Bestenlisten

Mit einem Platz auf der Bestenliste werden vierteljährlich die besten und interessantesten Neuveröffentlichungen der vorangegangenen drei Monate ausgezeichnet. Bewertungskriterien sind künstlerische Qualität, Repertoirewert, Präsentation und Klangqualität.

Die Longlists sind ab 2014 direkt bei jeder Bestenliste hinterlegt.

Bestenlisten

Orchestermusik und Konzerte

Johannes Brahms: Symphonien Nr. 1-4

Wiener Symphoniker, Philippe Jordan. 4 CDs, Wiener Symphoniker WSO21 (Edel)

Es gibt wahrlich keinen Mangel an Einspielungen der vier Brahms-Symphonien. Doch diese jüngste, entstanden in Philippe Jordans letzter Saison als Chefdirigent der Wiener Symphoniker, überzeugt rundum. Die »Brahms-Heimstatt« – der Wiener Musikvereinssaal – erweist sich als idealer Aufnahmeort. Das für Brahms so wichtige »innere Singen«, wie Jordan es nennt, wird zur konstituierenden, strukturellen und klanglichen Richtschnur seiner Interpretation. Neben Sinnlichkeit und Süße sind straffe Tempi, Detailgenauigkeit und ein federnd transparentes Musizieren die Charakteristika dieser Aufnahmen. Der melancholische Brahms ist ebenso hautnah zu erleben wie der dramatische. Für die Jury: Peter Stieber

Orchestermusik und Konzerte

Transitions

Nikolai Kapustin: Cellokonzert Nr. 1 op.85; Alfred Schnittke: Cellokonzert Nr. 1. Eckart Runge, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Frank Strobel. Capriccio C5362 (Naxos)

Im ersten Cellokonzert von Nikolai Kapustin, der im Juli 2020 verstarb, verbinden sich Symphonik, Kammermusik und Jazz auf inspirierende Weise. Kapustin vertraute dem Solisten Eckart Runge die Noten des Werkes an, es erscheint hier als Ersteinspielung. Nicht weniger fasziniert die polystilistische Klangwelt von Alfred Schnittke, der mit seinem ersten Cellokonzert ein Meisterwerk schuf, das heute zum Standardrepertoire gehört. Runge, langjähriger Cellist des Artemis Quartetts, ist in beiden Ausdruckswelten stilsicher zu Hause: Locker und mit leichter Hand bei Kapustin; bei Schnittke mit einer Intensität, die unter die Haut geht. Und allemal ist klar: Hier geht es um Existentielles. Für die Jury: Norbert Hornig

Kammermusik

Paris – Moscou: Trio Goldberg

Sergej Tanejew: Streichtrio h-moll; Jean Françaix: Streichtrio; Joseph Haydn: Streichtrio op.53 Nr.1; Zoltán Kodály: Intermezzo; Franz Schubert: Streichtriosatz D 471; Hans Krása: Tanz; George Enescu: Aubade. Trio Goldberg. SACD, Ars Produktion ARS 38 309 (Note 1)

Auf seiner musikalischen Reiseroute von Paris nach Moskau macht das in Monaco beheimatete Trio Goldberg unter anderem Station bei Jean Françaix, Hans Krása, George Enescu und Sergei Tanejew. Das Schöne dabei ist nicht nur die exzellente Auswahl auch weniger bekannter Streichtrios, sondern die dramaturgische Anordnung der Werke: Man könnte meinen, sie gingen – trotz größerem zeitlichen Abstand ihrer Entstehung – quasi nahtlos auseinander hervor. Musiziert wird auf höchstem Niveau, in makellos kultiviertem Zusammenklang. Höchst lebendig werden die Charakteristika der einzelnen nationalen Klangsprachen realisiert. Mehr Kurzweil geht nicht. Für die Jury: Lotte Thaler

Kammermusik

Vienne 1900

Erich Wolfgang Korngold: Klaviertrio op.1; Alexander von Zemlinsky: Klarinettentrio d-moll op.3; Gustav Mahler: »Rheinlegendchen«, »Oft denk ich, sie sind nur ausgegangen«; Alban Berg: Klaviersonate h-moll op.1, Vier Stücke für Klarinette und Klavier op.5, Adagio aus dem Kammerkonzert; Arnold Schönberg: Kammersymphonie Nr.1 op.9. Emmanuel Pahud, Paul Meyer, Daishin Kashimoto, Zvi Plesser, Éric Le Sage. 2 CDs, Alpha Classics ALPHA 588 (Note 1)

