Bestenlisten

Mit einem Platz auf der Bestenliste werden vierteljährlich die besten und interessantesten Neuveröffentlichungen der vorangegangenen drei Monate ausgezeichnet. Bewertungskriterien sind künstlerische Qualität, Repertoirewert, Präsentation und Klangqualität.

Die Longlists sind ab 2014 direkt bei jeder Bestenliste hinterlegt.

Bestenlisten

Orchestermusik und Konzerte

Maurice Ravel: La Valse; Modest Mussorgsky (orch. Ravel): Bilder einer Ausstellung

Les Siècles, François-Xavier Roth. harmonia mundi HMM 905282

Einige symphonische Kompositionen wurden in den letzten Jahrzehnten so oft eingespielt, dass man glaubt, sie in allen klanglichen Details genau zu kennen. Dazu gehören die »Bilder einer Ausstellung« in der kongenialen Orchestrierung von Maurice Ravel ebenso wie dessen vor innerer Glut bebender »La Valse«. Dass aber dazu das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, zeigen François-Xavier Roth und sein Orchester Les Siècles: Begeisternd nicht allein die in jeder Note spürbaren Spannungen zwischen delikater Raffinesse und brausender Wucht, auch die teils warmen, teils scharf schneidenden Klangfarben der historischen Instrumente. Die Einspielung eröffnet neue Perspektiven auf alte Bekannte. Für die Jury: Michael Kube

Orchestermusik und Konzerte

Giuseppe Tartini: Violinkonzerte

Giuseppe Tartini: Violinkonzerte e-moll D56, A-Dur D96, d-moll D45; Concerto G-Dur; Concerto d-moll D44. Chouchane Siranossian, Venice Baroque Orchestra, Andrea Marcon. Alpha Classics ALPHA 596 (Note 1)

Anlässlich des 250. Todestages von Giuseppe Tartini haben die franko-armenische Geigerin Chouchane Siranossian und der Dirigent Andrea Marcon fünf seiner zahlreichen Violinkonzerte eingespielt, darunter ein bislang unveröffentlichtes G-Dur-Werk. Das Venice Baroque Orchestra arbeitet auch im reinen Streichersatz die kontrastierenden Affekte mit satten Farben heraus – ohne Knalleffekte oder brave Routine. Im Autograph vermerkte Metastasio-Verse (D44 und 45) speisen eine immense Sanglichkeit. Der virtuose Solopart geht Siranossian mühelos von der Hand: Die filigranen Verzierungen ergänzen organisch eine frei atmende Phrasierung. Für die Jury: Wiebke Roloff

Kammermusik

Beethoven around the world – The complete string quartets

Ludwig van Beethoven: Sämtliche Streichquartette. Quatuor Ébène. 7 CDs, Erato 0190295339814 (Warner)

Im Jubeljahr 2020 etwas Neues zu Beethoven zu sagen, ist nicht jedem gegeben. Den vier jungen Franzosen des Quatuor Ebène schon. Weder folgen sie den tief eingerillten Interpretationsspuren, die sich heute der Erfahrung mit den sechzehn Beethovenschen Quartetten bereits angelagert haben; noch stellen sie mit ihrer Live-Aufnahme alles auf den Kopf. Vielmehr drehen sie die Musik gerade so weit herum, dass deren unerschrockene Klugheit hörbar wird, die alles zu umfassen scheint, vom heiligen Ernst bis zu spöttischem Übermut. Erfrischend ist das. Und insofern »Around the world«, als hier ein Ensemble den Blickwinkel doch noch einmal wesentlich öffnet und um eine Erfahrung reicher macht. Für die Jury: Benjamin Herzog

Kammermusik

Masterpieces Among Peers

Frank Bridge: Klaviertrio Nr.2 H178; Johannes Brahms: Klaviertrio Nr.1 op.8. Namirovsky-Lark-Pae Trio. TYXart TXA18104 (Note 1)

