente

In modo Pastorale

Bernardo Storace: Pastorale, Capriccio sopra Ruggiero, Ciaconna, Recercar, Bergamasca u.a. Marouan Mankar-Bennis. L’Encelade ECL 2101 (Klassik Center)

Wir wissen nicht viel über den Komponisten Bernardo Storace. Als Vizekapellmeister am Dom zu Messina soll er ein glühender Verehrer Frescobaldis gewesen sein. Er übernimmt das soggetto des Ricercar aus Frescobaldis »Messa della Madonna«, um es in seinem eigenen »Recercar« neben einem chromatischen Thema in eine Art Tripelfuge zu überführen. Der vielseitige Cembalist Marouan Mankar-Bennis verwandelt diese höchst komplexe Musik mit spielerischer Leichtigkeit in eine heitere bukolische Idylle. Auch der elegante »Ballo della Battaglia« erklingt »in modo pastorale« und kommt an der Orgel ganz tänzerisch daher. Für die Jury: Martin Hoffmann

Oper

Francesco Sacrati: La finta pazza

Mariana Flores, Paul-Antoine Bénos-Dijan, Carlo Vistoli, Fiona McGown, Anna Piroli, Alejandro Meerapfel, Julie Roset, Marcel Beekman u.a., Cappella Mediterranea, Leonardo García Alarcón. 3 CDs, Château de Versailles Spectacles CVS070 (Note 1)

Der Kriegsheld Achilles in Frauenkleidern, eine mitreissende Wahnsinnsszene – vermutlich die erste der Operngeschichte –, dazu Götterspott und eine große Frauenrolle: Diese Homer-Travestie aus dem sinnenfrohen Venedig von 1641 zieht alle Register zwischen Komik und Ernst und wartet mit einer Fülle von inspirierten Ariosi, Duetten und Terzetten auf. Leonardo García Alarcón hat für die nicht weniger als neunzehn Rollen ein hochkarätiges Ensemble zusammengestellt und zelebriert mit seiner Cappella Mediterranea eine üppige Klangvielfalt. Ein glänzendes Fundstück und ein Hörvergnügen der Extraklasse! Für die Jury: Max Nyffeler

Oper

Jacques Offenbach: Le Voyage dans la Lune

Violette Polchi, Sheva Tehoval, Matthieu Lécroart, Pierre Derhet, Raphaël Brémard, Thibaut Desplantes, Marie Lenormand, Christophe Poncet de Solages, Ludivine Gombert, Chœur et Orchestre national Montpellier Occitanie, Pierre Dumoussaud. 2 CDs, Bru Zane BZ 1048 (Note 1)

Das Vorurteil, die Musik Jacques Offenbachs habe nach dem Ende des zweiten französischen Kaiserreichs, der Belle Époque, ihre Originalität verloren, wird mit dieser Aufnahme einmal mehr widerlegt. »Le Voyage dans la Lune« (1875) nach dem Roman von Jules Verne fasziniert gerade in der Mischung von Bouffonnerie und Féerie. Der Dirigent Pierre Dumoussaud arbeitet mit dem Orchestre national Montpellier Occitanie die verschiedenen musikalischen Sphären zwischen Cancan und phantastischer Oper kraftvoll, im notwendig trockenen Tonfall heraus. Chor und Solisten agieren engagiert, ja, champagnisiert – auf homogenem Niveau. Für die Jury: Alexander Dick

Chor und Vokalensemble

Karlheinz Stockhausen: Carré, Mauricio Kagel: Chorbuch

Christoph Schnackertz, Christoph Lehmann, Chorwerk Ruhr, Bochumer Symphoniker, Florian Helgath, Rupert Huber, Matilda Hofman, Michael Alber. SACD, Coviello Classics COV92113 (Note 1)

Zwei Konzerten bei den Ruhrtriennalen 2016 und 2018 verdankt sich die Kombination von Karlheinz Stockhausens »Carré« (von 1960) und von Mauricio Kagels »Chorbuch« (von 1978). Hier monumentales Klangmäandern für jeweils vier Chöre und Orchester vornehmlich in Slow Motion, dort eine teils ironische, teils ungemein ernsthafte Kreativwerkstatt rund um 21 Bach-Choräle. Florian Helgath arbeitet mit dem Chorwerk Ruhr, den Bochumer Symphonikern und drei weiteren Dirigenten die Eigenarten der Werke präzise heraus und bringt sogar Stille und Wirkung bei Stockhausen zu friedlicher Koexistenz. Für die Jury: Susanne Benda

