Jahrespreise

Einmal jährlich trifft sich der Jahresausschuss des PdSK e.V., um zehn Jahrespreise für die besten Produktionen des zurückliegenden Jahres zu bestimmen. Im Jahresausschuss arbeiten zehn Jurorinnen und Juroren aus verschiedenen Fachjurys zusammen. Die Besetzung des Jahresausschusses rotiert. Die Nominierungen für evtl. Jahrespreise obliegen der Gesamtheit aller Jurorinnen und Juroren. Jahrespreise werden im Rahmen öffentlicher Konzertauftritte oder Literaturlesungen (im Bereich Wortkunst) an die Preisträger verliehen.

Die Longlists sind ab 2014 direkt bei jedem Preisträgerjahrgang hinterlegt.

Jahrespreise

Mozart: La clemenza di Tito / René Jacobs

Wolfgang Amadeus Mozart: La clemenza di Tito
Solisten, RIAS-Kammerchor, Freiburger Barockorchester, René Jacobs. 2 SACDs, Harmonia Mundi France 801923.24 (Helikon Harmonia Mundi)

René Jacobs weckt Mozarts letzte Oper aus ihrem vermeintlichen Seria-Schlaf: eine inspirierende, begeisternde Interpretation, mit makellos durchhörbarem und doch stets dramatisch pulsierendem Orchesterspiel, ungekürzten und von Giorgio Paronuzzi am Hammerflügel spannend und virtuos begleiteten Rezitativen, stilsicheren Verzierungen der Gesangspartien und einer stimmlich glänzend agierenden Solistenschar, aus der Alexandrina Pendatchanska als feurige Vitellia und Bernarda Fink als expressiver Sesto herausragen. Die Aufnahme ist ein Triumph für Mozarts klassizistisches Spätwerk, ein Triumph für den passionierten Überzeugungstäter Jacobs und stellt »La clemenza di Tito« gleichberechtigt in die Reihe der großen Mozart-Opern.

Die Auszeichnung wurde am 18. November 2006 bei der traditionellen Jahrespreisverleihung im Berliner Musikinstrumenten-Museum überreicht.

Krystian Zimerman & Simon Rattle

Johannes Brahms: Klavierkonzert Nr.1
Krystian Zimerman, Berliner Philharmoniker, Simon Rattle. Deutsche Grammophon 477 5413 (Universal)

Brahms’ jugendlich geniale »Symphonie mit Klavier« sprengt mit ihrem Gegensatz von leidenschaftlicher Dramatik und melancholischer Introversion die Dimensionen des klassischen Klavierkonzerts – ein musikalisch produktiver Widerspruch, der selten eine so glückliche Lösung fand wie in der Neuaufnahme durch Krystian Zimerman und Simon Rattle, die sich zu einem wirklich partnerschaftlichen Dialog vereinen. Ihre Wiedergabe besticht durch analytische Transparenz, rhythmische Verve, ausgefeilte Dynamik und subtilste Klangabstufungen und klingt doch wie aus einem Guss: von größter Eindringlichkeit der wuchtige Kopfsatz, poetisch weltverloren das kammermusikalisch aufblühende Adagio, von überschäumendem Schwung das abschließende Rondo.

Die Auszeichnung wurde am 18. November 2006 bei der traditionellen Jahrespreisverleihung im Berliner Musikinstrumenten-Museum überreicht.

Schostakowitsch: Sinfonien / Mariss Jansons

Dmitri Schostakowitsch: Sämtliche Sinfonien. Mariss Jansons, diverse Orchester. 10 CDs, EMI Classics 3 65 300 2

Diese Gesamtaufnahme der Schostakowitsch-Sinfonien, in einem Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten entstanden, dokumentiert eine beherzte wie auch reflektierte Auseinandersetzung mit dem bedeutendsten sinfonischen Zyklus des 20. Jahrhunderts. Zugleich ist sie das wohl gewichtigste diskographische Projekt, dem sich Mariss Jansons bislang gestellt hat. Dass der Dirigent noch Schostakowitsch begegnete und Assistent von Jewgenij Mrawinskij bei den Leningrader Philharmonikern war, verleiht seinen klar strukturierten und emotional stets kontrollierten Interpretationen überdies authentischen Rang. Nicht zuletzt erreicht diese Edition auch durch die acht beteiligten Spitzenorchester internationales Format.

