Jahrespreise

Einmal jährlich trifft sich der Jahresausschuss des PdSK e.V., um zehn Jahrespreise für die besten Produktionen des zurückliegenden Jahres zu bestimmen. Im Jahresausschuss arbeiten zehn Jurorinnen und Juroren aus verschiedenen Fachjurys zusammen. Die Besetzung des Jahresausschusses rotiert. Die Nominierungen für evtl. Jahrespreise obliegen der Gesamtheit aller Jurorinnen und Juroren. Jahrespreise werden im Rahmen öffentlicher Konzertauftritte oder Literaturlesungen (im Bereich Wortkunst) an die Preisträger verliehen.

Die Longlists sind ab 2014 direkt bei jedem Preisträgerjahrgang hinterlegt.

Jahrespreise

Offenbach: Maître Péronilla / Markus Poschner

Jacques Offenbach: Maître Péronilla. Véronique Gens, Éric Huchet, Antoinette Dennefeld, Chantal Santon-Jeffery, Anaïs Constans, Tassis Christoyannis, Diana Axentii, François Piolino, Patrick Kabongo, Loïc Félix, Yoann Dubruque, Matthieu Lécroart, Raphaël Brémard, Jérôme Boutillier, Philippe-Nicolas Martin, Antoine Philippot, Orchestre National de France, Chœur de Radio France, Markus Poschner. 2 CDs, Bru Zane BZ 1039 (Note 1)

Diskographisch war das Jacques-Offenbach-Jahr leider längst nicht so ergiebig, wie es dieser »Mozart der Champs-Élysées« verdient hätte. Eine Ausnahme: Dieser Mitschnitt einer Aufführung am Pariser Théâtre des Champs-Élysées. Die Edition des Palazzetto Bru Zane – in gewohnt opulenter Ausstattung, mit fundierten Texten und dem vollständigen Libretto – präsentiert ein Spätwerk Offenbachs aus dem Weltausstellungsjahr 1878. Das Werk sei »eher lächelnd als überdreht, eher feinsinnig als buffonesk«, schrieb damals die Revue et Gazette musicale, und tatsächlich ist Offenbach hier oft so nahe am lyrischen Opernstil Gounods oder Massenets, dass man schon Les Contes d’Hoffmann vorausahnt. Das dezidiert spanische Kolorit zeigt sich in vielen Wendungen, etwa in der Malagueña des Alvarès im zweiten Akt. Èric Huchet in der Titelpartie des Chocolatiers Péronilla und Véronique Gens als seine Schwester Léona führen ein exzellentes, perfekt aufeinander abgestimmtes Ensemble an, Markus Poschner lässt gemeinsam mit dem großartigen Orchestre National de France die Partitur schillern und blitzen. Für den Jahresausschuss: Michael Stegemann

Dina Ugorskaja

Franz Schubert: Klaviersonate B-dur D 960, 3 Klavierstücke D 946, Moments musicaux D 780. Dina Ugorskaja. 2 CDs, CAvi-Music 8553107 (harmonia mundi)

Dina Ugorskaja ist eine Musikerin der Schweigsamkeit und tiefen Intensität, ernst und leise, traumwandlerisch leuchtend. Der frühe Lebensabbruch rief Bestürzung hervor. Dass sie viele Jahre gegen den Krebs ankämpfte, wusste man, dass sie ihn besiegen würde, hoffte man vergebens. Ihre verinnerlicht reife Musizierkunst hinterlässt nun eine Spur staunenswerter Aufnahmen – Händel-Suiten, Bachs Wohltemperiertes Klavier, Schumann, späte Sonaten von Beethoven und Schubert. Die Tochter des russisch-jüdischen Pianisten Anatol Ugorski kam in Leningrad, heute Sankt Petersburg, zur Welt und floh 1990 mit der Familie nach Deutschland. Ugorskaja studierte in Detmold und Berlin, es folgten erste Konzertauftritte, sie begann zu unterrichten, zuletzt als Klavierprofessorin in Wien, lebte mit Ehemann und kleiner Tochter in München. Ihre letzte Aufnahme, Schuberts B-Dur-Sonate aus dem Todesjahr, offenbart ein Erschrecken vor einer visionären Musik der Zerbrechlichkeit wie Zartheit, der Atemlosigkeit, des Stockens und Taumelns: ein Musizieren, das existentiell wird. Für den Jahresausschuss: Wolfgang Schreiber