Frank Bridge, Jahrgang 1879, war der Lehrer von Benjamin Britten, er gilt zu Recht als einer der wichtigsten britischen Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine sehr eigene, traditionsverbundene und auch visionäre Tonsprache, teils inspiriert von Debussy, aber auch von Schönberg und der zweiten Wiener Schule, setzt das Namirovsky-Lark-Pae Trio sensibel um – mit genauer Kenntnis der kompositorischen Mixtur, mit Klangfarbensinn, Durchsichtigkeit, aber auch zupackend. Qualitäten, die auch Brahms ungleich bekannterem Trio op. 8 zugute kommen. Zwei exzellent interpretierte Meisterwerke, die sich in ihrem stilistischen Kontrast prächtig ergänzen. Für die Jury: Elisabeth Richter

Tasteninstrumente

Samuil Feinberg: Klaviersonaten

Samuil Feinberg: Klaviersonaten Nr. 1-6. Marc-André Hamelin. Hyperion CDA68233
(Note 1)

Der Komponist Samuil Feinberg, Jahrgang 1890, war auch erfolgreich als Pianist und Klavierpädagoge, er erlangte aber nie die Berühmtheit etwa von Prokofjew, Rachmaninow oder Skrijabin. Die ersten sechs seiner insgesamt zwölf Klaviersonaten schreiten den Weg von der Spätromantik bis zur Moderne aus, dabei wirkt die Musik oft düster und ausufernd, besonders in der dreisätzigen dritten Sonate. Der emotionale Hochdruck dieser Werke ergibt sich nicht zuletzt aus den enormen spieltechnischen Schwierigkeiten, die Marc-André Hamelin mit einer erstaunlichen Gewandheit bewältigt, er sorgt für weite Dynamik, eine Fülle von Klangfarben und eine enorme strukturelle Transparenz. Gratulation! Für die Jury: Gregor Willmes

Tasteninstrumente

Johann Sebastian Bach: The Complete Works for Keyboard, VOL. 3

In the french Style / À la française. Benjamin Alard. 3 CDs, harmonia mundi HMM 902457.59

Die Idee, einmal wirklich restlos alles aufzunehmen, was Bach je für Tasteninstrumente komponiert hat, könnte ein bisschen größenwahnsinnig wirken. Dazu kommt: Benjamin Alard, Titularorganist an der Kirche St-Louis-en-l‘Île in Paris, will mit diesem Lebensprojekt die ästhetischen Wurzeln von Bachs Schaffen freilegen: Er spielt auch Werke ein, die Bach in der jeweiligen Lebensphase vorfand. Nun liegt das dritte »Album À la française« vor, das Bachs Zeit in Diensten des Herzogs von Sachsen-Weimar spiegelt. Alards Spiel ist frappierend eloquent, glasklar und expressiv in Phrasierung und Tempowahl, ohne jemals in Manierismen abzudriften. Für die Jury: Regine Müller

Oper

Leonardo Vinci: Gismondo, Re di Polonia

Max Emanuel Cenčić, Yuriy Mynenko, Sophie Junker, Aleksandra Kubas-Kruk, Jake Arditti, Dilyara Idrisova, Nicholas Tamagna, {oh!} Orkiestra Historyczna, Martyna Pastuszka. 3 CDs, parnassus arts productions 9120104870017 (Note 1)

Dass sich eine Barockoper mit der polnischen Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts beschäftigt, ist ungewöhnlich genug. Doch schon das Libretto zu »Gismondo, Re di Polonia« überzeugt durch psychologische Stimmigkeit und die geschlossene, düstere Atmosphäre. Ein neuer Volltreffer des vielseitigen Countertenors Max Emanuel Cenčić, der mit seinem eigenen Label gern Komplexeres aus der Welt der Opera seria ausgräbt. Mit vier sehr unterschiedlichen Countertenören, darunter Cenčić selbst, sowie drei Frauenstimmen entzündet Konzertmeisterin Martyna Pastuszka die reiche melodische Erfindung Leonardo Vincis, ohne die stringente Dramatik der Geschichte aus dem Blick zu verlieren. Für die Jury: Michael Stallknecht

