Jahrespreise

Einmal jährlich trifft sich der Jahresausschuss des PdSK e.V., um zehn Jahrespreise für die besten Produktionen des zurückliegenden Jahres zu bestimmen. Im Jahresausschuss arbeiten zehn Jurorinnen und Juroren aus verschiedenen Fachjurys zusammen. Die Besetzung des Jahresausschusses rotiert. Die Nominierungen für evtl. Jahrespreise obliegen der Gesamtheit aller Jurorinnen und Juroren. Jahrespreise werden im Rahmen öffentlicher Konzertauftritte oder Literaturlesungen (im Bereich Wortkunst) an die Preisträger verliehen.

Die Longlists sind ab 2014 direkt bei jedem Preisträgerjahrgang hinterlegt.

Jahrespreise

Christophe Rousset

Jean-Baptiste Lully: Phaéton. Emiliano Gonzalez Toro, Ingrid Perruche, Isabelle Druet u.a., Chœur de Chambre de Namur, Les Talens Lyriques, Christophe Rousset. 2 CDs, Aparté AP061 (harmonia mundi)

Kein Großmeister der Oper ist zurzeit unbeliebter als Jean-Baptiste Lully. Die Theater scheuen seine Werke wie der Teufel das Weihwasser. Umso erfreulicher die Wiederentdeckung seiner Bühnenwerke durch Christophe Rousset und Les Talens Lyriques. Ein saftig sprühendes Klangbild, explosive Frische und die durchweg idiomatische Besetzung (etwa mit mehreren Haute- contres, einer spezifisch französischen Spielart des hohen Tenors) machen den zu Unrecht für steif und pomphaft-zeremoniös gehaltenen »Phaéton« quicklebendig. So wird fern eines auf Stars setzenden Glamourwesens, wie es große Labels gern betreiben, ein neuer Weg beschritten, den Rousset und sein Ensemble mit »Amadis« glücklich weiterverfolgt haben. Für den Jahresausschuss: Kai Luehrs-Kaiser

Der Jahrespreis wurde im Rahmen eines Konzerts der NDR-Reihe »Das Alte Werk« in der Hamburger Laeiszhalle am 3. November 2015 überreicht.

Tianwa Yang

Pablo de Sarasate: Musik für Violine & Klavier Vol. 1-4. Spanish Dances; Concert Fantasies; Bolero u.a.; Transkriptionen & Arrangements. Tianwa Yang, Markus Hadulla. Naxos 8.557767, 8.570192, 8.570893, 8.572709

Tianwa Yang mit Sarasate zu hören, ist pure Freude. Mit dieser ersten Aufnahme sämtlicher Werke von Pablo de Sarasate setzt sie Maßstäbe. Die Edition wirft ein neues Licht auch auf das unbekannte Schaffen des legendären spanischen Geiger-Komponisten, der mit größter Raffinesse Elemente der spanischen Folklore auf die Violine übertrug. Mit phantastischer Virtuosität und spielerischer Leichtigkeit meistert Tianwa Yang jede technische Herausforderung. Höchst bewundernswert die perlende Geläufigkeit und Treffsicherheit bis in die höchsten Lagen, das glockenreine Spiel in Terzen, die präzisen Pizzikati der linken Hand, die schwerelosen Flageoletts. Letztlich sind es vor allem aber die natürliche Musikalität der jungen Virtuosin, ihr Temperament und sicheres Gefühl für das spanische Kolorit, die diese Sarasate-Lesart zum Erlebnis werden lassen. Für den Jahresausschuss: Norbert Hornig

Der Jahrespreis wurde im Rahmen der Weilburger Schlosskonzerte 31. Mai 2015 verliehen.

Trio Zimmermann

Ludwig van Beethoven: Streichtrio Es-Dur op. 3; Serenade D-Dur op. 8. Trio Zimmermann. BIS-Records 2087 SACD (Klassik Center)

Vor sieben Jahren tat sich der brillante Geiger Frank Peter Zimmermann mit dem Weltklassebratscher Antoine Tamestit und dem Supercellisten Christian Poltéra zum Trio zusammen, um Schubert und Mozart zu spielen. So weit, so prächtig. Solche Sternstunden muss man eigentlich sofort vergolden, sie sind flüchtig. Weil die Literatur für diese heikle Besetzung überschaubar ist, gab und gibt es (außer dem Grumiaux-Trio) kaum je feste Streich-Trio- Ensembles. Das Trio Zimmermann aber blieb zusammen – oder vielmehr, es traf sich wieder und wieder, und auch dieses, ihr drittes Album, das eine Lanze bricht für die vernachlässigten frühen Beethoventrios, ist der pure Glücksfall. An Geistesgegenwart, Finesse, Lässigkeit, Virtuosität, Perfektion und Tiefe ist das Spiel dieser drei nicht zu überbieten. Kurzum: Noch nie gab es eine Formation, so gut wie diese. Für den Jahresausschuss: Eleonore Büning

Der Jahrespreis wurde dem Trio Zimmermann am 17. November 2015 von PdSK-Juror Ludolf Baucke im Schloßtheater Celle überreicht.