Olivia Vermeulen & Jan Philip Schulze

Dirty Minds – Lieder von Alban Berg, William Bolcom, Johannes Brahms, Claude Debussy, Benedikt Eichhorn, Hanns Eisler, Jake Heggie, Wolgang Amadeus Mozart, Thomas Pigor, Henry Purcell, Arnold Schönberg, Franz Schubert, Robert Schumann, Kurt Weill und Hugo Wolf. Olivia Vermeulen, Jan Philip Schulze. Challenge Classics CC 72835 (Bertus)

Sex sells? Schon etliche Tonträger haben diesem Kalkül Rechnung getragen. Der Beitrag von Olivia Vermeulen sticht wohltuend aus diesem Gewimmel hervor. Das Album des niederländischen Mezzosoprans vereinigt erotische Gesänge aus einer erstaunlichen Fülle von einschlägigem Material aus fünf Jahrhunderten. Der Reigen der ein- bis zweideutigen Lieder reicht vom lebenslustigen Barock eines Henry Purcell bis zu den triebhaften Tango-Klängen des US-amerikanischen Zeitgenossen Jake Heggie. Dazwischen widmet sich die Sängerin mit der kostbar feingliedrigen, wendigen Stimme einer erotischen Blütenlese zweideutiger Lieder der Klassik und Romantik und durchstreift nicht zuletzt die schwülen, symbolschwangeren Lustgärten der zweiten Wiener Schule. Bei aller Trieblastigkeit der Sujets glänzt Vermeulen durch feine Klangkultur, ebenso subtil wie ihr deutscher Klavierpartner Jan Philip Schulze. Ein Album wie ein Aphrodisiakum! Für den Jahresausschuss: Christoph Irrgeher

Institute for Computermusic and Sound Technology, Zürich

Les Espaces Électroacoustiques II. Masterpieces of electroacustic music – presented in 5.1 surround and stereo. Werke von Luigi Nono, Luciano Berio, Gottried Michael Koenig und Karlheinz Stockhausen. Institute for Computermusic and Sound Technology, Zürich. 2 SACDs, col legno COL40003 (Naxos)

Es wirkt paradox, den Begriff der historisch informierten Aufführungspraxis auf elektroakustische Musik zu übertragen. Aber wie sonst sollten diese Werke aus den fünfziger und sechziger Jahren heute noch aufgeführt werden? Die damaligen Geräte sind Museumsstücke, wir hören anders, Raumklang ist keine visionäre Idee mehr, sondern realisierbar. Jede technische Aktualisierung wird somit zu einem Akt der Interpretation, der Quellenkenntnis und künstlerische Verantwortung erfordert. Das Team vom Institute for Computer Music and Sound Technology an der Zürcher Hochschule der Künste hat auf dieser Basis einen neuen Zugang zur Klangwelt der frühen elektroakustischen Musik gesucht. Die sieben sorgfältig aufbereiteten Werke des Albums, darunter Ikonen wie »La fabbrica illuminata« und das ewig problematische, weil nie zu Ende komponierte Manifest »A floresta é jovem e cheja de vida« von Luigi Nono, »Kontakte« von Karlheinz Stockhausen und zwei elektronische Meisterwerke von Gottfried Michael Koenig: Sie alle erstrahlen in neuem Glanz. Ein Hörabenteuer aus experimentierfreudigen Zeiten. Für den Jahresausschuss: Max Nyffeler

Carla Bley

Carla Bley, Andy Sheppard, Steve Swallow: Life Goes On. CD / LP, ECM Records 2669 (Universal)