Einen Soundtrack zur Pandemie dieser Tage zu benennen, verbietet sich aus vielerlei Gründen. Und doch lauscht man dieser erweiterten Wiener Schule mit aktuellster Faszination. Die Suche nach dem Neuen, Unerhörten um 1900 wird zum Spiegel der inneren Verfassung einer Musikszene, die sich selbst in Frage stellt. Bearbeitungen werden zum Merkmal von Musik über Musik – als ein Inspirationsquell, Kunst im Hermetischen zu schaffen. Dieses »Rheinlegendchen« hören: Und sofort liegt man auf den Knien und glaubt alles, was folgt! Ein Album, das einladend ist und im besten Sinne souverän: Kein Wissen um spätere Anerkennung schiebt sich vor das Wagnis in der Partitur. Für die Jury: Julia Kaiser

Tasteninstrumente

Reinhard Febel: 18 Studien für zwei Klaviere

nach Johann Sebastian Bachs Kunst der Fuge. Duo Yaara Tal & Andreas Groethuysen. 2 CDs, Sony Classical 19439784132

Reinhard Febel verzichtet nicht auf eine Note des Bachschen Originals, aber er reichert das überaus komplexe Werk mit zusätzlichen Tönen, (Hall)-Effekten und rhythmischen Veränderungen so an, dass es eine weitere Dimension, Spannung und Dramatik erhält. Diese Arbeitsweise nennt er treffend: »Übermalung«. Yaara Tal und Andreas Groethuysen, die diese achtzehn Studien in Auftrag gegeben hatten, spielen sie mit atemraubender Klarheit und Prägnanz. Vertrackteste Rhythmen wirken wie selbstverständlich, das Herausarbeiten von Themen und Nebenstimmen, feinste dynamische Abstufungen und nicht zuletzt ein äußerst wandelbarer Klavierklang machen diese Einspielung zu einem hinreißenden Erlebnis. Für die Jury: Gregor Willmes

Tasteninstrumente

Mahan Esfahani – Musique?

Zeitgenössische und elektroakustische Werke für Cembalo von Tōru Takemitsu, Henry Cowell, Kaija Saariaho, Gavin Bryars, Anahita Abbasi, Luc Ferrari. Mahan Esfahani. Hyperion CDA68287 (Note 1)

Das Cembalo assoziiert man gemeinhin mit Alter Musik oder bestenfalls noch mit dem neobarocken Soundtrack der Miss-Marple-Filme, in denen das Tasteninstrument so schrullig zirpt und schnarrt. Doch nun legt Mahan Esfahani eine furiose Einspielung vor, die ausschließlich Werke des 20. und 21. Jahrhunderts vereint. Dabei entfesselt er das Instrument regelrecht, stößt die Tore zu neuen Klangdimensionen auf und traktiert es mitunter auch perkussiv. Das Panorama reicht von Tōru Takemitsus scharf konturiertem Satz »Rain Dreaming« über Henry Cowells klangrauschendes »Set of Four« bis hin zu atemraubenden Elektronik-Experimenten von Kaija Saariaho und Anahita Abbasi. Für die Jury: Regine Müller

Oper

Pietro Antonio Cesti: La Dori

... overo Lo schiavo reggio.
Francesca Ascioti, Emöke Baráth, Francesca Lombardi Mazzulli, Rupert Enticknap, Federico Sacchi, Alberto Allegrezza, Pietro Di Bianco, Rocco Cavalluzzi, Konstantin Derri, Accademia Bizantina, Ottavio Dantone. 2 CDs, cpo 555 309-2 (JPC)