Igor Levit

Ludwig van Beethoven: The Late Piano Sonatas. Klaviersonaten op. 101, 106, 109, 110 & 111. Igor Levit. 2 CDs, Sony 8883703872

Die fünf letzten Klaviersonaten Ludwig van Beethovens sind kosmische Galaxien voll unergründlicher Tiefen. Mit dieser Neueinspielung lieferte der erst fünfundzwanzigjährige Pianist Igor Levit sein Plattendebut. Der zur Meisterschaft gereifte junge Künstler fasziniert durch hellsichtige Musikalität und eine superbe Gestaltungskunst. Souverän gegenüber allen spieltechnischen Herausforderungen, spannt sein Vortrag einen riesigen Bogen, von innigsten Empfindungen bis hin zu leidenschaftlichsten Eruptionen. Sein gesangliches Spiel ist bekenntnishaft. Es bewegt und wirkt lange nach – bis hin zu den Schlusstakten der Arietta- Variationen, die im ganz und gar nicht strahlenden C-Dur erlöschen. Levit knüpft mit diesem Wurf an den legendären Geniestreich Artur Schnabels im letzten Jahrhundert an und setzt zugleich einen aktuellen Meilenstein der Beethoven-Interpretation im 21. Jahrhundert. Für den Jahresausschuss: Ludolf Baucke

Der Jahrespreis wurde am 4. Juli 2015 in der Philharmonie Essen verliehen.

Huelgas Ensemble, Paul van Nevel

Claude Le Jeune: Die Schätze des Claude Le Jeune. Huelgas Ensemble, Paul van Nevel. Deutsche Harmonia Mundi DHM 88843022442 (Sony)

Längst würde Claude Le Jeune neben Orlando di Lasso als der bedeutendste Komponist seiner Generation gelten, wäre er nicht als Protestant geboren worden. So aber eröffneten sich diesem Meister aus der Hugenotten-Hochburg Valenciennes weit weniger Wirkungsmöglichkeiten als seinem Landsmann aus dem nur dreißig Kilometer entfernten Mons. Für einen kräftigen Schub ausgleichender Gerechtigkeit sorgte nun Paul van Nevel mit seinem formidablen Huelgas Ensemble. Sie griffen in die Schatzkiste mit Le Jeunes musikalischem Vermächtnis, als die sein 1585 erschienenes »Livre des melanges« gelten kann, und beförderten eine Vielfalt kompositorischer Meisterstücke ans Tageslicht: Prächtige Motetten stehen neben aufregend chromatisierten Chansons, und selbst den Ton von di Lassos Spezialgebiet, der ländlich-deftigen Villanella, weiß Le Jeune punktgenau zu treffen. Das Huelgas Ensemble bringt die Stilvielfalt mit kongenialer Sicherheit, klanglicher Poesie und feinsinnigster Textausdeutung zum Klingen, zum Leuchten, zum Leben. Für den Jahresausschuss: Carsten Niemann

Georges Aperghis

Wölfli-Kantata. Neue Vocalsolisten Stuttgart, SWR Vokalensemble Stuttgart, Marcus Creed. Cypres CYP 5625 (Note 1)

Vom ersten Ton an, der wie ein Tropfen von der Decke fällt, erliegt man der Faszination dieser außergewöhnlichen Vokalmusik. Für Georges Aperghis verschränken sich Stimme und Sprache zu einer ganz neuen Art menschlicher Lautäußerung – ein vielstimmiges Esperanto, das auf die Bilder, Zeichnungen, Collagen und Texte des schizophrenen Künstlers Adolf Wölfli unmittelbar reagiert. Pure Affekte werden hörbar in dieser fünfsätzigen »Wölfli-Kantata«, in fließenden Übergängen von polyphonem Parlando, säulenartig still stehenden Ostinati, steil aufspringenden Melodieformeln, rhythmischer Lautmalerei, klagenden Glissandi und vielen anderen Techniken. So breitet die Musik, wie es in Worten nicht fassbar wäre, der Menschheit ganzen Jammer aus. Zwei der besten Chöre Deutschlands haben sich zusammengetan, um dieses virtuose Werk zum Klingen zu bringen, Marcus Creed führt sie zu beispielhafter Vollendung: non plus ultra. Für den Jahresausschuss: Eleonore Büning

Die Verleihung des Jahrespreises fand im Rahmen des Festivals Eclat am 6. Februar 2015 im Theaterhaus Stuttgart statt.

