Bestenlisten

Mit einem Platz auf der Bestenliste werden vierteljährlich die besten und interessantesten Neuveröffentlichungen der vorangegangenen drei Monate ausgezeichnet. Bewertungskriterien sind künstlerische Qualität, Repertoirewert, Präsentation und Klangqualität.

Die Longlists sind ab 2014 direkt bei jeder Bestenliste hinterlegt.

NEU: Longlist 3/2021 mit den Nominierungen für die nächste Bestenliste!

Bestenlisten

Orchestermusik und Konzerte

Gustav Mahler: Symphonie Nr. 4 G-Dur

Anna Lucia Richter, Bamberger Symphoniker, Jakub Hrůša. accentus music ACC30532 (Naxos)

Vierzehn Jahre nach dem respektablen Mahler-Zyklus der Bamberger Symphoniker unter Jonathan Nott gewinnt der aktuelle Chefdirigent Jakub Hrůša dieser Wunderhorn-Symphonie neue Seiten ab. Im ausgesprochen transparenten Klangbild wirkt die vermeintliche Idylle gebrochen, ist der zweite Satz ein schaurig-schöner Totentanz, bewegt sich der dritte zwar ruhevoll, aber auf dünnem Eis. Und Anna Lucia Richters kunstvoll zwischen Fahlheit und Forciertheit changierender Sopran verhehlt nicht, dass »die himmlischen Freuden« vor allem ein Versprechen sind. Klangvoll und spannend. Für die Jury: Rainer Wagner

Orchestermusik und Konzerte

Carl Maria von Weber: Sämtliche Werke für Klavier und Orchester

Klavierkonzerte Nr. 1 C-Dur & Nr. 2 Es-Dur; Konzertstück f-moll. Ronald Brautigam, Kölner Akademie, Michael Alexander Willens. BIS Records BIS-SACD-2384 (Klassik Center)

Mit Gesamtaufnahmen der Klavierkonzerte von Mozart, Beethoven und Mendelssohn in historisch informierter Spielpraxis haben Ronald Brautigam und die Kölner Akademie bereits interpretatorisch markant den Horizont erweitert. Das gelingt ihnen jetzt auch bei Carl Maria von Weber. Dessen noch an klassischen Vorbildern orientierte Klavierkonzerte und das davon weitgehend losgelöste Konzertstück erscheinen hier in neuer Perspektive. Durch den charakteristischen Klang des nachgebauten Graf-Fortepianos leben sie auf in frischen Farben, Brautigam gibt souverän die pianistische Bravour hinzu. Ein überzeugendes Plädoyer für Klavierwerke, denen man heute im Konzertsaal viel zu selten begegnet. Für die Jury: Norbert Hornig

Kammermusik

Mieczysław Weinberg: Streichquartette Vol. 1

Nr. 2 op.3/145; Nr. 5 op. 27; Nr. 8 op. 66. Arcadia Quartet. Chandos CHAN 20158 (Note 1)

Mehr als vielversprechend ist dieser Beginn einer neuen Gesamtaufnahme aller siebzehn Streichquartette, die Mieczysław Weinberg zwischen 1937 und 1986 komponiert hatte – das erste noch daheim in Polen, die Hauptwerke in seinem Moskauer Exil, teils im Wettbewerb mit seinem Freund und Mentor Schostakowitsch. Frühe Aufnahmen dieses allmählich zu seiner berechtigten Stellung im Repertoire gelangenden Korpus sind oft noch vom Furor des Entdeckens geprägt. Das Arcadia Quartett nimmt nun gerade soviel Abstand wie nötig, um neben der auch im Leisen wirksamen Eindringlichkeit die vielen Schönheiten dieser besonderen Quartettwelt zu zeigen. Für die Jury: Benjamin Herzog

Kammermusik

Johannes Brahms: Sonaten für Viola und Klavier op. 120

Wiegenlied op.49 Nr.4; Zwei Gesänge op.91; Nachtigall op.97 Nr.1. Antoine Tamestit, Cédric Tiberghien, Matthias Goerne. harmonia mundi HMM 902652

