Jahrespreise

Einmal jährlich trifft sich der Jahresausschuss des PdSK e.V., um zehn Jahrespreise für die besten Produktionen des zurückliegenden Jahres zu bestimmen. Im Jahresausschuss arbeiten zehn Jurorinnen und Juroren aus verschiedenen Fachjurys zusammen. Die Besetzung des Jahresausschusses rotiert. Die Nominierungen für evtl. Jahrespreise obliegen der Gesamtheit aller Jurorinnen und Juroren. Jahrespreise werden im Rahmen öffentlicher Konzertauftritte oder Literaturlesungen (im Bereich Wortkunst) an die Preisträger verliehen.

Die Longlists sind ab 2014 direkt bei jedem Preisträgerjahrgang hinterlegt.

Jahrespreise

Guillaume Tourniaire

Camille Saint-Saëns: Ascanio. Jean-François Lapointe, Bernard Richter, Ève-Maud Hubeaux, Jean Teitgen, Karina Gauvin, Clémence Tilquin, Chœur du Grand Théâtre de Genève, Chœur et Orchestre de la Haute école de musique de Genève, Guillaume Tourniaire. 3 CDs, B-Records LBM 013 (Note 1)

Dreizehn Opern hat Camille Saint-Saëns komponiert, bekannt war lange Zeit nur »Samson et Dalila«. Inzwischen gibt es immerhin sechs weitere auf CD. Der Dirigent Guillaume Tourniaire hatte sich schon 2008 mit dem Einakter »Hélène« als ein engagierter und kompetenter Saint-Saëns-Interpret profiliert. Mit dieser Aufnahme der 1890 in Paris uraufgeführten fünfaktigen Oper »Ascanio« ist ihm nun die mitreißende, quellengenaue Wiederentdeckung eines Meisterwerks gelungen. Ausgezeichnet agieren die jungen Solisten des Ensembles, großartig Chor und Orchester der Genfer Musikhochschule. Erfahrbar wird die ganze Bandbreite des Opernkomponisten Saint-Saëns: Tableaus im Stile der Grand Opéra stehen neben bald lyrischen, bald dramatischen Arien und Szenen, die vokal ebenso vielfältig sind wie die raffinierte Farbigkeit des Orchesters. In der fast halbstündigen Ballettmusik lässt Saint-Saëns immer wieder Originalmusik des 16. Jahrhunderts anklingen: »Ascanio« – nach einem Roman von Alexandre Dumas – ist quasi die Fortsetzung des »Benvenuto Cellini« von Berlioz. Für den Jahresausschuss: Michael Stegemann

Mirga Gražinytė-Tyla

Mieczysław Weinberg: Symphonien Nr. 2 & 21 »Kaddish«. Mirga Gražinytė-Tyla, Gidon Kremer, City of Birmingham Symphony Orchestra, Kremerata Baltica. 2 CDs, Deutsche Grammophon 483 6566 (Universal)

Dirigieren im 21. Jahrhundert ist nicht mehr reine Männersache. Endlich! Mirga Gražinytė-Tyla gehört zur ersten Generation, die dies als Selbstverständlichkeit etablierte – mit vollem Risiko, ohne Konzessionen an marktgängige Routine. Ihr Markenzeichen sind innovative Programme, ihr Dirigierstil ist hochexpressiv, ihre Technik souverän, gern kombiniert sie neue Musik mit unbekannter. Für ihr DG-Debüt wählte sie zwei Werke des jüdisch-polnisch-russischen Komponisten Mieczysław Weinberg aus, der erst posthum allmählich zu voller Anerkennung findet. Seine 2. Symphonie von 1945 hat klassizistisches Format, unverkennbar indes tönt bereits der schwarz-melancholische, folklorefundierte Melodienfluss, typisch für Weinberg, den Gražinytė-Tyla mit der Kremerata dynamisch ausgestaltet. Die Symphonie op.152, ein epischer Klagegesang, ist den Opfern des Warschauer Ghettos gewidmet, und mündet in eine Sopranvocalise: Die Dirigentin singt. Für den Jahresausschuss: Eleonore Büning

Der Jahrespreis wurde am 9. Oktober 2019 im Rahmen eines Konzertes in der Elbphilharmonie Hamburg verliehen.