Sound of Heimat

Deutschland singt! Ein Film von Arne Birkenstock & Jan Tengeler. Hayden Chisholm, Antistadl, Bobo, Rainer Prüß, Rudi Vodel u.a. DVD, Tradewind Pictures / RealFiction 979248 (Indigo)

Vom Allgäu bis zur Flensburger Förde, von Köln bis ins Vogtland reiste der musikalische Weltbürger (und Saxophonist) Hayden Chisholm auf der Spur der deutschen Folklore. Dabei entdeckte er eine vitale Vielfalt von Liedern und Tänzen. Statt abgedroschenem Musikantenstadl- Sound gerät plötzlich kölscher HipHop in den Fokus oder vom Bamberger Antistadl rockig gewürzte Volxmusik, von der Sängerin Bobo perfekt mit Jazz gemischte romantische Kunstlieder, ein Jodelkurs oder erzgebirgische Lieder, die der Bandoneonspieler Rudi Vodel über DDR- Drangsale gerettet hatte. Lukullisch gefilmt, beispielhaft dokumentiert und geprägt von einfühlsamer Herzlichkeit, präsentiert sich »Sound of Heimat« in zwanzig Stationen als ein Lebenselixier. Die durch den Nationalsozialismus deformierte Tradition wird dabei nicht ausgeklammert – mitten in all seiner rhythmischen Farbigkeit erinnert der Film in einer Schwarzweiß-Sequenz an die Musik im KZ Buchenwald. Dennoch: »Die Gedanken sind frei.« Für den Jahresausschuss: Ludolf Baucke

Elliott Sharp’s Terraplane

4am Always. yellowbird yeb-7743 (Soulfood)

Der New Yorker Elliott Sharp siedelt seine neue Produktion »4am Always« um vier Uhr morgens an, zu einer Tageszeit, in der »dunkle Gedanken« durchs Gemüt und »Linien kalten Schweißes über die Stirn« ziehen – »der ganze verdammte Zustand der Welt, die kosmischen und irdischen Bedrohungen, Unglück real oder eingebildet, die Liebe vergrübelt«: typische Blues-Depressionen, auf denen aber Musik gut gedeiht. Dies weist der vierundsechzigjährige Künstler auf dieser CD grandios nach. Beim frühen Folk Blues bedient er sich, nicht zum ersten Mal, mit Sängerin, Bass, Schlagzeug und seinen eigenen mehr als zehn verschiedenen Gitarrentypen. Mit Playback- Überlagerungen, Gitarren-Licks von den Baumwollfeldern bis hin zu Jimi Hendrix, düsteren Klangverfremdungen der eigenen Stimme und giftigen Dämpfen aus dem Elektronik-Kochtopf ist ein beispielloses, eben doch tröstliches Fanal für den Blues entstanden. Für den Jahresausschuss: Ulrich Olshausen

Elliott Sharp nahm den Jahrespreis am 7. Mai 2015 in Berlin entgegen.

Trümmer

PIAS Germany 5414 939715822 (Rough Trade)

Ausgerechnet im Atemlos-Sommer 2014 glückt dem Trio Trümmer mit seinem Debüt ein Volltreffer aus der jüngeren deutschen Rockschleuder. Ja, dieser große Wurf könnte eine Art »Neue Hamburger Schule« begründen. Die Musik der Band ist nicht neu, aber herzzerreißend frech, nur nie einfach so hingerotzt. Trümmer beherrschen die große Geste des Brit-Pop der neunziger Jahre, dabei sind sie näher bei Oasis als bei Blur. Sie rühren an die Wurzeln des Punkrock (»Der Saboteur«), neben der Saat der Ramones ist hier auch die von The Smiths und Joy Division aufgegangen (»Wo ist die Euphorie«), und außerdem standen deutsche Helden wie Rio Reiser, Blumfeld oder Die Sterne Pate. Die No-Future-Attitüde von Trümmer ist um die Erkenntnis gereift, selbst Teil des Systems zu sein. Auch deshalb wird dieses erste Album nicht nur von Mädchen und Jungen bis Ende Zwanzig verstanden. Eine generationenübergreifende deutsche Band, die lyrisch und musikalisch überzeugt? Das ist ein großes Verdienst! Für den Jahresausschuss: Torsten Fuchs

Der Jahrespreis wurde im Rahmen der Verleihung des Hamburger Musikpreises HANS am 26. November 2014 verliehen.