Tamestit und Tiberghien kleiden die spätromantischen Sonaten von Brahms in kuscheligen Samt. Ihre Interpretation vermeidet Pathos, sie lebt allein von betörender Farbenvielfalt und einem subtil abgetönten Klangbild, das nicht zuletzt dem historischen Bechstein-Flügel von 1899 zu danken ist, über dessen Dämmerton die Stradivari-Bratsche ungemein zärtlich leuchtet. So auch in den »Zugaben« des Programms: den Lied-Arrangements sowie Goernes baritonaler Darbietung der ursprünglich für Alt komponierten Gesänge op.91. Seine Stimme, mit wärmender Dunkelheit, liegt tiefer, als die der Bratsche – ein Rollenwechsel, der hilft, wahrzunehmen, wie schön Tamestits Instrument singen kann. Für die Jury: Thilo Braun

Tasteninstrumente

(re)creations – Zlata Chochieva

Sergej Rachmaninoff, Franz Liszt & Ignaz Friedman: Transkriptionen für Klavier von Werken Johann Sebastian Bachs, Schuberts, Mendelssohns, Bizets, Mahlers, Tschaikowskys, Mussorgskys, Graziolis und Gärtners. Zlata Chochieva. accentus music ACC30531 (Naxos)

Mit ihrem dritten Album gibt die heute in Berlin lebende Pianistin, jenseits aller technischen Bravour, neue Einblicke in die Feinstrukturen und Seelenregionen meist großformatiger Werke, es gelingt ihr, den tieferen Sinn solcher »Transformationen« zu enthüllen. In Liszts Adaptionen von Liedern Schuberts und Mendelssohns überträgt Chochieva den vokalen Gestus der Melodie mit berückendem, stets strömendem Legato aufs Klavier. Rachmaninoffs Übertragung des Scherzos aus Mendelssohns »Sommernachtstraum« wird zur suggestiven Hommage an einen der größten Pianisten der Vergangenheit, zugleich eine grandiose Vorstellung pianistischer Souveränität. Für die Jury: Attila Csampai

Tasteninstrumente

Charles-Marie Widor: Orgelsymphonie Nr. 8 op. 42/4

Joseph Guy Ropartz: 6 Pièces pour grand orgue; Camille Saint-Saëns: Cypriès et lauriers op. 156. Jean-Baptiste Dupont. Audite 97.774 (Note 1)

Mit einer Spieldauer von – je nach Fassung – bis zu einer Stunde ist sie die längste und komplizierteste aller Orgelsymphonien von Widor: seine Achte. Jean-Baptiste Dupont, Titularorganist an der Kathedrale von Bordeaux, schafft es, dieses Monument französischer Orgelromantik überschaubar, ja stellenweise kammermusikalisch-kompakt wirken zu lassen. Er spielt dramatisch, forsch, mit einem tiefen lyrischen Empfinden, und sorgt zugleich für jene musikalische Klarheit, die der »Grandeur« dieser Musik zur Ehre gereicht. Die Cavaillé-Coll-Orgel von St. Sernin in Toulouse sowie die exzellente Tontechnik tun ihr Übriges. Eine herausragende Aufnahme, eine wahre Sternstunde der Orgelsymphonik! Für die Jury: Guido Krawinkel

Oper

Francesco Cavalli: Ercole Amante

Nahuel di Pierro, Anna Bonitatibus, Giuseppina Bridelli, Francesca Aspromonte, Krystian Adam, Eugènie Lefebvre, Giulia Semenzato, Luca Tittoto, Ray Chenez, Dominique Visse u.a.; Chor und Orchester Pygmalion, Raphaël Pichon; Regie: Valérie Lesort & Christian Hecq. 2 DVDs/Blu-ray, Naxos 2.110679-80/NBD0118V