Reinbert de Leeuw

Franz Liszt: Via Crucis. Collegium Vocale Gent, Reinbert de Leeuw. Alpha Classic 390 (Note 1)

Es gibt auch einen Franz Liszt, der anders war als die Klischees, mit denen er behängt wurde: tiefgläubig, spirituell, fern von weltlicher Eitelkeit und Virtuosenklingeleien, durch die er in jungen Jahren zum spätromantischen Publikumsliebling geworden war. Mit seiner Kreuzweg-Kantate »Via Crucis« hat er eine Zukunftsmusik geschrieben, die der diatonischen Harmonik den Boden unter den Füßen wegzieht. Sie tönt zeitlos, ist einer höheren Macht verpflichtet. Der Chor klein besetzt, der Orgel- bzw. Klavierpart konsequent auf die Struktur fokussiert. Man hört lutherische Choräle, pentatonische und gregorianische Passagen und staunt über jene visionär verklärten Momente, in denen der Abbé die Tür zur Atonalität öffnet. Reinbert de Leeuw hatte »Via Crucis« in der Klavierversion bereits 1986 erstmals eingespielt, mit dem Netherlands Chamber Choir. Diese Zweiteinspielung mit dem Collegium Vocale Gent ist eine betörend radikale, zugleich strenge Meditationsübung: ein Mysterium, wie nicht mehr von dieser Welt. Für den Jahresausschuss: Joachim Mischke

Der Jahrespreis wurde am 17. Dezember 2019 im Rahmen des Privatkonzertes in Waterloo (Belgien) verliehen. Es war dies einer der letzten bewegenden Auftritte des großen Pianisten, Komponisten und Dirigenten Reinbert de Leeuw, der am 14. Februar 2020 verstorben ist.

GrauSchumacher Piano Duo

Philippe Manoury: Le temps, mode d’emploi. GrauSchumacher Piano Duo, SWR Experimentalstudio. SACD, Neos 11802 (harmonia mundi)

Zu Beginn braut sich ein pianistisch-digitaler Gewittersturm zusammen, am Schluss tröpfeln die Töne nur noch leise aus den Lautsprechern. Dazwischen liegt eine abenteuerliche Reise durch virtuelle Klanglandschaften. Philippe Manoury, ein Komponist mit langjähriger Erfahrung auf dem Gebiet der Live-Elektronik, weiß, wie man mit dem Computer Musik macht, die nicht langweilt. Seine Zeit- und Raumstudie »Le temps, mode d’emploi« erweitert den Klang der zwei Klaviere zu einem artifiziellen Hypersound, der den Zuhörer ins Zentrum eines schwindelerregenden musikalischen Geschehens versetzt. Das GrauSchumacher Piano Duo agiert virtuos, es liefert dazu alle passenden Farben, entfesselt wilde Jagden, krachende Akkorde, streut magischen Glitzer aus. Die aufnahmetechnisch anspruchsvolle Produktion profitiert maßgeblich von der Arbeit des Freiburger Experimentalstudios – und dass das Werk überhaupt zur Welt kam, verdankt sich einem Auftrag der allemal auf hohem Niveau aktiven Wittener Tage für neue Kammermusik. Manchmal passt einfach alles zusammen! Für den Jahresausschuss: Max Nyffeler

Martin Elste & Carsten Schmidt

2000 Jahre Musik auf der Schallplatte. Alte Musik anno 1930. Eine diskologische Dokumentation zur Interpretationsgeschichte. Hrsg. von Martin Elste und Carsten Schmidt. 1 CD + Buch, Gesellschaft für Historische Tonträger, Wien ISBN 978-3-9502906-3-9

Diese opulente Edition präsentiert ein musikarchäologisches Fundstück: Es handelt sich um die historisch-kritische Neuausgabe eines 1930 von dem Musikwissenschaftler Curt Sachs erarbeiteten Schallplattenprojekts, das die Geschichte der Alten Musik ausbreitet – von der Antike und der jüdischen Musiktradition über Josquin des Préz und Monteverdi bis hin zu Bach und Rameau. Die CD stellt die originalen Schellackplatten in digitalisierter Qualität bereit. Das kostbar ausgestattete Begleitbuch enthält neben dem Einführungstext von Martin Elste einen kritischen Bericht zur Klangrestaurierung, die Dokumentation zur Entstehung und Rezeption der Aufnahmen sowie die faksimilierten Erläuterungen von Curt Sachs auf Deutsch, Englisch und Spanisch, außerdem Abbildungen des damals verwendeten Notenmaterials, Texte der Interpreten zu den Aufnahmen, Fotoporträts und Biographien der Interpreten, nebst zeitgenössischen Schallplattenrezensionen. Ein einmaliges Musterbeispiel moderner diskologischer Forschung! Für den Jahresausschuss: Wolfgang Schreiber

Der Jahrespreis wurde am 1. November 2019 im Rahmen der Jahrestagung der Gesellschaft für historische Tonträger in der Sächsischen Landesbibliothek Dresden verliehen.