Chor und Vokalensemble

Carlo Gesualdo: Tenebrae

Responsorien. Graindelavoix, Björn Schmelzer. 3 CDs, Glossa GCD P32116 (Note 1)

Das belgische Vokalensemble Graindelavoix mit seinem Leiter Björn Schmelzer ist seit zehn Jahren unterwegs in den Konzertsälen, aber auch in den inneren Kathedralen historisch achtsamer Musikliebhaber, die der Musik des Mittelalters und der Renaissance mehr zutrauen, als nur vokale Vorstufen der abendländischen Symphonik zu liefern. Graindelavoix erreicht, auch diesmal wieder, in einer preiswürdigen Neueinspielung der Karfreitagsmusiken Gesualdos, einen Grad an klangsinnlicher Unmittelbarkeit, komplexer Vielschichtigkeit und spiritueller Intensität, der dazu beiträgt, dass diese alles andere als museale Klangwelt die Musikentwicklung der nachfolgenden Jahrhunderte souverän überstrahlt. Für die Jury: Helmut Mauró

Klassisches Lied und Vokalrecital

Robert Dussaut & Hélène Covatti: Mélodies

Adriana González, Iñaki Encina Oyón, Thibaud Epp. Audax Records ADX 13722 (harmonia mundi)

Ein Paar, zwei kompositorische Handschriften: Robert Dussaut bekam 1924 den Rom-Preis, er verdiente seinen Lebensunterhalt als Lehrer am Pariser Conservatoire, spielte aber auch Geige im Orchester der Opéra und schrieb Fachartikel über Fragen der Akustik. Hélène Covatti, vierzehn Jahre jünger, unterrichtete ebenfalls. Die Gesamteinspielung der Lieder der beiden ist eine echte Entdeckung auf einem Markt, der den Begriff der Entdeckung eigentlich längst verschlissen hat. Adriana González, Operalia-Gewinnerin von 2019, wird begleitet von Iñaki Encina Oyón, der die Stücke entdeckt und ediert hat. Das informative Booklet ist sorgfältig redigiert und enthält durchweg professionelle Übersetzungen. Für die Jury: Stephan Mösch

Alte Musik

Johann Paul von Westhoff: Suiten für Solo Violine

Plamena Nikitassova. Ricercar RIC 412 (Note 1)

Auf alten wie auf modernen Instrumenten haben in der Vergangenheit bereits einige Interpreten ein überzeugendes Plädoyer für Johann Paul Westhoff gehalten, dessen Suiten für Violine ohne Bass, entstanden 1696, zu den wichtigsten Wegbereitern von Bachs Sonaten und Partiten BWV 1001–1006 gehören. Dennoch kommt der CD der bulgarischen Geigerin Plamena Nikitassova ein besonders hoher Wert zu, denn sie entlockt ihrem Instrument einen ungemein luftigen, resonanzreichen Klang, in dem sich die durchaus komplexe Musik fast von selbst zu entfalten scheint. Für die Jury: Matthias Hengelbrock

Zeitgenössische Musik

Luigi Nono, Salvatore Sciarrino: Parole e Testi

Schola Heidelberg, ensemble aisthesis, Walter Nußbaum. Divox CDX-21701 (Bertus)

Unter der Leitung von Walter Nußbaum hat die Schola Heidelberg mit dem ensemble aisthesis eine Produktion erarbeitet, die in zweierlei Hinsicht preiswürdig ist. Da ist zunächst die makellose Schönheit der Interpretationen, die zwei vokalen Schlüsselwerken von Salvatore Sciarrino und einem von Luigi Nono zugute kommt. Dass außerdem Nonos »Polifonica – Monodia – Ritmica« hier erstmalig als Rekonstruktion einer nie aufgeführten Urfassung zu hören ist, zeichnet das Album zusätzlich aus. Die Darmstädter Uraufführung von 1951, von Hermann Scherchen auf ein Drittel der Dauer gekürzt und hier als Bonustrack veröffentlicht, spricht Bände! Für die Jury: Marita Emigholz