Elbow

The Take Off And Landing Of Everything. Fiction 375 4767 (Universal)

Mit ihrem sechsten Studioalbum seit 1997 liefert die Band aus Manchester ein vielschichtiges Spätwerk ab, das mit jedem Hören neue Details offenbart. Diese zehn hochgradig melodiösen und dramatischen Songs spannen den Bogen von einer Gitarreneröffnung à la Pink Floyd in dem wie in Zeitlupe geträumten »This Blue World« über einen mit Streichern aufgeladenen Titel (»Charge«) und hymnische Höhenflüge wie »Real Life (Angel)« bis zu dem mit elektronischem Gedröhn und Klimbim oszillierenden Titelsong. Saxophon (»Fly Boy Blue / Lunette«) oder Trompete (»My Sad Captains«) bringen zusätzliche Klangfarben ins Spiel. Eine makellose Produktion lässt alle Klangkonturen aufleben, Bassist Pete Turner legt schwerelos anmutende Fundamente. Vor allem aber prägt die melancholische Stimme von Guy Garvey dieses Album, das mit jedem Song ein bisschen mehr abhebt, um am Ende wieder auf sicherem Terrain zu landen. Auch Garveys Texte sind eine Klasse für sich. Wenn es 2014 nur eine einzige Rock-Produktion auf der einsamen Insel geben dürfte: Diese müsste es sein. Für den Jahresausschuss: Manfred Gillig-Degrave

Deeyah

presents: Iranian Woman. Heilo HCD7269 (Galileo)

Was für eine glänzende Idee: Fuuse Mousiqi, ein von der norwegisch-pakistanischen Filmemacherin, Musikproduzentin und politischen Aktivistin Deeyah ins Leben gerufenes Projekt, lässt für das Album »Iranian Woman« alle jene, die in ihrem Land keine Stimme haben, nun weit draußen, in Norwegen, einzeln aus einem imaginären Chor hervortreten und ausrufen: Wir sind noch da, die großen weiblichen Stimmen des Iran. Mahsa Vahdat, Yasna, Parissa, Naghmeh Gholami und viele andere – eben die »Iranische Frau«, die sich mit ihrer Kunst hier in berückender melodischer Schönheit zeigt. Am Ende der Liederreihe steht das uralte Bild des Schmetterlings, der vom Licht nicht lassen kann. Die Kompilation hervorragend produzierter Aufnahmen bietet einen repräsentativen Stand zeitgenössischer iranischer Musik und übermittelt ohne politisches Pathos eine wichtige Botschaft. Für den Jahresausschuss: Jan Reichow

Lisbeth Exner & Herbert Kapfer

Verborgene Chronik 1914. Gelesen von Meike Droste und Wolfgang Condrus, Regie: Ulrich Gerhardt. 6 CDs, der Hörverlag ISBN 978-3-8445-1571-8

In der Fülle der Publikationen zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs besticht dieses als Buch wie auch als Hörbuch auf drei Teile angelegte Projekt: Insbesondere in der akustischen Fassung gelingt es, die »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« eindringlich zu vergegenwärtigen – mit Auszügen aus 37 bislang nicht veröffentlichten und von ihrem Ursprung her auch nicht zur Veröffentlichung bestimmten Tagebüchern unbekannter Menschen, die dank der Recherche der Herausgeber im Begleitheft eine Biographie erhalten. Ausgewählt wurden die Texte aus annähernd 200 Dokumenten, die den Weg in das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen gefunden haben. Chronologisch geordnet, mit wechselnden Schauplätzen und Perspektiven, fügen sie sich zu einer literarischen Collage, die sich zu einem Gesamtbild des ersten halben Kriegsjahres weitet, einem unzensierten Zeugnis kollektiver Erinnerung. Dabei verzichtet die Regie auf künstliche Dramatisierung. Man meint, den Soldaten, Offizieren, Ärzten und Krankenschwestern, aber auch den daheimgebliebenen Verwandten zuzuhören, wie sie ihre privatesten Ansichten äußern, ihre Hochgefühle und Zweifel; man wird Zeuge, wie die patriotische Verblendung und anfängliche Kriegseuphorie bald in Desillusionierung umschlägt. »Verborgene Chronik 1914« ist beste Geschichtsschreibung von unten. Sie erweitert den Blick über das vermeintlich bereits Gewusste hinaus und justiert es neu. Für den Jahresausschuss: Wolfgang Schiffer

Der Jahrespreis wurde im Rahmen der Leipziger Buchmesse am 13. März 2015 in in der Alten Handelsbörse verliehen.

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