Émile Parisien Quartet

Double Screening. Act 9879-2 (Edel)

Der französische Saxophinist Émile Parisien, Jahrgang 1982, zählt zu den Glücksfällen des europäischen Jazz. Seine Musik fährt in die Beine, ohne das Hirn zu vernachlässigen, sie liebt die dichte Struktur, aber auch griffige Pointen, und besitzt Witz im doppelten Sinn. Außerdem klingt sie stets nach ihrem Verfasser, obwohl dieser den Jazz aus einer Vielzahl verschiedener Quellen schöpft. Ja, das Émile Parisien Quartet tönt selbst dann noch unangestrengt und homogen, wenn es einen Spagat zwischen Free Jazz und der reduzierten Avantgardesprache eines Anton Webern vollzieht. Mit dem Album »Double Screening« gelingt darüber hinaus ein weiteres Kunststück: Geschildert werden die Überforderungen des digitalen Zeitalters mit rein akustischen Mitteln. Parisiens Musik verlangt nach einer heiß umkämpften Ressource namens Aufmerksamkeit – belohnt dafür aber reichlich. Für den Jahresausschuss: Christoph Irrgeher

Der Jahrespreis wurde am 28. Oktober 2019 im Rahmen eines Konzerts in Schloss Elmau verliehen.

Marilyn Mazur

Shamania. RareNoise CD 00131573 / LP 00131569 (Cargo)

Geballte Frauenpower trifft zusammen in der Band »Shamania« der dänisch-amerikanischen Perkussionistin Marilyn Mazur. Einst spielte sie bei Miles Davis mit, heute tritt sie mit zehn skandinavischen Jazzerinnen auf, im jugendlichen Alter zwischen achtundzwanzig und vierundsechzig Jahren. Gemeinsam haben sie ein außerordentliches Album gestaltet. Wie Schamaninnen beschwören sie scat-singend und spielend ein musikalisch mitreißendes Ritual, und erweisen sich als wahrhaft weltläufige Grenzgängerinnen, ohne dabei ihre Heimat zu verleugnen – beispielsweise, wenn sich, in der melodisch-gesanglichen Gestaltung, Nordisches mit Afrikanischem und Asiatischem verschwistert. »Shamania« ist für Mazur wie eine elementare Kraft, ein Motto, unter dem sich hochvirtuose Musikerinnen wie zu einem weiblichen Stammestreffen zusammenfinden. Sie stacheln sich gegenseitig an, entfalten federnden Swing, dessen fröhliche Rhythmen im abschließenden »Space Entry Dance« geradezu körperliche Urkräfte freisetzen, als ginge es darum, tanzend in den Schamanenhimmel aufzusteigen. Aber bitte Ladies first! Für den Jahresausschuss: Heinz Zietsch

Black Pumas

Ato Records CD 39226202 / LP 39226441 (Rough Trade)

Bereits National Public Radio, der öffentlich-rechtliche Rundfunk in den USA, hat diese neue texanische Soul-Formation zur »Breakout Band of 2019« gekürt. Dabei sind die Black Pumas keine Soulband – jedenfalls keine »richtige«, im klassischen Sinne – definiert beispielsweise über Bläsersektionen, wie bei Earth, Wind & Fire. Und doch tischen der bereits grammygekrönte, erfahrene Latin-Rock-Gitarrist und Produzent Adrian Quesada und der junge Sänger Eric Burton auch ein opulentes Soul-Orchester-Menü auf mit ihrem sensationellen Zweimannprojekt-Debüt. Produziert wurde das Album im Studio in Austin. Die zehn Songs sind retro und weit mehr als nur retro, zugleich absolut von heute. Burton hat eine charismatische Soulstimme, die einen eignen Sog entwickelt, Quesada steuerte fast alle Kompositionen und Arrangements bei. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen: Falls die Musikwelt noch richtig tickt, wird es bald weitere Preise hageln. Für den Jahresausschuss: Torsten Fuchs

Der Jahrespreis wurde am 18. Februar 2020 im Rahmen eines Auftgritts im Club Uebel&Gefährlich in Hamburg verliehen.