Dieser 1657 in Innsbruck uraufgeführte Dreiakter, angesiedelt zwischen der venezianischen Opernästhetik und dem Intrigentheater der Opera seria, ist ein Werk des Übergangs. Faszinierend die lebhafte Theatralik und die Vielfalt musikalischer Gestalten, die ausdrucksstarken Monodien und die Arien von einschmeichelnder Melodik. Mal witzige, mal dramatisch zugespitzte Dialoge, drastisches Dienstbotengezänk und liebreizende Duette folgen Schlag auf Schlag. – Das Solistenensemble und die Accademia Bizantina unter Ottavio Dantone bringen den Kontrastreichtum dieser Musik mit fein ausgestalteten Details zum Klingen. Eine Wiederentdeckung, die reines Hörvergnügen bereitet! Für die Jury: Max Nyffeler

Oper

Hector Berlioz: Benvenuto Cellini

Michael Spyres, Sophia Burgos, Maurizio Muraro, Lionel Lhote, Tareq Nazmi, Adèle Charvet, Vincent Delhoume, Ashley Riches, Duncan Meadows, Monteverdi Choir, Orchestre Revolutionnaire et Romantique, John Eliot Gardiner. DVD, Chateau de Versailles Spectacles CVS020 (Note 1)

Das war einer der Höhepunkte des Berlioz-Jahres: John Eliot Gardiners Konzerte im Kostüm mit »Benvenuto Cellini«. Beschwingt steht Sir John am Pult des farbensatt säuselnden und trötenden Orchestre Revolutionnaire et Romantique und einem agil witzigen Monteverdi Choir. Alle haben Lust, alle Partien sind bestens besetzt: So wird es zum reinen Vergnügen, diese bunteste, frivolste und facettenreichste Künstler-Oper von Berlioz direkt aus dem römischen Renaissanceleben zu erfahren. Michael Spyres singt den Benvenuto höhentrittsicher charmant. Sophia Burgos hat für seine geliebte Teresa zarte Spitzentöne und Temperament. Ein absolutes Opern-Muss! Für die Jury: Manuel Brug

Alte Musik

Johannes de Cleve: Missa Rex Babylonis

& Carole cui nomen, Laudate Dominum, Carole qui veniens, Timete Dominum, Es wel uns Gott genedig sein. Jacobus Vaet: Rex Babylonis. Cinquecento. Hyperion CDA68241 (Note 1)

Die fünf Sänger von Cinquecento sind mit dem bisher im Katalog nicht vertretenen flämischen Komponisten Johannes de Cleve ein weiteres Mal fündig geworden. Er lebte von 1528 bis 1582 und war einer der Hofkomponisten der Habsburger. Eine kunstvolle Messe und fünf Motetten weisen ihn aus als architektonisch eindrucksvollen Kontrapunktiker, was in dieser Aufnahme wunderbar zur Geltung kommt: Die Werke werden tonschön, klangvoll und doch nuancenreich interpretiert von den homogen sich mischenden, zugleich schwerelos dahinfließenden Stimmen dieses herausragenden Vokalensembles. Für die Jury: Uwe Schweikert

Zeitgenössische Musik

Clara Iannotta: earthing

– dead wasps (obituary), a failed entertainment, you crawl over seas of granite, dead wasps in the jam-jar (iii). Jack Quartet. Wergo WER 6433 2 (Naxos)

In der Musik der italienischen Komponistin Clara Iannotta verbinden sich Konzeptdenken und Technik mit Bildhaftigkeit und Subtilität. Das wird gerade in den vier Streichquartetten deutlich, hier interpretiert vom phänomenalen Jack Quartet. Im ältesten von 2013 bleibt der natürliche Klang noch unangetastet, er wird nur erweitert durch Materialien wie Vogelpfeifen oder Styropor. Mal flirrt es scharf, mal kratzt es düster. Diese suggestive, geheimnisvolle Klangwelt voller akustischer Getierchen wird in den neueren Stücken elektronisch verstärkt und verfremdet. Ein Sound voll elementarer, tief mitreißender Energie! Für die Jury: Thomas Meyer

Historische Aufnahmen

Sir John Barbirolli – The Complete Warner Recordings

Jascha Heifetz, Alfred Cortot, Arthur Rubinstein, Janet Baker, Benjamino Gigli u.a.; diverse Orchester, John Barbirolli. 109 CDs, Warner Classics 9029538608