Klassisches Lied und Vokalrecital

Franz Liszt: Der du von dem Himmel bist

Lieder (Vol. II). Konstantin Krimmel, Daniel Heide. CAvi 8553495 (Bertus)

»Es war ein König von Thule«, »Freudvoll und leidvoll«, »Die Loreley«: Lied-Schlager sind das. Jedoch nicht in der Vertonung von Franz Liszt. Konstantin Krimmel, die wohl größte Nachwuchshoffnung im Bariton-Fach, wandelt auf seiner zweiten Solo-CD in dieser Randzone des Repertoires. Obwohl erst neunundzwanzig Jahre jung, überrascht er mit hohem Reflexionsniveau, in der Durchdringung der Texte wie auch durch die Balance im Ausdruck: Den somnambulen, jenseitswehen Ton der Lieder trifft Krimmel ohne Theatralität und mit musterhafter Clarté. Er und Pianist Daniel Heide werden zu Meistern der Nuancen und der delikaten Dramatik. Für die Jury: Markus Thiel

Alte Musik

Draw On Sweet Night

John Wilbye: Madrigale. I Fagiolini, Robert Hollingworth. Coro COR16190 (Note 1)

»Wir hoffen«, sagen I Fagiolini im Vorwort zu ihrer CD, »dass diese erste reine Wilbye-Aufnahme seit den Achtzigern dazu inspiriert, seine Madrigale wieder zu singen«. Und wie sie das tut! Doch so unmittelbar die Sänger die Atmosphäre eines privaten Zirkels freundschaftlich verbundener Musiker entstehen lassen, die sich über aktuelle Liebesabenteuer austauschen, so schwer lässt es sich vorstellen, dass ihnen jemand derartige Kunststücke aus Intimität und Expressivität, Kraft, Tiefe und kristallklarer Intonation so bald wird nachmachen können. Für die Jury: Carsten Niemann

Zeitgenössische Musik

George Crumb: Black Angels / Music for a Summer Evening

Quatuor Hanson, Philippe Hattat, Théo Fouchenneret, Emmanuel Jacquet, Rodolphe Théry. B-Records LBM 040 (Note 1)

Mit George Crumb ist 2022 nicht nur ein avancierter Klangerfinder und stilistischer Weltenwanderer verstorben, sondern auch ein Mystiker und Romantiker. Das verlebendigen exemplarisch diese Livemitschnitte von einem Konzert des Deauville-Festival letzten Jahres. Sie koppeln das elektrisch verstärkte Streichquartett »Black Angels« mit der »Music for a Summer Evening« für zwei Klaviere und Schlagwerk, das in den Siebzigern entstanden ist. In dramatischer Durchdringung und atmosphärischer Verdichtung legen die jungen Musiker und Musikerinnen eine unerhörte Klangsinnlichkeit frei. Das ist eigen und bleibend. Für die Jury: Marco Frei

Historische Aufnahmen

Dimitri Mitropoulos – The complete RCA & Columbia Album Collection

Arthur Whittemore, Harold Gomberg, Robert Casadesus, Egon Petri u.a., Minneapolis Symphony Orchestra, New York Philharmonic. 69 CDs, Sony Classical 19439888252

Ob im Konzertsaal oder im Opernhaus – wenn Dimitri Mitropoulos den Stab hob, waren musikalische Intensität und Höchstspannung garantiert. Nach seinem spektakulären Debüt als Dirigent und Pianist 1930 bei den Berliner Philharmonikern machte er eine kometenhafte Weltkarriere. Man nannte ihn, seines Charismas wegen, auch »Priester der Musik«. Zu seinem künstlerischen Vermächtnis gehört unter anderem die epochale Ersteinspielung von Alban Bergs Oper »Wozzeck«. Die in allen Belangen vorbildlich aufgemachte Edition mit den Covern der originalen Veröffentlichungen in CD-Format setzt dem 1960 im Alter von nur vierundsechzig Jahren verstorbenen griechischen Dirigenten ein diskographisches Denkmal. Für die Jury: Norbert Hornig

Grenzgänge

BartolomeyBittmann: Zehn

Preiser Records PR91560 (Naxos)