Historische Aufnahmen

Rudolf Kerer – Piano Concertos and Sonatas

Werke von Franz Liszt, Wolfgang Amadeus Mozart, Johannes Brahms, Georgy Moushel, Georgy Sviridov, Sergeij Prokofieff, Ludwig van Beethoven, Robert Schumann, Sergeij Rachmaninoff. Rudolf Kerer, Moscow Philharmonic Symphony Orchestra, Moscow Radio Large Symphony Orchestra, Kirill Kondrashin, Gennady Rozhdestvensky, Viktor Dubrovsky; Viktor Pikaizen, Lev Evgrafov. 5 CDs, Doremi DHR-8086-90 (Naxos)

Die Familie Rudolf Kerers wurde 1941 nach Südkasachstan verbannt. Um sich pianistisch in Schuss zu halten, »übte« er dreizehn Jahre lang mittels einer gemalten Tastatur. Man darf vermuten, dass er dabei lernte, sich auf die Essenz zu konzentrieren. Jedenfalls zieht sich dieser Zug zur Reduktion auf den musikalischen Kern durch all seine Interpretationen, was den Hörer zum Mitarbeiten einspannt: anstrengend, aber lohnend! Kerers Lesart des ersten Klavierkonzertes von Brahms setzt Maßstäbe ganz eigener Art. Liszts erster Mephisto-Walzer wird zum Lehrstück für extreme Durchhörbarkeit, Beethovens Mondschein-Sonate wieder als revolutionäre Musik erlebbar. Sein Mozart könnte von heute sein. Für die Jury: Wolfgang Wendel

Grenzgänge

Witch ‘n’ Monk

Heidi Heidelberg, Mauricio Velasierra: Witch ‘n’ Monk. Tzadik TZ 7817 (Bertus)

Miau, mio! Den Anfang macht eine vom Uhrwerk im Glockenturm unterlegte Katzenmusik, wie sie Kater Murr aus Hoffmanns Erzählungen dem Kapellmeister Johannes Kreisler zum Tanz aufspielen könnte. Wer hätte gedacht, dass so viele Klangfarben den Exponaten aus der Flötensammlung des Kolumbianers Mauricio Velasierra innewohnen! Im Duo mit der britischen Vokalistin und Gitarristin Heidi Heidelberg schuf Velasierra aus Scat-Gesang und Overdub-Rezitationen, Streicherakzenten und Beat-Box-Rhythmen, wolkig aufblühenden oder dissonant abgeschrägten Akkorden sein eigenes Road Movie – eine akustische Panamericana, die Punk mit Free Jazz und Strawinsky mit lateinamerikanischer Folklore verbindet. Für die Jury: Nikolaus Gatter

Musikfilm

Aretha Franklin: Amazing Grace

Mit Mick Jagger, James Cleveland, C. L. Franklin; Regie: Alan Elliott und Sydney Pollack. DVD, Weltkino Filmverleih UF11970 (Sony)

Aretha Franklin gab 1972 zwei Gospel-Konzerte in der New Temple Missionary Baptist Church in Los Angeles – eine Rückbesinnung der »Queen Of Soul« auf die Musik ihrer Jugend. Das Live-Album dazu wurde das meistverkaufte in der Gattung Gospel. Jetzt erst, ein halbes Jahrhundert später, konnte mit Hilfe moderner Digitaltechnik auch ein Filmprojekt realisiert werden. Wir erleben eine Aretha Franklin, die ihre Gospelbotschaft mit unbeschreiblichem Feuer predigt: eine Feier des Lebens, die das Publikum in Ekstase versetzt. Selbst die Sänger vom Southern California Community Choir und die Mitmusiker sind ergriffen: Gospel-Legende Reverend James Cleveland lässt das Klavier stehen und weint. Für die Jury: Andreas Kunz