Die Auszeichnung wurde am 18. November 2006 bei der traditionellen Jahrespreisverleihung im Berliner Musikinstrumenten-Museum überreicht.

Carolin Widmann

Reflections I. Werke von Pierre Boulez, Salvatore Sciarrino, Jörg Widmann und Eugène Ysaÿe. Telos Music Records TLS 116 (in-akustik)

Sich »nur« mit einer Geige auf das Podium oder ins Schallplattenstudio zu wagen, verlangt Mut, vor allem natürlich überragendes Können und viel gestalterische Phantasie. All das bringt Carolin Widmann mit. »Reflections I«, ihre Debüt-CD, steht für den Reiz des Neuen und eine überlegte Programmgestaltung. Die Werke von Pierre Boulez, Salvatore Sciarrino und Jörg Widmann bilden einen spannungsreichen Kontrast zu Eugène Ysaÿes »Klassikern« der Sololiteratur. Auf faszinierende Weise wird hier deutlich, dass die Ausdrucksmöglichkeiten der Geige noch nicht ausgeschöpft sind. Erfahrbar ist dies besonders in den sechs Capricci von Sciarrino, die eine neue Dimension des Flageolett-Spiels auf der Violine darstellen.

Die Auszeichnung wurde am 18. November 2006 bei der traditionellen Jahrespreisverleihung im Berliner Musikinstrumenten-Museum überreicht.

Geir Lysne Listening Ensemble

Boahjenásti – The North Star. Werke von Geir Lysne, Johan Sara. ACT 9441-2 (Edel Contraire)

Dass das Ensemble »Listening Ensemble« heißt, hat ein wenig mit dem Namen des Bandleaders zu tun: Lysne wird wie das englische Listener ausgesprochen. Aber im Grunde ist der Name als Programm zu verstehen, als Aufforderung, sich auf die Klangwelt des norwegischen Bandleaders und Komponisten einzulassen und die Bilder, die sich unweigerlich beim Hören einstellen, zuzulassen. Zum dritten Mal gelingt es dem Ensemble, in dem die kreativsten Musiker Norwegens versammelt sind, seine unkonventionelle Synthese aus Archaischem und Experimentellen auf eine neue Ebene zu bringen. Hierbei spielt der aus Lappland stammende Johan Sara eine nicht unwesentliche Rolle. Er ist Spezialist jener samischen Gesangstechnik, die man Yoik nennt und die man irgendwo zwischen dem Jodeln, dem Obertongesang der Tuva und dem Scat des Jazz ansiedeln könnte. Er genießt es, seine Stimme nicht nur solistisch hören zu lassen, sondern setzt sie wie ein Instrument ein, das sich als zusätzliche Klangfarbe in virtuose Bläserpassagen schmiegt. Außergewöhnlich und virtuos auch der durch seine Musik auf Eisinstrumenten bekannte Terje Isungset, der mit seiner Maultrommel der Soloflöte von Tore Brunborg absolut Gleichwertiges entgegensetzen weiß. Wenn es also stimmt, dass Geir Lysne solche Klänge beim Kinderhüten erdacht hat, dann sollten mehr Männer in diesem kreativitätsfördernden Bereich tätig werden!

Die Auszeichnung wurde am 18. November 2006 bei der traditionellen Jahrespreisverleihung im Berliner Musikinstrumenten-Museum überreicht.