Wer die Wucht ihrer Bühnenpräsenz verpasst hat, glaubt, ein Mahavishnu Orchestra oder mindestens ein Halbdutzend Multi-Instrumentalisten zu hören. Vier CDs in zehn Jahren haben Klemens Bittmann (Violine) und Matthias Bartolomey (Violoncello) veröffentlicht, unter ihren Fans, u.a., Nikolaus Harnoncourt, aber auch Arik Brauer. »Zehn« ist ihr neuester, mit der Zeitmaschine abgefahrener Roadmovie, der Epochengrenzen in Schwingungen versetzt, rhythmisch ergänzt durch gezupfte Mandola und perkussiven Einsatz der Bögen. Dieses Duo hat den Blues, dazu eine bemerkenswerte Virtuosität: HipHop aus der Spätrenaissance, eine Passacaglia, die abrockt, ein akrobatischer Grenzgang auf Seiltänzer-Niveau. Für die Jury: Nikolaus Gatter

Jazz

Bill Evans, Marc Johnson, Joe LaBarbera: Inner Spirit

The 1979 Concert At The Teatro General San Martín, Buenos Aires. 2 CDs, Resonance HCD-2062 (harmonia mundi)

Ein knappes Jahr vor seinem Tod trat Bill Evans 1979 in Buenos Aires auf. Das Konzert seines »Last Trio« mit dem Bassisten Marc Johnson und dem Drummer Joe LaBarbera dokumentiert, wie weit sich ein schöpferischer Mensch über seine Lebensumstände erheben kann. Bereits schwerkrank, vom Selbstmord seines Bruders gezeichnet und sich mit Kokain aufputschend wusste er, dass ihm wenig Zeit bleiben würde, alles Ungesagte den Tasten anzuvertrauen. Rückhaltlos intensiv gab er sich der Musik hin, um mit bohrender Besessenheit eine »ewige Einleitung« zu »Nardis« zu meißeln oder »I Loves You, Porgy« auf dem Klavier zu singen. Ein berückendes Dokument, eine vorbildliche, reich bebilderte Edition. Für die Jury: Marcus A. Woelfle

Jazz

Brave New World Trio: Seriana Promethea

David Murray, Brad Jones, Hamid Drake. Intakt Records Intakt CD 381 (harmonia mundi)

Das Brave New World Trio spielt auf den dystopischen Roman von Aldous Huxley an, es versteht sich als widerständige Formation gegen Unfreiheit und Verschwörung – in reflektierendem Rückgriff auf erprobte Tugenden. Jazz ist für David Murray und seine Mitmusiker ein musikalisches und soziales Gebilde, das Bewegungsfreiheit braucht. Der artikulatorische Reichtum und die Raffinesse der Musik sind frappierend und subtil zugleich. Die Titel des neuen Albums wie auch der einzelnen Kompositionen werfen Fragen auf und verweisen auf einen musikalischen Kosmos, der sich aus den Erfahrungshorizonten der drei multipliziert. Für die Jury: Hans-Jürgen Linke

Weltmusik

Oumou Sangaré: Timbuktu

CD/LP, World Circuit BMG WCD101 (Warner)

Ihre Imposanz ist wieder unwiderstehliche Musik geworden. In melodiös aufzählender Vokalartikulation gibt Oumou Sangaré sachlich Erläuterungen über die Wirtschaftskraft ihrer Heimat Wassoulou in Mali und erteilt den Frauen Afrikas Emanzipations-Anweisungen. »Die ganze Welt« wird belehrt über Timbuktu, eine Stadt des Wissens. Großartige, hüpfende Rhythmen und im Kreis führende Klangphrasen winden sich um ausladende Melodiebögen, verlässlich gehalten von unauffälligen Basslinien. Darüber thront die Stimme ihrer Majestät Sangaré, die, unter anderem mit traditionellen Instrumenten, vor allem in Baltimore aufnahm. Für die Jury: Johannes Theurer

Traditionelle Ethnische Musik

In the Footsteps of Rumi

Ghalia Benali, Kiya Tabassian, Constantinople. Glossa GCD 924502 (Note 1)

Von kitschigen Postkarten bis hin zu Sinn entstellenden Übersetzungen – die Worte des persischen Mystikers Rumi müssen achthundert Jahre nach ihrer Entstehung viel aushalten. Doch es geht auch anders, wie in dieser überwältigenden Vertonung, die auch unbekanntere arabische Dichtungen Rumis berücksichtigt. Die Stimme der Belgo-Tunesierin Ghalia Benali trifft die Hörenden wie ein dunkler Pfeil der Sehnsucht. Mit Langhalslaute, Kastenzither, Stachelgeigen, Oud und Perkussion webt das kanadische Ensemble Constantinople um Brückenbauer Kiya Tabassian mit feinem Faden den metaphysischen Liebesschauer in Töne. Für die Jury: Stefan Franzen

