Jahrespreise

Einmal jährlich trifft sich der Jahresausschuss des PdSK e.V., um zehn Jahrespreise für die besten Produktionen des zurückliegenden Jahres zu bestimmen. Im Jahresausschuss arbeiten zehn Jurorinnen und Juroren aus verschiedenen Fachjurys zusammen. Die Besetzung des Jahresausschusses rotiert. Die Nominierungen für evtl. Jahrespreise obliegen der Gesamtheit aller Jurorinnen und Juroren. Jahrespreise werden im Rahmen öffentlicher Konzertauftritte oder Literaturlesungen (im Bereich Wortkunst) an die Preisträger verliehen.

Die Longlists sind ab 2014 direkt bei jedem Preisträgerjahrgang hinterlegt.

Jahrespreise

Anna Lucia Richter, Bamberger Symphoniker, Jakub Hrůša

Gustav Mahler: Symphonie Nr. 4 G-Dur. Anna Lucia Richter, Bamberger Symphoniker, Jakub Hrůša. accentus music ACC30532 (Naxos)

Das Datum dieser feinen Einspielung, die alle Erwartungen übertrifft: Juli 2020. Der erste Corona-Lockdown war vorbei, in Bamberg kamen die Symphoniker zusammen, um sich – durchaus auch als therapeutische Maßnahme zur Wiederherstellung der Orchestermoral – unter ihrem charismatischen Chef Jakub Hrůša dieser wohl beliebtesten der Mahler-Symphonien zur widmen. Die Bamberger sind aufgrund ihrer ex-böhmischen Spieltradition ein sehr besonderes Mahler-Orchester, Hrůša ist Tscheche. Man erlebt hochintelligentes, könnerisch gewitztes Musizieren aus einem Guss. Da wird sofort reagiert, instrumental Optimales variantenreich angeboten. Hrůša formt und schwelgt, hört aber zugleich das Doppelbödige hinter der Schönheit und Innigkeit heraus, wagt auch das Sarkastische, Zartgrelle. Mit ihrer mädchenhaften, wissend hintergründigen Sopranstimme fügt sich Anna Lucia Richter herrlich in den vierten Satz. Wahrlich, himmlische Freuden, auch wenn draußen nicht der Metzger Herodes, nur ein gewisses Virus wartet. Für den Jahresausschuss: Manuel Brug

Florian Uhlig

Robert Schumann: Sämtliche Werke für Klavier Solo. Florian Uhlig. Vol.1-14, 2010 bis 2019. Vol. 15, 2021 Hänssler Classic HC 17041, 2021 (Profil Medien)

Schumann, der verhinderte Pianist, hat ein Klavierwerk erschaffen, in dem Hochvirtuoses neben Experimentellem steht, Kontrapunktik neben fantastisch freien Formen, Aphoristisches neben Literatur für den Unterricht. Vieles davon hat er mehrfach überarbeitet. Gespielt werden aber meist nur die letztveröffentlichten Druckfassungen, auch wenn sie nicht unbedingt immer die beste Version darstellen. Dass sich das endlich ändern kann, dafür sorgt jetzt der Pianist Florian Uhlig mit der Vollendung der ersten vollständigen, kritischen Gesamteinspielung aller Schumannschen Solo-Klavierstücke. Eine spektakuläre Edition! Hier sind, wie in einer Wunderkammer, thematisch sortiert, auf nunmehr 15 CDs, sämtliche Fassungen zu entdecken, auch Ungedrucktes, Skizzen, verworfene Sätze – dargeboten mit einer ausgefeilten pianistischen Poesie, die Schumann gefallen hätte. Vor zehn Jahren, als Vol. 1 herauskam, rühmte unser Juror Peter Cossé: Uhlig sei ein Interpret, der »Form und Tiefe« verbinde, eine »makellose Technik mit Feuer und Waghalsigkeit«. Stimmt immer noch. Für den Jahresausschuss: Eleonore Büning

Georg Nigl, Olga Pashchenko

»Vanitas« – Lieder von Franz Schubert, Ludwig van Beethoven und Wolfgang Rihm. Georg Nigl, Olga Pashchenko. Alpha Classics ALPHA 646 (Note 1)

Ein kleiner Raum, die Getreuen überall auf den Sitzmöbeln verteilt – und inmitten der Komponist, der einen seiner Freunde am Fortepiano begleitet. So erklangen sie einst und erstmals, die Lieder von Franz Schubert. Mutmaßlich sottovoce, ohne Theatralik, ohne Dozieren. Und genauso singt Georg Nigl diese Werke. Technisch klug kontrolliert und doch so frei, als seien sie ihm gerade erst zugeflogen. Vieles schwingt dabei mit, das gilt auch für Beethovens »An die ferne Geliebte«: ein Gesang zwischen Orpheus und den hypnotischen Lockungen des Erlkönigs. Eine bessere, ihr überlegenes Wissen nie ausstellende Partnerin als Olga Pashchenko lässt sich dafür nicht denken. Beethoven und Schubert begleitet sie am Hammerflügel, für Wolfgang Rihms Endzeit-Zyklus »Vermischter Traum«, der Nigl gewidmet ist, wechselt sie an den Steinway. Auch hier: eine Innenschau, die Liedgesang neu denkt – radikal intim und maximal traditionsbewusst. Für den Jahresausschuss: Markus Thiel