Das Lebenswerk des Dirigenten John Barbirolli, gespiegelt in 130 Stunden Musik auf 109 CDs: Das ist mehr als das sorgfältig restaurierte Vermächtnis eines großen Individualisten. Barbirolli war in der Musik von Berlioz, Brahms, Dvořák, Tschaikowsky, Mahler und Sibelius genauso zu Hause, wie bei Elgar, Vaughan Williams oder Delius, er dirigierte einen Strauß-Walzer mit derselben Hingabe wie Wagner und Puccini. Diese Edition präsentiert ein bedeutendes Kapitel britischer Orchesterkultur, sie lädt ein zu einer Zeitreise durch zweiundvierzig Jahre Aufnahmegeschichte, bei der es selbst für Insider noch vieles zu entdecken gibt. Für die Jury: Thomas Voigt

Grenzgänge

Blueblut: Andenborstengürteltier

Chris Janka, Pamela Stickney, Mark Holub. DL / CD / LP, Plagdichnicht PDN 040 (Direktvertrieb)

Schön schräg die Stücke dieses Wiener Underground-Trios! Wahre Spaßvögel sind Pamelia Stickney (Theremin), Chris Janka (Gitarre) und Mark Holub (Schlagzeug), mit Spielwitz servieren sie rhythmisierend das Titelstück als ein zungenbrecherisches Wortungetüm, um nach nur 42 Sekunden diesem Spuk wieder ein Ende zu bereiten. Auf diese Einleitung folgt ein fulminantes, stets überraschendes Musik-Abenteuer quer durch einen wilden Klang-Dschungel. Jazz, Punk, Rock, Pop, Elektronik und Jankas MIDI-Orchester sowie lärmige Improvisationen ergeben ein tönendes Tollhaus, darin man sich gerne verliert. Ganz schön abgedreht, die drei, sie nehmen nichts tierisch ernst. Da hilft nur aufdrehen. Für die Jury: Heinz Zietsch

Filmmusik

John Williams in Vienna

Filmmusiken aus Hook, Unheimliche Begegnung der dritten Art, Die Hexen von Eastwick, E.T., Jurassic Park, Gefährten, Der weiße Hai, Indiana Jones, Star Wars. Anne-Sophie Mutter, Wiener Philharmoniker, John Williams. Deutsche Grammophon 483 6373 (Universal)

Vom Filmmusik-Pionier Erich Wolfgang Korngold hat John Williams, inzwischen fünffacher Oscar-Preisträger, nicht nur den großorchestralen Sound übernommen, sondern auch die Idee, seine Partituren für den Konzertsaal verfügbar zu machen. Im geschichtsträchtigen Goldenen Saal des Wiener Musikvereins zelebrierte er nun, kurz vor seinem achtundachtzigsten Geburtstag, einen Höhepunkt seiner Karriere. Kompositorisch erweist sich Williams mit dieser Aufnahme einmal mehr als Hollywoods Zeremonienmeister der Superlative. Er ist auch einer der ganz Wenigen seiner Zunft, die das dirigentische Format besitzen, ein Spitzenorchester zu führen. Ein Zusammentreffen, das schon jetzt legendär zu nennen ist! Für die Jury: Matthias Keller

Musikfilm

Beethoven’s Ninth – Symphony For The World

Ein Film von Christian Berger. Mit Teodor Currentzis, Tan Dun, Gabriel Prokofiev, Yutaka Sado, Armand Diangienda, Paul Whittaker, Isaac Karabtchevsky. DVD, C Major 756408 (Naxos)

Christian Berger ist der weltweiten Wirkung von Beethovens letzter Symphonie auf der Spur: in Konzertsälen, im Freien, im Studio. Er befragt dazu Dirigenten und Komponisten, Instrumentalisten und Choristen, darunter den gehörlosen Musiker Paul Whittaker und, besonders eindrucksvoll, die Bratsche spielende junge Brasilianerin Nicoli Martins, die wahrhaft für Beethovens Musik brennt: »…das spielst Du mit Gänsehaut«. Mit nämlicher Begeisterung musizieren die Mitglieder des Orchestre Symphonique Kimbanguiste in Brazzaville. So stellt sich heraus: Beethovens Neunte ist tatsächlich eine, wenn nicht die Symphonie für die Welt. Für die Jury: Helge Grünewald