Manu Katché

Neighbourhood. Manu Katché, Tomasz Stanko, Jan Garbarek, Marcin Wasilewski und Slawomir Kurkiewicz. ECM 1896 (Universal)

Der französische Trommler Manu Katché, der als Sideman von Leuten wie Peter Gabriel, Joni Mitchell, Pink Floyd, Sting oder den Dire Straits hunderte von Platten eingespielt hat und hohe Anerkennung genießt, hatte keine Eile gehabt mit »Neighbourhood». 15 Jahre brauchte es nach «It’s about time«, seiner ersten CD unter eigenem Namen, bis die Zeit reif war für sein zweites Album. Die Kombination der Musiker, die Katché für dieses Projekt zusammengestellt hat, ist so überraschend und unerwartet wie einleuchtend und überzeugend: der polnische Trompeter Tomasz Stanko, der Pianist Marcin Wasilewski und der Bassist Slawomir Kurkiewicz, allesamt übrigens Mitglieder seines Quartetts, treffen auf den in Hochform spielenden, vitalen norwegischen Saxophonisten Jan Garbarek. Die Chemie der Formation stimmt absolut, sowohl in der Rhythmusgruppe als auch zwischen den Bläsern. Delikat und entspannt gleichermaßen entspinnen sich die sketchartigen Kompositionen Katchés. Sein luzides Schlagwerk drängt sich nie in den Vordergrund. Als französisch-polnisch-norwegische Produktion dokumentiert diese gelungene und interessante CD die musikalischen Qualitäten europäischer Nachbarschaft.

Die Auszeichnung wurde am 18. November 2006 bei der traditionellen Jahrespreisverleihung im Berliner Musikinstrumenten-Museum überreicht.

Billy Bragg

Volume I. 7 CDs & 2 DVDs, Cooking Vinyl BRAGGBOX001 (Indigo)

Der im Londoner East End geborene Bragg war Mitte zwanzig, als er im Eiltempo seine erste LP einspielte. Mit einer kraftvollen Mischung aus purer E-Gitarre und zornigem Gesang im Punk-Stil, aus radikalen politischen Aussagen und ungewöhnlichen Liebesliedern bestritt Billy Bragg in den 80ern hunderte von Konzerten pro Jahr. Ein elektrischer und britischer Woody Guthrie sozusagen. Die üppige Box enthält auf sieben CDs seine vier offiziellen Produktionen von 1983 bis 1990 ebenso wie zahlreiche bislang unveröffentlichte Lieder. Hinzu kommen zwei DVDs mit Konzertmitschnitten aus Ostberlin bis Nicaragua sowie ein Beiheft, in dem viele der immer hörenswerten Texte nachzulesen sind. Diese Edition dokumentiert vorzüglich, sachlich und ohne unnötige Zutaten, wie sich Billy Bragg vom intelligenten und zornigen Punk zum ebenso intelligenten wie vielseitigen Singer/Songwriter entwickelte, ohne seinen musikalischen und politischen – nie jedoch parteipolitischen – Idealen untreu zu werden.

Die Auszeichnung wurde am 18. November 2006 bei der traditionellen Jahrespreisverleihung im Berliner Musikinstrumenten-Museum überreicht.

Rhythm is it!

Berliner Philharmoniker, Simon Rattle, Royston Maldoom u.a. Regie: Thomas Grube, Enrique Sánchez Lansch; Produktion: Thomas Grube, Uwe Dierks, Andrea Thilo. 3 DVDs, Boomtown Media 3DVD01399 (Alive)