Als er seine Oper »Ercole amante« für den Hof des französischen Sonnenkönigs schrieb, konnte der italienische Komponist Francesco Cavalli in die Vollen greifen. Entsprechend groß hat der Dirigent Raphaël Pichon Chor und Orchester seines Ensembles Pygmalion für eine Aufführung an der Pariser Opéra Comique besetzt, er erreicht damit eine seltene Pracht und Vielfalt der Klangrede. Die Regisseure Valérie Lesort und Christian Hecq ließen sich auch nicht lumpen, sie ziehen dem Stück mit einer Mischung aus Barocktheatermitteln und zeitgenössischem Comic eine sanft ironische Ebene ein, inklusive Schaueffekte. Ein königliches Vergnügen! Für die Jury: Michael Stallknecht

Oper

Reynaldo Hahn: Ô mon bel inconnu

Véronique Gens, Olivia Doray, Éléonore Pangrazi, Thomas Dolié, Yoann Dubruque, Carl Ghazarossian, Jean-Christophe Laniège; Orchestre National Avignon-Provence, Samuel Jean. Bru Zane BZ 1043 (Note 1)

Sein Freund Marcel Proust bescheinigte ihm schon 1903: »Dieses ›musikalische Genieinstrument‹ namens Reynaldo Hahn umarmt alle Herzen«. Dreißig Jahre später bilden Hahn und Sascha Guitry das Erfolgsduo der Unterhaltungstheater in Paris. Dialogwitz und musikalischer Esprit sind garantiert, auch in dieser wieder ausgegrabenen comédie musicale: Der »schöne Unbekannte« ist ein Pariser Hutmacher, der eine Kontaktanzeige aufgibt und von Ehefrau, Tochter und Zofe animierende Antworten bekommt. Entsprechende Turbulenzen servieren Dirigent Samuel Jean, das Orchestre National Avignon-Provence und ein hörbar amüsiertes Solistenensemble in Champagnerlaune. Für die Jury: Wolf-Dieter Peter

Chor und Vokalensemble

Ludwig van Beethoven: Missa Solemnis op. 123

Polina Pastirchak, Sophie Harmsen, Steve Davislim, Johannes Weisser, RIAS Kammerchor Berlin, Freiburger Barockorchester, René Jacobs. harmonia mundi HMM 902427

Immerhin, das ist eine kleine Wiedergutmachung dafür, dass das Beethoven-Jahr der Corona-Pandemie zum Opfer fiel: René Jacobs, seine Solisten, dazu die Berliner und die Freiburger – sie legen nun mit ein wenig Verspätung die vollkommene Missa Solemnis vor. Eine, die das Monumentale nicht in der Lautstärke sucht, sondern in marmorner Prägnanz, die nicht ächzt unter den Zumutungen für Stimmen und Instrumente, sondern sie überführt in eine Klassizität, die den Menschen zum Maßstab des Göttlichen macht, was auch klanglich fabelhaft eingefangen ist. Für die Jury: Peter Korfmacher

Klassisches Lied und Vokalrecital

Un-erhört

Lieder von Richard Strauss. Krämerspiegel op.66; Gesänge des Orients op.77 u.a. Daniel Behle, Oliver Schnyder. Prospero PROSP 0011 (Note 1)

So verschmitzt ist wohl selten einer der kratzbürstig formbewussten Eleganz des verführbaren Verführers auf die Schliche gekommen! Was Daniel Behle und Oliver Schnyder aus dem »Krämerspiegel« machen, den Richard Strauss Anfang der Zwanziger als kritische Breitseite gegen vermeintlich kunstferne Musikverleger abfeuerte, ist im Doppelsinn »un-erhört«. Der herrlich freitönende Tenor und sein um keine pianistische Volte verlegener Klavierpartner legen hier einen Tanz auf schmalem Grat hin, der Figuren, Posen und Witz der Eulenspiegelei perfekt abmischt. Frühe Lieder, die späten Orient-Gesänge sowie ein straussische Klang-Attitüde persiflierendes Aperçu des Sängers komplettieren das Vergnügen. Für die Jury: Albrecht Thiemann

Alte Musik

Johannes Ockeghem: Missa Prolationum

L’ultima parola. Raumklang RK 3902 (harmonia mundi)