Jazz

Joe Haider Sextet

As Time Goes By. Double Moon Records DMCHR71371 (in-akustik)

Nach sechs Dekaden als Pianist, Komponist, Arrangeur und Pädagoge zeigt Joe Haider keinerlei Ermüdungs-Erscheinungen. Der Titel des Albums klingt zwar nach Rückblick, ist aber in Wirklichkeit die aktuelle Werkschau eines Musikers, der stets den Nachwuchs im Auge behielt und zugleich mit vielen Großen des Jazz auftrat. Wo immer ein Pianist mit einem breiten traditionellen Jazz-Repertoire gesucht wurde, griff man auf Joe Haider zurück. Jetzt spielt er im Sextett mit drei Musiker-Generationen, die zwischen beschwingtem Jazz-Walzer, Blues und Hardbop die schönsten Klangfarben entwerfen. So schön, wie man sich den klassischen modernen Jazz, den Bebop nur denken kann. Für die Jury: Lothar Jänichen

Jazz

Ambrose Akinmusire

On the Tender Spot of Every Calloused Moment. Blue Note 0892619 (Universal)

Dem Trompeter Ambrose Akinmusire muss es angesichts der ständig wachsenden Liste schwarzer Leben, die durch Polizeigewalt beendet werden, so vorkommen, als habe sich seit seinem ersten Album für Blue Note im Jahr 2011 nichts geändert. In seinen aktuellen Kompositionen fokussiert Akinmusire seine Erfahrungen als schwarzer Amerikaner: die Widerstandsfähigkeit, den Schmerz, die Schönheit und den Optimismus von Blackness. Mit »Hooded Procession (Read The Names Outloud)« endet dieses große Werk in Trauer, mit sanft hingewehten Klängen, ohne Worte. Die Namen sind gerade in aller Munde. Für die Jury: Christian Broecking

Weltmusik

Babylon ORCHESTRA

sungroove SG008 (Broken Silence)

Das Orchestra Babylon aus Berlin, gegründet 2016, steht in besonderer Weise für den Slogan: »Wir schaffen das!«: Zweiundzwanzig Musiker*innen aus Syrien, Iran, Irak, Israel, Russland, Italien, Frankreich, Kurdistan und Deutschland nebst sechs Gästen haben mit ihrem Album eine Antwort auf Migrationsbewegungen der Gegenwart gefunden. Mit unterschiedlichsten musikalischen Wurzeln kreieren sie Klangwelten, die Tradition, Klassik und Moderne auf natürliche Weise vereinen. Es ist ein zeitgemäßer, urbaner und dynamischer Crossover von Orient und Okzident mit atemraubenden Wechseln von Solo-Einlagen und bombastischem Orchestersound. Für die Jury: Rainer Skibb

Traditionelle Ethnische Musik

Synergia – Musique de l’Île de Chypre

Katerina Papadopoulou, Eda Karaytuğ, Michalis Kouloumis, Yurdal Tokcan, Vagelis Karipis, Dimitri Psonis. Alia Vox Diversa AV9938 (harmonia mundi)

Um den Saiteninstrumentalisten Dimitri Psonis herum hat sich ein Sextett aus beiden Inselteilen Zyperns versammelt, das äußerst lebendig und zeitgemäß die Traditionen dieses mediterranen Knotenpunkts entrollt – mit Laute, Oud, Geige, Perkussion sowie Menschenstimmen, in Liebes- und Wiegenliedern, Hochzeitsbegleitungen, Paar- und Solotänzen. Reizvoll besonders ist, wie die vokalen Schattierungen von Katerina Papadopoulou mit ihrer türkischen Kollegin Eda Karaytuğ zu zusammengewoben werden. Ein erfrischendes Porträt einer wenig bekannten Inselkultur. Für die Jury: Stefan Franzen

Liedermacher

Jens Böttcher & Das Orchester des himmlischen Friedens

VI: Haben oder Sein.
schwarzweissradio 0737669096937 (Direktvertrieb)