Carla Bley, die sich Zeit ihres Musikerinnenlebens eher als Komponistin denn als Pianistin definiert hat, muss niemandem mehr etwas beweisen. So schafft sie es, gemeinsam mit Andy Sheppard und Steve Swallow, Selbstreflexion und Ironie, biografische Narration und politische Anmerkungen, Einfachheit und Komplexität selbstverständlich zusammenzubringen. Das Trio, das bereits seit sechsundzwanzig Jahren zusammen musiziert, tut dies mit großer Klarheit und Ökonomie. Alles geht hier vom Blues aus – der allerdings auch Einflüsse etwa von Kurt Weill aufgenommen hat. Der Musik eignet eine warme, leichtfüßig-leichthändige Schönheit, die zuweilen eigenartig abstrakt und absichtsvoll wirkt. Das flüssig-stockende Spiel der rechten Hand Bleys atmet Raffinesse, Melancholie und Nachdenklichkeit, miniaturistisches Zitatwerk belustigt sich abgründig über Donald Trump. »Life Goes On« ist ein Jazz-Album von tiefgründiger Präzision, eine Hymne an das Leben und die ironische Fantasie. Für den Jahresausschuss: Hans-Jürgen Linke

Aretha Franklin / Alan Elliott

Aretha Franklin / Alan Elliott

Aretha Franklin: Amazing Grace. Mit Mick Jagger, James Cleveland, C. L. Franklin; Regie: Alan Elliott und Sydney Pollack. DVD, Weltkino Filmverleih UF11970 (Sony)

Als Aretha Franklin am 13. und 14. Januar 1972 in der New Temple Missionary Baptist Church in Los Angeles das Album »Amazing Grace« aufnahm, war sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Sie hatte der Bürgerrechtsbewegung ihre Hymne gegeben, ihr bedeutendstes Album »Young, Gifted and Black« stand kurz vor der Veröffentlichung und ihr turbulentes Privatleben hatte sich für einen Augenblick beruhigt. Sie war der größte Star des schwarzen Amerika. Und ging nun zurück an den Ort, ohne den sie nicht geworden wäre, was sie war: die schwarze Kirche. Denn was ist Soul Music? Es ist der Sound der schwarzen Kirche – nur, dass an die Stelle der reinen Liebe zu Gott die meist unreine Liebe zu anderen Menschen tritt. Doch die Macht des Gefühls ist die gleiche. Aretha Franklin hatte den Draht nach oben, davon handelt der Konzertfilm »Amazing Grace«, der nie erschien, weil ein technischer Fehler die Aufnahmen unbrauchbar machte. Auch ein halbes Jahrhundert später hat er nichts von seiner Kraft verloren. Für den Jahresausschuss: Tobias Rapp

Bob Dylan

Rough And Rowdy Ways. 2 CDs / 2 LPs, Columbia Records 19439780982 (Sony)

Ein Album von Bob Dylan zu prämieren, ist eine gewagte Sache. Besitzt er nicht schon alle Preise und wird es ihn überhaupt interessieren? Das muss uns egal sein, denn mit »Rough And Rowdy Ways« hat His Bobness dem Jahr 2020 den Soundtrack geliefert. Die monströse Single »Murder Most Foul« beiseitegelassen, finden sich auf »Rough And Rowdy Ways« Songs der Lebenserfahrung und Weisheit, der Komplexität und des Common Sense. Sie stehen für Haltung und fein-bitteren Humor, und sie knüpfen an die Alben »Love And Theft«, erschienen im 9/11 Jahr, und »Time Out Of Mind« an, das 1997 nach ähnlich langer Frist mit ähnlich relevanten Songs in die Zeit passte. Nun plaudert Dylan vom omnientfalteten Menschen in »I Contain Multitudes«, von entgrenzter Emotionalität in »I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You«, rumpelbluest in »Goodbye Jimmy Reed« zu Ehren des Elvis-Presley Songschreibers und krönt das entspannt-essentielle Album mit »Key West (Philisopher Pirate)« – eine Reflexion der Beatnick Wurzeln, die dort, unter dem Radar, Unsterblichkeit finden. Für den Jahresausschuss: Christine Heise

The Jayhawks

XOXO. CD / LP, Sham Records CD62965 (Membran)