Diese Kanon-Messe des 1497 verstorbenen Flamen Johannes Ockeghem mit ihren kontrapunktischen Künsten ist ein absolutes Ausnahmewerk. Nur zwei der vier Stimmen sind notiert, von denen die beiden übrigen kanonisch abgeleitet werden, wobei jede Stimme einer anderen Taktart folgt. Das junge Ensemble »L’ultima parola«, das mit dieser begeisternden Aufnahme seine erste CD vorlegt, verschmilzt die mathematische mit der symbolischen Ordnung zu einem vollkommenen Klang, der dem Hörer einen unendlichen Raum völliger Freiheit öffnet – reine Magie! Für die Jury: Uwe Schweikert

Zeitgenössische Musik

Christophe Bertrand: »Vertigo«

Sämtliche Instrumentalwerke. Zafraan Ensemble, KNM Berlin, WDR Sinfonieorchester, GrauSchumacher Piano Duo u.a., Premil Petrović, Victor Aviat, Brad Lubman, Peter Rundel, Baldur Brönnimann, Emilio Pomàrico. 3 CDs, bastille musique bm014 (rudi mentaire distribution)

Das schmale Œuvre des tragisch früh verstorbenen französischen Komponisten Christophe Bertrand ist eine Entdeckung. Diese Edition – eine mutig gestemmte Ersteinspielung mit handverlesenen Interpreten – legt Zeugnis ab von einem vielversprechenden Komponisten, der verschiedenste Entwicklungen der zeitgenössischen Musik noch einmal neu zu deuten suchte. Geschichtsbewusstsein, Freiheit und Innovationsdruck, das war das Spannungsfeld, in dem er sich bewegte, wie Bertrand einmal im Interview bekannte. Seine Kompositionen leben von ihrer komplexen Struktur einerseits, von hochemotionaler Energie andererseits und von einer Virtuosität, die gekoppelt ist an reichhaltige Klangfülle. Für die Jury: Nina Polaschegg

Historische Aufnahmen

Gabriella Lengyel

Jenö Hubay’s last pupil. Werke von Béla Bartók, Benjamin Britten, Johannes Brahms, Ernst von Dohnányi, Ferenc Farkas, Joseph Haydn u.a. Diverse Orchester und Dirigenten. 9 CDs, Rhine Classics RH-018 (Bertus)

Gabriella Lengyel errang 1937 den zweiten Preis in einem Internationalen Wiener Musikwettbewerb. In der Kritik über das Preisträgerkonzert hieß es: »Ein zierliches, dunkelhaariges Mädchen, die Geigerin Gabriella Lengyel, erscheint und spielt eine virtuose Valse Caprice mit derart hinreißender Verve und blendender Technik, daß man unwillkürlich an Erika Morini erinnert wurde, wie sie noch als halbwüchsiger Backfisch ihre ersten Triumphe feierte.« Das war nicht übertrieben. Die nun von dem Schweizer Geiger, Komponist und Dirigent Urs Joseph Flury für diese Edition zur Verfügung gestellten Aufnahmen belegen ein primär an Substanz ausgerichtetes Wertesystem. Für die Jury: Wolfgang Wendel

Grenzgänge

Identigration

Kompositionen und Arrangements von Andrés Rosales, Hassan Skaf, Antonio Vivaldi, Pejman Jamilpanah, Peter Klohmann, Rabie Azar. Bridges-Kammerorchester, Nabil Shehata, Gregor A. Mayrhofer, Harish Shankar. Bridges – Musik verbindet 0730706001123 (Direktvertrieb)

Achtundzwanzig Instrumentalisten aus unterschiedlichsten Kulturen bilden das Kammerorchester von »Bridges – Musik verbindet«. Ein Glücksfall fürs Publikum, dass sich die oft migrantischen Wege kreuzten! Der Verzicht auf Stil-Quarantäne verleitete nicht zum Potpourri der Beliebigkeit. Auf den Instrumenten der jeweiligen Heimat gespielt, fließen Volksmusiken, Funk und Frankfurter Keller-Jazz, sprechende Flötenchöre und barocke »Folia« zusammen und bilden einen Strom, der mitreißt und auffrischt. Das Titelstück übersetzt die Dialektik von Identität und Integration in eine Sprache von Klang und Rhythmus, die das Herz beim Hören weit macht – in sich stimmig und voller Überraschungen. Für die Jury: Nikolaus Gatter