Der raureife Gesang von Jens Böttcher offenbart deutliche Parallelen zur Lektüre von Erich Fromms sozialkritischen Klassikern »Haben oder Sein« oder »Die Kunst des Liebens«. Nachwirkend zudem, auf seinem sechsten Soloalbum: die Violoncello-Viola-Arrangements, die »Das Orchester des himmlischen Friedens« beisteuert. Etliche der neuen Lieder des Freigeist-Musikers, TV-Multis sowie Autors gleichen in der Tat einem staunenswert musischen Fromm. »Morgen werden wir blühen / Und alles wird Licht« wird zitiert mit »Begrabt mich irgendwo, wo mich niemand kennt« – letzteres heuer indiskutabel! Absehbar jedoch, dass Böttcher im Lied-Genre bald Fromm-affinen Klassikerstatus erreicht. Für die Jury: Jochen Arlt

Folk und Singer/Songwriter

Fiolministeriet: Et Nyt Liv

GO’ Danish Folk Music GO0520 (Galileo)

Die drei klassisch ausgebildeten Damen des dänischen »Fiedel-Ministeriums« erweisen sich auf ihrem zweiten Album erneut als wahre Meisterinnen auf Violine, Bratsche und Cello. Ihre Inspirationen finden sie vor allem in der traditionellen Musik ihrer Heimat, aber ebenso in skandinavischen Ländern wie Schweden und sogar auf der anderen Seite des Atlantiks. Instrumentalmusik ist ihr Ausgangspunkt und ihre Stärke, ganz ohne Frage; aber im Gegensatz zur ersten CD zeigt vor allem Ditte Fromseier, dass sie eine Stimme zum Dahinschmelzen hat. Talente ohne Ende bei unseren nördlichen Nachbarn! Für die Jury: Mike Kamp

Rock

Haim: Women In Music Pt. III

Vertigo Berlin 0813816 (Universal)

»Wir sind für den Sommer gemacht« – das haben die Schwestern der Band Haim einmal gesagt. Und so klingt auch ihre Musik: nach Sonne, Freiheit, Wild Side und Ohrwurmmelodien. Doch wenn man ihr drittes Album »Women in music pt. III« etwas aufmerksamer hört, ist schnell klar, dass auch unter dem kalifornischen Himmel die Welt nicht in Ordnung ist. Danielle, Alana und Este Haim singen über Depressionen, die Krebs-Erkrankung des Freundes oder sexistische Musikjournalisten. Dabei schrammeln sie mal die Gitarren wie in den Siebzigern, mal frönen sie dem Pop der Neunziger. Softrock im guten Sinne, für jede Jahreszeit! Für die Jury: Juliane Streich

Hard und Heavy

Sorcerer: Lamenting Of The Innocent

CD/LP/DL, Metal Blade 03984157302 (Sony)

Ende der achtziger Jahre gegründet, hatte sich die schwedische Epic Metal Band Sorcerer eigentlich bereits Anfang der Neunziger aufgelöst. Nun feiert sie seit ihrer Reaktivierung 2010 ihre größten Erfolge – kommerziell, aber auch künstlerisch. Ihr drittes Album stellt in allen Belangen einen Schritt nach vorne dar. Die Band entfernt sich ein Stück weiter vom reinen Doom und wendet sich traditionellem Heavy Metal zu. Nicht selten erinnern Sorcerer dabei an Black Sabbath zu Zeiten von »Headless Cross« mit Tony Martin – nicht zuletzt dank ihres großartigen Sängers Anders Engberg, der Headbang-Stoff wie »The Hammer Of Witches« und bewegende Hymnen wie den Titelsong veredelt. Für die Jury: Sebastian Kessler

Club und Dance

Kelly Lee Owens: Inner Song

Smalltown Supersound STS 372 (Cargo)

Die walisische Sängerin Kelly Lee Owens verwischt die Grenzen zwischen Dancefloor, Pop und Singer-Songwriter. Für ihren »convention blurring techno«, wie sie es nennt, jagt sie auf »Inner Song« Radiohead durch den Sequenzer, lässt sich von Avant-Disco-Pionier Arthur Russell inspirieren und holt sich Velvet-Underground-Gründungsmitglied John Cale für ein Spoken-Word-Feature ins Boot. Die kunstvoll geschichteten Soundtürme werden durch das Funkeln ihres sphärischen Gesangs zusammengehalten. Ein starkes zweites Album, das genau die richtige Mischung aus konzeptueller Sperrigkeit und eingängigem Meta-Pop bietet. Für die Jury: Laura Aha