Liedermacher

Lüül: Der stille Tanz

CD/DL, Singapore Rec. 4260000320416 (Direktvertrieb)

Seit fünfzig Jahren wandelt Lüül zwischen Krautrock (Ash Ra Tempel), wunderbarer Weltmusik (17 Hippies) und modernem Liederschreiben. Seine Stimme ist markant, seine Kompositionen sind nie beliebig, zudem herausragend interpretiert von einer fantastischen Band, und mal poetisch, mal bissig die Texte. So auch im Fall von »Der stille Tanz«, mit Reflektionen zur Corona-Pandemie, die Lüül, den Weltenbummler, zum Stillstand führte (»Die Welt hält an«). Melancholie trifft auf Weltschmerz, ohne in Larmoyanz zu verfallen. Im Gegenteil: Diesem musikalischen Tausendsassa gelingt das Kunststück, uns auf hohem Niveau zu unterhalten. Für die Jury: Hans Reul

Folk und Singer/Songwriter

Jens Kommnick: Stringed

SACD/LP, Stockfisch Records SFR 357.4105.2 (in-akustik)

Jens Kommnick ist sowohl Celtic Fingerstyle Gitarrist mit Einflüssen aus Klassik, Jazz und Rock als auch ein faszinierender Multi-Instrumentalist. Auf seinem neuem Solo-Album namens »Stringed« präsentiert er – nomen est omen – diverse Saiteninstrumente, meisterlich, berührend und verblüffend schön. Seine filigranen Akustikstücke, aufgenommen im natürlich-warmen Highendklang der legendären Stockfisch-Studios sind von erlesener audiophiler Qualität. Alle fünfzehn Stücke sind von menschlicher Wärme beseelt, davon zeugen auch die liebevollen Anmerkungen im Booklet zu deren Entstehung. Für die Jury: Jo Meyer

Hard und Heavy

Gggolddd: This Shame Should Not Be Mine

2 CDs/LP, Artoffact 0628070639762 (Cargo)

Die Niederländer GGGOLDDD, einst als hippe Retro-Hardrocker gestartet, haben ein Konzeptalbum vorgelegt, mit dem Sängerin Milena Eva ein Trauma verarbeitet: Sie wurde vergewaltigt. Das Album gleicht einer Selbsterzählung, die keine Opfererzählung ist. Introspektive Passagen, getragen von zartbitteren Vocals, sind unterlegt mit mal post-punkig düsteren, mal psychedelischen Elektroflächen und wechseln sich ab mit fast black-metallischer Aggression. Gesanglich und kompositorisch liefert Eva die »performance of a lifetime«; ein künstlerischer, persönlicher und feministischer Triumph und zugleich ein Pop-Produkt der Post-Me-Too-Welt – erschütternd, ergreifend, fordernd. Für die Jury: Thorsten Dörting

Club und Dance

Perel: Jesus Was An Alien

CD/LP, Kompakt CD171 (Rough Trade)

War Jesus ein Außerirdischer? Möglicherweise, findet Perel – und inszeniert sich auf dem Coverbild als Mutter Gottes, die den Alien-Jesus stillt. Provokant und außergewöhnlich ist auch Perels Sound: Über sphärische Alt-Disco, House und Wave-Pop der Eighties intoniert sie philosophische Lyrics mit dem für sie typischen dunklen Timbre, das ihr schon öfters den Vergleich mit Hildegard Knef eingebracht hat. Ein starkes zweites Album! Es hebt Perels Sound buchstäblich auf eine andere Ebene – und den Preis für das beste Plattencover des Jahres hat sie sowieso verdient. Für die Jury: Laura Aha

Electronic und Experimental

Toechter: Zephyr

(Edition Dur 01). LP/DL, KulturManufaktur 4252019300015 (Direktvertrieb)

Oft ist es genau umgekehrt: Man staunt, wie viel Seele elektronische Klänge in sich tragen können. Das Debüt der deutsch-dänischen Band toechter stellt diesen Effekt auf den Kopf. Marie-Claire Schlameus, Lisa Marie Vogel und Katrine Grarup Elbo sind klassisch ausgebildet, sie beteuern, dass in den sechsunddreißig Minuten dieses Albums nur Violine, Viola, Violoncello oder ihre Stimmen zu hören sind. Ihr Ziel war das Ausloten aller klanglichen Möglichkeiten im Sinne von Sound-Design – als »Ode an Streichinstrumente«. Entstanden ist aber viel mehr: Eine faszinierend irritierende, oft intime Herausforderung an die Hörgewohnheiten, bei der die Rhythmen oft bemerkenswert unorganisch klingen (»Pendulum«). Für die Jury: Jörg Peter Klotz