Thomas Grube und Enrique Sánchez Lansch dokumentieren in aufregenden Bildern die Begegnung eines weltbekannten Orchesters mit Jugendlichen aus so genannten Problemmilieus. Hauptdarsteller sind Berliner Hauptschüler, die hier zum ersten Mal in ihrem Leben mit klassischer Musik in Berührung kommen und als Tänzer zu den zündenden Rhythmen von Igor Strawinskys »Le sacre du printemps« schrittweise ihre eigenen verschütteten Fähigkeiten kennen lernen. Pädagogische Herkulesarbeit leistet dabei der Choreograf Royston Maldoom, der den Jugendlichen in konfliktreichen Proben den Glauben an sich selbst beibringt. Die umfangreiche Dokumentation stellt diese Prozesse hautnah dar, dämpft andererseits aber auch falsche Erwartungen. Sie stellt klar, dass solche außergewöhnlichen Initiativen zwar einzelne Jugendliche nachhaltig zur Aktivierung ihrer Fähigkeiten bewegen können, dass sie aber nicht zum Reparaturunternehmen für gesellschaftliche Fehlentwicklungen taugen. Darüber hinaus lädt sie ein zur Diskussion der neuen Methoden, mit denen heute hochkulturelle Institutionen ihrer schwindenden sozialen Akzeptanz entgegenzuwirken versuchen.

Die Auszeichnung wurde am 18. November 2006 bei der traditionellen Jahrespreisverleihung im Berliner Musikinstrumenten-Museum überreicht.

Marvi Hämmer

Entdecke die Welt ... and get into English! Volume 1 – 9. Buch und Regie: Volker Präkelt. 9 CDs, Der Hörverlag, verschiedene ISBN

Es muss nicht immer Fernsehen sein: die freche Studioratte Marvi Hämmer, die eifrigen TV-Sehern bestens bekannt sein dürfte – immerhin läuft bereits die zweite Staffel im KiKa und im ZDF – kann auch komplett bildlos überleben, und zwar mit Bravour! Das ist vor allem dem sprachlich virtuosen Stefan Kaminski zu verdanken, der die Ratte so vergnüglich lebendig werden lässt. Man braucht nicht einmal zu bedauern, dass die National Geographic Filme wegfallen. Denn die Augenzeugenberichte, die Marvi präsentiert, beruhen auf National Geographic Reportagen, die behutsam und klug als Hörbericht adaptiert wurden. Das Bestechende an Marvi Hämmer: er »macht Englisch-Unterricht« – und es fällt nicht auf. Das liegt vor allem an seinen Kontakten zu den World Reportern, drei englischsprachigen Freunden, die sich auf Abenteuersuche begeben und von ihren Erlebnissen berichten – natürlich auf Englisch. Und Marvi Hämmer übersetzt unauffällig. Wie von selbst lernen also Englischlern-unwillige Kids Redewendungen und Vokabeln und brauchen dank Marvi Hämmer und seinem geistigen Vater Volker Präkelt ihre wertvolle Energie nicht an Lernproteste zu verschwenden.

Die Auszeichnung wurde am 18. November 2006 bei der traditionellen Jahrespreisverleihung im Berliner Musikinstrumenten-Museum überreicht.

Ror Wolf

Ror Wolf

Gesammelte Fußballhörspiele. 4 CDs, Intermedium records 025 (Rough Trade)

Fußball: Da bestellt man sich lieber gleich ein Bier und schickt das Gehirn auf Urlaub. Mit Kunst hatte das sowieso nie was zu tun. Bis Ror Wolf kam. Zwischen 1973 und 1979 baute der Pionier des literarischen Kicks aus Zehntausenden von Tonbandschnipseln, Reportagen, Plattitüden und Versprechern seine legendären Fußball-Hörspiele. Rasanter als jede Partie, kurioser als jede Satire, aufschlussreicher als jede Analyse. Das Spiegelbild einer globalen Leidenschaft. Wolf lässt Reporter, Kiebitze und Hysteriker zu Wort kommen. Auch 25 Jahre später eine tränentreibende Erleuchtung, gerade bei »Cordoba, Juni 13 Uhr 45«. Eine emphatische Auseinandersetzung mit dem Fußball. Ein Meisterwerk der Radiokunst.

Die Auszeichnung wurde am 18. November 2006 bei der traditionellen Jahrespreisverleihung im Berliner Musikinstrumenten-Museum überreicht.

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