Bilderbuch

Vernissage My Heart. Maschin Records CD 426040913060 / LP 0913061 (Universal)

Eine wilde Mischung Musik, aus Indierock, Cloudrap, Ambient, Psychedelic, Gitarrensolos, Funk und ein bisschen Auto-Tune: Die österreichische Gruppe Bilderbuch vereint all diese Genres auf ihrem sechsten Album »Vernissage My Heart«, das direkt auf »Mea Culpa« folgt, zu einer ganz speziellen Ausstellungseröffnung. Maurice Ernst singt, haucht, scattet in den verschiedensten Tönen über Frisbeespielen in Frühsommernächten, Hochzeiten auf Santorin und andere eskapistische Ideen. Die Playstation-Memorycard wird zur Metapher für verflossene Liebschaften, das LED-Licht für Aufbruch in die Freiheit, wo man den Preis der Einsamkeit zahlen muss. Bilderbuch ist erwachsen geworden und klingt trotzdem neu und aufregend. Sounds für die weite Welt, ferne Galaxien und ein grenzenloses Europa, für das man sich eigens einen EU-Passport ausstellen kann. Denn Bilderbuch hat »eine Freedom zu verschenken«. Das beste Geschenk des Jahres! Für den Jahresausschuss: Juliane Streich

Bruce Springsteen

Western Stars. Sony CD 19075941972 / 2 LPs 19075937511

Er ist sowieso schon der »Boss der Preise«: Zwanzig Grammys, ein Oscar und die Freiheitsmedaille lagern vermutlich irgendwo im Wohnbereich des Gestüts von Bruce Springsteen. Und eines seiner Turnierpferde galoppiert im Artwork von »Western Stars«. Die E-Street-Band hat er in die Wüste geschickt, was Raum schafft für Streicher und die Konzentration auf den Nukleus der dreizehn schwelgerischen Songs lenkt: kitschfreie Perlen im Planquadrat von Americana, Westcoast, Country und Zydeco, die den Alltag spiegeln vom Average Joe und vom Loser, der immer auch lucky ist. Erst bei der zweiten Nachtfahrt entfalten sie volle Brillanz. Nach seinen One-Man-Broadwayshows hat Springsteen nun erneut das Überraschungsmoment auf seiner Seite, er rubbelt Unbekanntes unter Bekanntem frei und wirft einen nostalgisch-ironischen Blick auf den Mythos Amerika. Und auf seine Leute und ein Land, das sich noch nie auf einen Präsidenten reduzieren ließ. Für den Jahresausschuss: Torsten Fuchs

Tim Cole & BaoBao Chen

Small Island Big Song. Alena Murang, SiaoChun Tai, Charles Maimarosia, Sammy Samoela u.v.a.m.. CDBaby 787099608095 (Direktvertrieb)

Selbstverständlich ist der Preis der deutschen Schallplattenkritik kein Klimakritikerpreis, auch wenn das heutzutage angesagt wäre. Aber wenn sich circa fünfzig traditionelle Musiker und Musikerinnen von sechzehn Inseln im Indischen und Pazifischen Ozean zusammentun, um ihre kulturellen Gemeinsamkeiten zu entdecken, dann ist das alleine schon ein spannendes Projekt. Wenn dann noch hinzukommt, dass alle diese Inseln mehr oder weniger die ersten sein werden, die bei steigendem Meeresspiegel verschwinden und mit ihnen eine unverwechselbare Kultur, dann gehen Schallplatten- und Klimakritik in die gleiche Richtung. Eine musikalische Warnung also, manchmal sanft und ergreifend, meistens rhythmisch und mitreißend. Die freie Natur ist das Studio, unzählige seltene Instrumente kommen zum Einsatz, und unterschiedliche Sprachen verschmelzen zu einem wahrlich großen und überzeugenden Lied. Einzigartig und ergreifend! Für den Jahresausschuss: Mike Kamp

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