Filmmusik

Trent Reznor & Atticus Ross: Soul

Original Score; Jon Batiste: Jazz-Kompositionen und -Arrangements. LP/CD, Walt Disney Records 8742425 (Universal)

»Soul« ist der filmmusikalisch komplexeste Animationsfilm der letzten Jahre. Den größten Anteil daran hat zweifellos der Jazzmusiker Jon Batiste, auch wenn er offiziell nur für die »jazz arrangements« firmiert, während das Duo Reznor/Ross für den »original score« verantwortlich zeichnet. Doch Batistes quasi szenischer Musikbeitrag liefert den Puls der Handlung um den Musiklehrer Joe Gardner, der von einem Coming Out als Jazzmusiker träumt. Soviel analoge Jazz-Kunst, handgemacht, gab es selten in einem Animationsfilm! Jon Batiste ist Joe Gardner – so intensiv, dass sogar seine Spielbewegungen auf den Hauptdarsteller übertragen wurden. Für die Jury: Matthias Keller

Musikfilm

Piazzolla – The Years Of The Shark

Ein Film von Daniel Rosenfeld. DVD, EuroArts 2078848 (Warner)

Rechtzeitig zum 100. Geburtstag des legendären Bandoneonisten und Komponisten verarbeitet Daniel Rosenfeld unbekanntes Material aus dem Familienarchiv zu einem anregenden Porträt. Private Amateurfilme und Bandmitschnitte dokumentieren die künstlerische Unbedingtheit eines Musikers, der den Tango kunstvoll und gegen manchen Widerstand revolutionierte. Wie Astor Piazzolla gerade durch das Studium in Europa zu seiner außergewöhnlichen Idiomatik fand, das wird chronologisch unterhaltsam erzählt – unterschnitten mit TV-Interviews und eingestreuten (undatierten) Konzertausschnitten. Manche O-Ton-Stimmen sind nur schwer zuzuordnen. Empfehlenswerte Ergänzung: die BBC-Doku »Tango Maestro« von 2005. Für die Jury: Thorsten Lorenz

Jazz

Tommy Flanagan: In His Own Sweet Time

Enja Records ENJ 9687 2 (Edel)

Eineinhalb Jahrzehnte lang war er der Begleiter der »Lady of Song« Ella Fitzgerald, als ein vielseitiger Improvisator und bescheidener Musiker, der von sich sagte: »Mir liegt es überhaupt nicht, mich zu profilieren.« Bestgehütet sind neben Trio- und Duo-Produktionen seine Solo-Aufnahmen in den Archiven. So auch dieser Mitschnitt aus dem »Birdland« Jazz Club in Neuburg an der Donau von 1994. Sein samtweiches Spiel entfaltet sich auch in der engen Club-Atmosphäre in zehn zauberhaften Balladen, aus dem Bebop heraus entwickelt er seinen Klaviersound: Tommy Flanagan, der hiermit ein sagenumwobenes Stück Solo-Musik hinterlassen hat. Für die Jury: Lothar Jänichen

Jazz

Archie Shepp & Jason Moran: Let My People Go

2LP/CD, Archieball Records ARCH2101 (Broken Silence)

Wehmut, Trauer und Zuversicht der Black Music, geronnen in improvisatorischen Zwiegesprächen: Archie Shepp, Ahnvater der Avantgarde, klingt zuweilen so butterweich wie Ben Webster. Blues- und gospelgetränkt sind seine Deklamationen auf dem Tenorsax, mit den für ihn typischen Ausfransungen dem Fauchen eines grollenden Bären ähnlich. Dann wieder ist sein Spiel aufgeladen mit scharfkantigen Splittern. Mit Jason Moran am Piano hat Shepp live auf Festivals in Paris und Mannheim noch einmal seine »Lebenslieder« intoniert, und spätestens, wenn der stählerne Groove vom Bonus-Track »Ujama« tönt, wird klar, dass er, dreiundachtzigjährig, noch gut unter Dampfdruck steht. Für die Jury: Guenter Hottmann