Blues

Ginger Blues: unknowable journey

Berlin Blue Records (Eigenvertrieb: www.janhirte.com)

Das englische Wort »ginger« bedeutet neben »Ingwer« auch: »rothaarig«. Die mehrfach ausgezeichnete australische Jazz- und Blues-Sängerin Jessie Gordon vom Ginger-Blues-Quartett ist nämlich eine bekennende Rothaarige. Die vier schicken ihre Hörer auf eine »Reise ins Ungewisse« – so übersetzt es Jan Hirte, der Gitarrist, Sänger und Initiator der Gruppe – auf der sich Ragtime, Boogie, Swing, Country, Blues-Klassiker und Jazz-Standards abwechseln mit Eigenkompositionen: eine gegenwärtige, höchst lebendige und meist heitere Tour quer durch die Geschichte der populären Musik. Für die Jury: Tom Schroeder

R&B, Soul und HipHop

Joy Denalane: Let Yourself Be Loved

CD / LP / DL, Motown 0887357 (Universal)

Joy Denalane hat mit diesem Album quasi den Ritterschlag erhalten: Dass eine deutsche Soulsängerin bei dem legendären US-Label Motown verlegt wird, hat Seltenheitswert. Die Denalane hatte zuvor schon die Alleinherrschaft in ihrer Domäne inne, ihre Songs hatten immer schon Seele. Nun hat sie betont retro und oldschool bereits mit dem Labeldebüt ein nostalgisch-schönes »What’s going on« abgeliefert. Und damit steht die Berlinerin verdient in der Reihe neben Kraftwerk, KMFDM, Scorpions und Rammstein – den wenigen deutschen Pop-Acts mit internationaler Relevanz – wenn man den Tokio-Hotel-Hype in Asien mal außen vor lässt… Für die Jury: Torsten Fuchs

Wortkunst

Leonid Zypkin: Ein Sommer in Baden-Baden

Gelesen von Sylvester Groth, Regie: Walter Adler. 5 CDs, hörkultur ISBN: 978-3-906935-42-3 (Audiopool Hörbuchvertrieb)

Alles könnte so gewesen sein, nichts muss sich so zugetragen haben oder, wie Susan Sontag schreibt, die diesen vergessenen Roman zufällig in einer Bücherkiste entdeckt hatte: »Nichts ist erfunden. Alles ist erfunden.« Eine biographische Fiktion, ein Traumbuch: Leonid Zypkin umkreist und umschreibt das Leben von Fjodor Dostojewski. Wir werden hineingezogen und getragen von der vorzüglichen Interpretation Sylvester Groths, dem der Regisseur Walter Adler feinste Nuancen abverlangt. Die Rahmenhandlung erzählt von einer Reise des Autors auf den Spuren des bewunderten Schriftstellers, und wir begleiten ihn auf einer wahrhaft fantastischen Hörreise. Für die Jury: Manuela Reichart

Kinder- und Jugendaufnahmen

Stefanie Höfler: Tanz der Tiefseequalle

Alexandra Ostapenko, Benedikt Paulun. 4 CDs, derDiwan Hörbuchverlag ISBN: 978-3-941009-63-9

Die eine mittendrin, der andere außen vor: Sie, Sera, ist hübsch, beliebt, integriert, umschwärmt – er, Niko, ist übergewichtig und in Fantasiewelten flüchtend, allein, ein Mobbingopfer. Beide sind vierzehn Jahre alt und gemeinsam auf Klassenfahrt. Stefanie Höfler erzählt eindringlich von einer vorsichtigen Annäherung, witzig, frisch und mit Tiefgang. Durch Perspektivwechsel gelingt es ihr, Innenansichten preiszugeben, ohne sie zu verraten. Alexandra Ostapenko und Benedikt Paulun verleihen beiden Figuren eine große Authentizität und Unmittelbarkeit – genau die richtige Besetzung für ein Hörbuch, in dem es letztlich darum geht, Haltung zu entwickeln und dafür einzustehen. Für die Jury: Juliane Spatz

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