Nichts ist leichter als ein langbewährtes Konzept wie das der Jayhawks aus Minneapolis weiterzustricken, also Countryrock der milden, melodischen Art basierend auf feinen Harmoniegesängen zu liefern, wie die Band es seit Mitte der achtziger Jahre erfolgreich praktiziert hat. Nach dem Ende der anfänglichen Songwriter-Symbiose mit Mark Olson setzte Gary Louris das Konzept überwiegend allein fort, nicht ohne Eitelkeit, so dass eigene Ambitionen der Bandmitglieder eher ausserhalb Platz fanden. Hier nun, auf »XOXO«, dem Album Nummer elf, dürfen alle ran – schreibend und singend, und prompt wird der radiofreundliche Sound durch sensible Balladen wie »Ruby« von Karen Grotberg oder durch von den Replacements inspirierte Rocker wie »Society Pages« von Tim O’Reagan ergänzt. Das alles ist keine wirkliche Neuerfindung, aber der reife Move einer gestandenen Band, die nicht einstauben möchte. Zur Nachahmung empfohlen. Für den Jahresausschuss: Christine Heise

The Düsseldorf Düsterboys

Nenn mich Musik. CD / LP, Staatsakt AKT842 (Bertus)

Es geht mir gut. Nur ab und zu geht’s mir nicht so gut. So in etwa klingt die Stimmung auf dem Debütalbu-m der Düsseldorf Düsterboys. Eine herrliche Ach-auch-egal-Laune zieht sich durch diese sechzehn Songs. Wenn eine Party Scheiße ist, dann geht man halt zu irgendeiner anderen Party, ansonsten wird in der Kneipe oder Küche getrunken, noch viel mehr geraucht und irgendwann gestorben. Ursprünglich bestand die Zwei-Mann-Band aus Essen aus Pedro Goncalves Crescenti und Peter Rubel, sie werden nun von Edis Ludwig am Schlagzeug und Fabian Neubauer an den Tasten verstärkt, und zelebrieren psychedelischen Folk aus einer vergangenen Zeit. »Nenn mich Musik« ist das Album für Momente, in denen man keine Lust hat auf Was-aus-sich-machen: Slackertum at its best, mit etwas depressivem Touch, aber mit noch mehr Witz. Loser zum Lieben, die wissen, wann sich eine Beziehung dem Ende neigt: »Du hörst mir nicht mehr zu, wenn ich Gitarre spiel.« Doch wer den Düsterboys zuhört, der muss bei aller Ablehnung von Selbstoptimierungen feststellen, dass es einem sofort besser geht. Für den Jahresausschuss: Juliane Streich

Die Bibel / Rufus Beck

Altes und Neues Testament, mit Apokryphen. Lutherübersetzung in der revidierten Fassung 2017. Rufus Beck. Deutsche Bibelgesellschaft / Der Audio Verlag, ISBN 978-3-7424-1182-2 (9 mp3-CDs) / ISBN 978-3-7424-1181-5 (86 Audio-CDs)

Auch wenn das Buch der Bücher heute immer noch weltweit herumliegt in den Schubladen der Hotel-Nachttische, fehlt es doch in vielen Haushalten. Doch die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist Menschenwerk. Entstanden in einem abenteuerlichen Prozess der Verschriftlichung mündlicher Tradition, der sich über viele Jahrhunderte erstreckte, wurde sie so umfassend benutzt und so vielfach überformt, so widersprüchlich ausgelegt und zugleich so selektiv rezipiert, dass ihr Inhalt, den jeder zu kennen meint, zu weiten Teilen unbekannt blieb. Es gibt also, en detail, Staunenswertes zu entdecken in dieser Hörbuch-Edition, die erstmals den ungekürzten Text der revidierten Lutherübersetzung von 2017 präsentiert, inklusive der Apokryphen, von der Weisheit Salomos bis zum Gebet Manasses. Und erstmals ist nur ein einziger Akteur auf dieser langen Strecke voll Blut und Tränen unterwegs: Rufus Beck, ein begnadeter Geschichtenerzähler, der sich, in kindlicher Neugierde, selbst zuzuhören scheint, wenn er von den Greueln des Alten und den Wundern des Neuen Testaments erzählt. Und um so dringender muss man ihm zuhören, 98 Stunden lang. Für den Jahresausschuss: Eleonore Büning

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