Weltmusik

Urban Village: Udondolo

LP/CD, No Format NØF. 49 (Indigo)

Soweto – dieser Name steht für gewaltsame Unterdrückung und die Proteste zur Zeit der Apartheid. Die Township für Nichtweiße, heute eines der Stadtviertel von Johannesburg, ist aber zugleich auch ein Mikrokosmos Südafrikas, gebildet aus Arbeiterfamilien aller Ethnien, die hier angesiedelt wurden. Mit entsprechend großer musikalischer Vielfalt erzählt das Quartett Urban Village von Nachbarschaft und Gemeinschaft, vom titelgebenden »Dorf in der Stadt«. Und schöpft stilistisch aus dem Vollen: mit souligen Chor- und Bläsersätzen, Indie-Songwriting oder südafrikanischem Maskandi, abwechselnd stimmungsvoll-ruhig, witzig, mitreißend. Für die Jury: Johann Kneihs

Traditionelle Ethnische Musik

Excavated Shellac

An Alternate History of the World’s Music (1907-1967). Verschiedene Künstler. Digital, Dust-to-Digital (Direktvertrieb)

In hundert Tracks um die Welt – mit dieser Sammlung rarer Tondokumente wird eine Zeit wieder lebendig, in der jegliche Globalisierung der Musik noch unvorstellbar weit entfernt war. Von Choro aus Brasilien bis zu japanischen Geisha-Liedern, von Saze aus den albanischen Bergen bis zu ghanaischem Ragtime: Hier lauscht man einer Diversität, die wir verloren haben. Diese Box trägt das analoge musikalische Vermächtnis der Menschheit ins digitale Zeitalter und erzählt zugleich, dank des beispiellos opulenten Beibuches, die wechselvolle Geschichte eines spannenden Kapitels der Plattenindustrie. Für die Jury: Stefan Franzen

Liedermacher

Magdalena Ganter: Neo Noir

LP/CD, Revolver Distribution RDS186 (Cargo)

Der Titel läßt dunkle Lieder erwarten. Tatsächlich gibt es düstere Momente, wenn, zum Beispiel, »Im Nebel« zunächst alles »keinen Sinn macht«. Aber ein Kompass führt da heraus und folgerichtig finden wir im nächsten Lied den Weg »Ins Licht«. Dieses rundum gelungene Solo-Debüt von Magdalena Ganter ist eine Reise durch sehr persönliche, nie alles preisgebende Geschichten von einer uns alle betreffenden Allgemeingültigkeit – musikalisch wunderbar ausbalanciert zwischen Klavierballade, Varietémusik im Stil der 1920er Jahre, Jazzfeeling und dichten Streicher-Arrangements. Dazu Ganters ausdrucksstarke Stimme, tiefsinnig, mit einer feinen Portion Situationskomik. Für die Jury: Hans Reul

Folk und Singer/Songwriter

Staritsa: Klyukva

CPL Music CPL047 (Broken Silence)

Staritsa stammt vom westlichen Rand Russlands. Zwölf Songs präsentiert das Folkrock-Duo auf seinem Debüt-Album und lässt mit selbstbewusstem Gestaltungswillen aufhorchen. Jedes dieser Lieder ist anders instrumentiert, anders im Charakter, anders im Sound. Doch strömt aus jeder Note eine tiefe Liebe zu den traditionellen Themen, Melodien, Harmonien und Rhythmen der russischen Volksmusik. Auch die Stimme Natalia Soldatkinas, die Staritsa gemeinsam mit Oleg Soldaitkin erst vor zwei Jahren gründete, klingt, als sei sie immer schon da gewesen. Die beiden sind angetreten, Volksmusik in ein modernes Gewand zu kleiden, und das gelingt ihnen auf beglückende Weise. Für die Jury: Imke Turner

Pop

Masha Qrella: Woanders

2LP/CD, Staatsakt AKT850 (Bertus)