Christophe Bertrand: »Vertigo«

Sämtliche Instrumentalwerke. Zafraan Ensemble, KNM Berlin, WDR Sinfonieorchester, GrauSchumacher Piano Duo u.a., Premil Petrović, Victor Aviat, Brad Lubman, Peter Rundel, Baldur Brönnimann, Emilio Pomàrico. 3 CDs, bastille musique bm014 (rudi mentaire distribution)

Auf einschlägigen Festivals oder in Konzerthäusern mit klugen Dramaturgen konnte man der Musik des jungen französischen Komponisten Christophe Bertrand um die Jahrtausendwende herum schon ab und zu begegnen. Eine Musik, die sofort ins Hirn, Herz und Blut geht. Alles rast, strömt, reißt mit. Glanzvoll und komplex – dennoch herrscht nie leere Virtuosität. Verdichtet, beschleunigt, klar konstruiert – dabei von höchster Sinnlichkeit. »Von diesem Komponisten wird man noch hören«, prophezeite 2005 die Neue Zürcher Zeitung, nachdem »Mana« durch Pierre Boulez in Luzern uraufgeführt worden war. Bertrand hat aber nur rund dreißig Werke hinterlassen, er nahm sich 2010 das Leben. Jetzt liegt erstmals sein gesamtes Instrumentalschaffen auf Tonträger vor, zweiundzwanzig Stücke in exemplarischen Besetzungen, mit herausragenden Solisten – ein beredtes Zeugnis dafür, was für ein Ausnahmekünstler Bertrand war. Diese Box setzt ihn wieder auf die Tagesordnung. Für den Jahresausschuss: Jörn Florian Fuchs

Yola

Stand For Myself.
CD/LP, Easy Eye Sound 00888072240537 (Universal)

So eine Stimme erlebt man selten. Portishead mag ihre reale wie musikalische Heimat sein. Den »Sound of Bristol« und Massive Attack aber bespielte die afrobritische Sängerin Yolanda Quartey alias Yola nur vorübergehend. Statt sich an die Fersen des Trip-Hop zu heften, hat sie ihr Werkzeug als Songschreiberin, ihre Erfahrungen im Musicbiz, vor allem aber ihre Prachtstimme in den Koffer nach Übersee gepackt und in Nashville einen Hafen gefunden. Nach dem Debütalbum »Walk Through Fire« von 2019, aus dem Studio von Dan Auerbach, fasziniert Yola jetzt mit ihrer eigenen Handschrift: »Stand For Myself« ist ein Bekenntnis zu ihrer Stimme, ihrer Weiblichkeit, ihrer Herkunft. Es führt die Frau, die in ärmsten Verhältnissen aufwuchs, auf eine Linie mit weiblichen Soul-Ikonen wie Aretha Franklyn, Billie Holiday oder Amy Winehouse. Ihr Herz oszilliert zwischen Soul, Pop, Country-Folk und Gospel. Aus der Ferne weht Motown. Süffig-frische Songs. Kraftvoll. Berauschend. Für den Jahresausschuss: Isabel Steppeler

Sebastian Krämer

Liebeslieder an deine Tante.
Reptiphon 4250137238395 (Broken Silence)

Diese Liebeslieder sind gewohnt ungewöhnlich, sie leben von Verfremdungen und Überraschungen. Der Humor: entrückt, skurril, trocken, manchmal beißend. Sebastian Krämer hat aber auch eine andere Seite. Dann werden seine Lieder zärtlich-liebevoll, sehnsüchtig und melancholisch. Der Chansonnier und Wahl-Berliner hat sich nicht lumpen lassen und musikalisch ordentlich aufgetischt: Mit dabei sind sowohl das Ensemble Sonnenunter-Gang, als auch das Quartett Bowhéme Berlin. Thematisch greift er wieder auf (fiktive) Verwandtschaft zurück, singt begeistert von der befreundeten Tante, aber auch von der ungeliebten Schwester, und seine (reale) Tochter singt in »Frau Zielinski und der Finsterling« über ihre depressive Lehrerin, die nicht wieder zurück in den Dienst kommt. Dem »größten Kleinkünstler Deutschlands«, wie Sebastian Krämer einst so schön genannt wurde, ist mit diesem vielschichtigen und unterhaltsamen Album in jedem Fall ein großer Wurf gelungen. Für den Jahresausschuss: Matthias Wegner

Chris Eckman

Where the Spirit Rests.
CD/LP, Glitterhouse GRCD 1032/GRLP 1032 (Indigo)