Blues

Rad Gumbo: Hot And Spicy

POA Records PAO CD 11350 (Direktvertrieb)

Diese Musiker veröffentlichen nicht viel, aber wenn sie es tun, gibt es reichlich zu loben und zu preisen. Bereits 2014 enterten Rad Gumbo die Bestenliste, nun tun sie es erneut. Die Songs sind diesmal dichter am Zydeco und an New Orleans ausgerichtet als damals, TexMex-Einflüsse treten dafür mehr in den Hintergrund. Diese Band ist in der Tat heiß! Dominierend und immer noch eine Wucht: die Ausnahmestimme von Robert »Dackel« Hirmer und dessen Akkordeon. Preiswürdiges aus den Sümpfen des bayerischen Donaudeltas, mit neun rattenscharfen Eigenkompositionen, präsentiert mit Charme und Witz. Für die Jury: Karl Leitner

R&B, Soul und HipHop

Kendrick Lamar: Mr. Morale & The Big Steppers

CD/2 LPs, Interscope Records 00602445886906 (Universal)

Kendrick Lamar, Rapper aus Compton, lässt mit seinem fünften Album tief in sein Inneres blicken. Es ist, veröffentlicht 1855 Tage nach seinem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Werk »Damn« (2018) – und nach einer Schreibblockade – seine bisher persönlichste und vielfältigste Arbeit. Selbstkritik spielt eine Rolle, neben Gesellschaftskritik, Vergangenheitsbewältigung, Familiengeschichten und -traumata. Es geht um toxische Beziehungen, um cancel culture, Leben und Leiden. Nie zuvor wurde ein Rapper in so vielen Feuilletons positiv gelobt. Und schon nach einem Wochenende stand fest: Lamar führt die Jahres-Streaming-Charts an bei Apple-Music. Für die Jury: Jörg Wachsmuth

Wortkunst

Anja Kampmann: Kein Haus aus Sand

Katja Bürkle, Fridhelm Ptok, Barbara Nüsse, Regie: Ulrich Lampen. Stream, SWR

Grundlage dieses eindrucksvoll inszenierten, vielstimmigen Hörspiels ist das »European Archiv of Voices«: Die Autorin war fasziniert von den gesammelten Erinnerungen alter Menschen, für die ein demokratisches, friedliches Europa einst Utopie war. Mit dem russischen Angriffskrieg verändert sich jedoch die Perspektive, die alten Erzählungen über Krieg und Grauen werden plötzlich gegenwärtig. Eigene Gedichte und die des ukrainischen Lyrikers Ilya Kaminsky korrespondieren mit den Erinnerungen der Interviewten. Kampmann verwebt Stimmen von damals und heute zu einem großen Stück über den Traum vom europäischen Frieden und den Alptraum des Krieges. Für die Jury: Manuela Reichart

Foto: Die Schauspielerin Barbara Nüsse und der Regisseur Ulrich Lampen während der Aufnahmesitzungen. © SWR/Christian Koch

Kinder- und Jugendaufnahmen

Gertrude Kiel: Was der Himmel uns erzählt

Eine Geschichte über unser Universum und die, die es erforscht haben. Oliver Rohrbeck. mp3-CD, cbj audio ISBN 978-3-8371-5948-6 (Penguin Random House)

Wissen über die Welt via Tonträger an Kinder zu vermitteln kann als reine Sachvermittlung geschehen, oder verpackt in eine mitreißende Geschichte, um die Leidenschaft für das Thema zu wecken. Die dänische Autorin Gertrude Kiel wählte letzteren Weg. Es geht um den jungen William, der ein Woche lang bei seiner verschrobenen Tante Gunvor verbringen muß. Doch dann erzählt die ihm von der Erde und deren Platz im Sonnensystem, von verschiedensten Erklärungsversuchen »himmlischer« Phänomene bis hin zu Meilensteinen der Erforschung des Universums. Die Lesung von Oliver Rohrbeck weckt den Forschergeist und macht neugierig auf weitere abenteuerliche Entdeckungsreisen ins Weltall und zurück. Für die Jury: Regina Himmelbauer

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