Geht es um vertonte Lyrik, denkt man eher an ältere Texte, an romantisierende Klänge. Bei Masha Qrella hört sich das anders an. Die in Ost-Berlin geborene Musikerin hat siebzehn Gedichte und Prosawerke von Thomas Brasch in musikalisch-sprachliche Kleinodien verwandelt. Qrella singt die Texte des 2001 verstorbenen Regisseurs, Dramaturgen und Poeten so emotional wie kontrolliert, in hörbarer Seelenverwandtschaft zu deren Urheber. Dazu steuern Schlagzeuger Chris Imler, Multi-Instrumentalist Andreas Bonkowski und Gäste wie das Berliner Elektro-Duo Tarwater punktgenaue Soundscapes zwischen New Wave, Post-Rock und Kammermusik bei. Ein Ereignis – auch für »Wessis«. Für die Jury: Christof Hammer

Hard und Heavy

The Ruins Of Beverast: The Thule Grimoires

2LP/CD, Ván Records van333 (Soulfood)

Jenseits von blindem Furor hat Meilenwald, Kopf von The-Ruins-Of-Beverast, hier eine weitere halsbrecherische Black-Metal-Übung vorgelegt, die höchste Aufmerksamkeit einfordert und mit atmosphärischer Dichte belohnt – inklusive Death-Metal-Versatzstücken. Es geht um sieben mystische Prophezeiungen, die von der Insel Thule stammen und vom Untergang der Menschheit erzählen. Ein gelungenes Album wie dieses als »Gesamtkunstwerk« zu bezeichnen, mag längst zum Klischee verkommen sein. Aber hier greift das Totgerittene, es ist mehr als nur Notbehelf in Ermangelung sprachlicher Alternativen: Katharsis ist der künstlerische Treibstoff, der auch den Rezipienten mitnimmt. Für die Jury: Boris Kaiser

Club und Dance

Yu Su: Yellow River Blue

LP, Music From Memory MFM052 (Rush Hour)

Mit ihrem Debütalbum zollt Yu Su ihrer Heimatstadt Tribut, die am Gelben Fluss in China liegt. Gleichzeitig bringt die heute in Kanada lebende Musikerin ihre Rastlosigkeit zum Ausdruck: Yu Su komponiert eine Welt, in der Referenzen an Dub, Wave und Balearic neben poppigen Melodien und club-affinem Bass stehen. Eine fließende Soundpalette hält die mal nach vorn preschenden (»Xiu«, »Melaleuca«) und mal meditativen Tracks (»Touch-Me-Not«, »Klein«) zusammen. Es blubbert, es fließt. Wenn wir schon zur Zeit nicht verreisen können – mit »Yellow River Blue« ist es möglich, davon zu träumen. Für die Jury: Cristina Plett

Electronic und Experimental

Intermission

Compiled by Mat Schulz and Gosia Płysa. Verschiedene Interpreten. 2LP & Buch / DL, Unsound UNS001 (Direktvertrieb)

Das Festival Unsound ist eine der wichtigsten Adressen für Musiker der experimentellen Elektronik-Szene. Es bietet Auftrittsmöglichkeiten, vergibt aber auch Kompositionsaufträge. So war es ein logischer Schritt, die Flüchtigkeit dieses Live-Streaming-Events festzuhalten und zu dokumentieren. Fünfzehn Originalkompositionen, darunter transkontinentale Kollaborationen, deklinieren die Spielarten des Genres durch, das 330 Seiten starke Buch nähert sich mit poetischen oder essayistischen Mitteln nicht nur musikalischen Zeitfragen. Dieser ausgezeichnete, holistische Blick auf unsere derzeit gebeutelte Existenz verkürzt die Wartezeit auf die Rückkehr zu direkter Kommunikation. Für die Jury: Jean Trouillet

Blues

Jimmy Reiter: LIVE

Pogo Pop JGOP004 (Membran)