Chris Eckman hatte schon reichlich Banderfahrung, etwa mit The Walkabouts und Dirtmusic, als Chris & Carla oder auch in diversen anderen, oft sehr innovativen Kooperationen. Bei seinem fünften Soloalbum setzt er nun konsequent auf Innerlichkeit. In konzentrierten, lyrisch fein abgewogenen Songs reflektiert er die Zeiten der Dunkelheit und Isolation, der Orientierungslosigkeit und Suche. Nicht alle Songs sind der Pandemie geschuldet, wurden gleichwohl durch sie erinnert und auf diesem durchgängig dunkel-melancholisch gestimmten Album kondensiert, Erdung und zugleich Verunsicherung anbietend, Seite an Seite: »Ein innerer Dialog zwischen einer Person und ihrer Außenwelt«, so sagt es Eckman selbst. In selten gewordenen Intensität, trostvoll, so fügen sich seine Songs zum Gesamtkunstwerk, getragen vom Duktus dieser ruhigen, rauchig gefärbten Stimme: ein Folk-, Gospel- und Pedalsteel-Universum. Für den Jahresausschuss: Christine Heise

Kelly Lee Owens

Inner Song.
Smalltown Supersound STS 372 (Cargo)

Dieses Album ist ein kleines Wunder! Der walisischen Musikerin Kelly Lee Owens glückte mit »Inner Song«, was oft behauptet und kaum je eingelöst wurde: eine persönliche Geschichte zu erzählen in der Sprache elektronischer Musik. Elektronische Tanzmusik ist ja eigentlich ein funktioneller Sound, den Maßgaben der Tanzfläche angepasst, und experimentelle Elektronik kümmert sich eher darum, den Maschinen etwas Unerhörtes zu entlocken. Owens nimmt nun all diese Elemente und formt aus ihnen zehn Stücke, die auch mal von physischer Überwältigung in schweren Klängen erzählen, jedoch meist Gefühlsskizzen sind: kleine Etüden über Einsamkeit, Schmerz und das Verloren-Sein. Wären es im wörtlichen Sinne »Songs«, würden sie vielleicht davon erzählen, wie Konflikte gelöst, wie sie »geheilt« werden. Weil sie sich in Formen elektronischer Sounds bewegen und weil die ewige Wiederholung gleicher Sequenzen das Geheimnis dieser Musik ist, kann Owens schon durch den Lauf der Akkordfolgen eine Tür in die innere Welt öffnen. Für den Jahresausschuss: Tobias Rapp

Angel Bat Dawid & Tha Brothahood

LIVE.
CD/2LP, International Anthem Recording Company IMRC0037 (Indigo)

Als die amerikanische Klarinettistin, Keyboarderin und Sängerin Angel Bat Dawid vor drei Jahren ihr Debüt-Album »The Oracle« vorlegte, rannte sie damit offene Türen in der Jazzwelt ein. Aufgenommen hatte sie es interessanterweise nur mit einem Smartphone, zudem hatte sie sämtliche Instrumente selbst eingespielt. Wenige Monate später gastierte Dawid mit ihrem Repertoire beim Jazzfest in Berlin, sie brachte diesmal allerdings ihre Band Tha Brothahood mit. Schon im Vorfeld des Konzertes hatte es einigen Ärger gegeben, den die Musikerin auf künstlerische Weise kanalisierte. Ihr Berliner Auftritt war geprägt von Schmerz und Wut, aber auch von Protest und Ermahnung, Angel Bat Dawid nahm ihr Publikum mit auf eine einmalig kraftvolle, spirituelle Reise mit hypnotischen Grooves, ausgedehnten Vokalparts und einem stark performativen Gestus. Zum Glück wurde dieses Live-Erlebnis festgehalten und dokumentiert! Für den Jahresausschuss: Matthias Wegner

Saša Stanišić

Hey, hey, hey, Taxi!
Autorenlesung. Mairisch Verlag ISBN 978-3-948722-06-7

In seinen wundervollen Taxigeschichten löst Saša Stanišić die Grenze zwischen Alltag und einladender Traumwelt auf. Ein Glücksfall! Er schreibt für die Jugend ebenso präzis und farbenreich wie in seinen Büchern für ein älteres Publikum. Auch ist die Form der Episoden vielgestaltig. Mal dehnt er den heimeligen, geschützten Raum der Taxifahrt in der Erzählzeit, mal verwandelt sich der Chauffeur und mal gar das Taxi selbst. Jedes dieser Miniaturabenteuer ist eine Einladung, es dem Erzähler gleichzutun, Fantasie und Sprache sprudeln zu lassen, um gleich darauf von Lachen geschüttelt oder im Herzen angerührt zurückzukehren dorthin, wo es am schönsten ist: »Zurück zu Dir.« Die Hörbuchfassung profitiert von der Doppelbegabung des Autors und Sprechers, sie ist auch technisch hervorragend gemacht. Jeder Mensch steigt gern mit ein, wenn Saša Stanišić »Hey, hey, hey Taxi!« ruft – egal ob 5 oder 55 Jahre alt. Für den Jahresausschuss: Julia Kaiser

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