Sein viertes Album ist das erste, das aus Konzertmitschnitten besteht: Höchst lebendig, intensiv und doch von einer unverkrampft heiteren Leichtigkeit. Jimmy Reiter, Jahrgang 1975 und Sänger, Gitarrist, Komponist sowie Werder-Fan aus der Blues-City Osnabrück, hat sich als Titel der CD ein schönes 4-Letterword ausgedacht: LIVE. Mit dem Standbein steht er in der Tradition (Freddie & B.B. King, Magic Sam). Mit dem Spielbein aber schafft er diese unverwechselbare Reiter-Mischung aus modernem elektrischen Blues, R&B, Rhythm&Soul. LIVE ist, um es mit einem neudeutschen 4-Letterword zu sagen, einfach: GEIL. Für die Jury: Tom Schroeder

R&B, Soul und HipHop

Arlo Parks: Collapsed in Sunbeams

LP/CD, Transgressive Records TRANS509 (PIAS)

Erst zwanzig ist die britische Poetin und Singer-Songwriterin Arlo Parks, sie erzählt von der Jugend und den Menschen und Erlebnissen, die sie geprägt haben. Auch ihre Bisexualität macht sie in ihren Songs zum Thema. Sie selbst hatte den Anspruch, dass »Collapsed In Sunbeams« sowohl universell als auch spezifisch klingen sollte. Und das ist ihr gelungen. Selten tönte eine Mischung aus Soul, Poesie und Pop so homogen und so leichtfüssig, wirkte dabei zugleich so eindringlich und mutmachend. Dabei paart sich die sanfte Stimme Parks mit eingängigen Melodien, ohne jemals platt an Mainstream-Pop oder R&B zu erinnern. Für die Jury: Michael Rütten

Wortkunst

Saal 101. Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess

Michael Rotschopf, Katja Bürkle, Thomas Thieme, Bibiana Beglau, Barbara Nüsse, Martina Gedeck, Florian Fischer, Thomas Schmauser u.a.; Musik: Jakob Diehl, Sven Pollkötter; Regie: Ulrich Lampen. 12 CDs, der Hörverlag ISBN: 978-3-8445-3938-7

Der NSU-Prozess war das größte Gerichtsverfahren zum Rechtsterrorismus in der deutschen Geschichte. Basierend auf Mitschriften von ARD-Gerichtsreportern macht das vierundzwanzigteilige Dokumentarhörspiel »Saal 101« in der Regie von Ulrich Lampen diesen Prozess hörbar, ohne auf Fiktionalisierungen zurückzugreifen. Der Versuch, »das Material für sich sprechen zu lassen«, wie es im Beiheft zur CD-Box heißt, vermittelt eine eigene Authentizität: In der nüchternen, niemals psychologisierenden Lesung protokollierter Zeugenaussagen, in den Anträgen, Befragungen und Plädoyers der Verhandlung wird Zeitgeschichte als sprachlicher Prozess erfahrbar. Für die Jury: Michael Grote

Kinder- und Jugendaufnahmen

Richard Adams: Unten am Fluss

Hörspiel von Leonhard Koppelmann und Mark Ginzler. Mit Peter Fricke, Marc Hosemann, Jens Wawrczeck, Sophie Rois, Christiane Rossbach, Georg Breitfuß, Oliver Kraushaar, Matthias Haase u.a. Musik: Henrik Albrecht. 3 CDs, Der Audio Verlag ISBN: 978-3-7424-1940-8

Der Roman um die wilden Kaninchen, die sich auf den Weg machen, um ein neues Zuhause zu finden, ist längst zum Klassiker geworden. Sie zieht Menschen aller Altersgruppen in den Bann, denn hinter der einfachen Geschichte von Flucht und Neubeginn stecken Bedeutungsebenen, die zu tun haben mit Grundfragen unserer Existenz. Was dieses SWR-Hörspiel von 2006 auszeichnet und nicht nur die Neuauflage, sondern auch einen Bestentitel dafür rechtfertigt, das ist die besondere Rolle der Musik. Henrik Albrecht setzt die reiche Palette der Orchesterfarben als musikalischen Kommentar ein, aber auch, um Spannung zu erzeugen und Ruhe und Frieden zu bringen – und so die Idee von Schönheit zu wecken. Für die Jury: Friederike C. Raderer

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