Jazz

Kenny Barron, Dave Holland Trio feat. Johnathan Blake: Without Deception

Dare2Records CD-DARE-011 (Bertus)

Wie geistreich, elegant und mitreißend sind diese drei! Kenny Barron, Virtuose der Nuancen, traf sich mit dem originellen Basswohltöner Dave Holland seit fünfunddreißig Jahren wiederholt auf hohem Niveau. Johnathan Blake, ein dynamisch differenzierter Drummer, war oft an der Seite des Pianisten, doch die Arbeit mit Holland ist ihm neu. Diese Gleichung aus Bekanntem und Unbekanntem birgt zugleich Vertrautheit und Überraschungspotential – beste Voraussetzungen für einen ehrlichen Triolog »without deception«, überwiegend mit Eigenkompositionen auf Grundlage eines im Jazz der sechziger Jahre verankerten zeitlos-klassischen Stils. Hier stimmt einfach alles: Inspiration, Integration, Interaktion. Für die Jury: Marcus A. Woelfle

Jazz

Nduduzo Makhathini: Modes of Communication: Letters from the Underworlds.

Blue Note Records 00602508596896 (Universal)

Mit seiner neunten Platte als Bandleader gelingt Nduduzo Makhathini als erstem südafrikanischen Jazzmusiker ein Debüt beim renommierten Label Blue Note. Was für ein Album! Der Pianist, aufgewachsen in der Provinz KwaZulu-Natal, schöpft aus Stammeskulturen und Kirchenmusik, knüpft an Wegbereiter wie Abdullah Ibrahim und Bheki Mseleku an, schlägt einen Bogen zum afroamerikanischen Jazz und weiß mit seinen spirituellen Botschaften zugleich faszinierende Klangwelten zu kreieren. Wenn er im Verein mit Bläsern, Perkussionisten und Gesangsstimmen die Traditionen der Vorfahren beschwört, gleicht seine ganz der Gegenwart zugewandte Musik dabei der Wiedererweckung eines Rituals. Für die Jury: Bert Noglik

Weltmusik

Tony Allen & Hugh Masekela: rejoice

World Circuit / BMG WCD094 (Warner)

Vor zehn Jahren fand die erste und auch einzige Begegnung dieser beiden Großmeister (nicht nur) afrikanischer Musik statt: Der jüngst verstorbene Schlagzeuger Tony Allen aus Lagos, Jahrgang 1940, hatte den Afrobeat mit erfunden, als musikalisches Mastermind der Band Africa ‘70 von Fela Kuti. Der um ein Jahr ältere Trompeter Hugh Masakela prägte den Jazz in Südafrika mit, er trug die Stile Kwela und Mbaqanga bis in die Popwelt. Die kraftvollen besten Momente dieser Session in London, sämtlich aus Originaltiteln bestehend und erst nach zehn Jahren posthum veröffentlicht, können als später Höhepunkt im Schaffen beider Musiker und als würdiges Vermächtnis gelten. Für die Jury: Johann Kneihs

Traditionelle Ethnische Musik

Damir Imamović: Singer Of Tales

Wrasse Records WRASS364 (harmonia mundi)

Die Geschichten, im epischen Ton, erzählen von Liebe, Schmerz und einer unstillbaren Sehnsucht, genannt »Sevdah«. Typisch für Bosnien und Herzegowina sind die Einfärbungen von Roma-Musikern und sephardischen Juden, zuweilen in ladinischer Sprache – der Rabbi von Sarajewo gab seinen Segen. Vor allem aber das schrankenlose Sentiment, das der Sänger Damir Imamović aus alten Zeiten heraufbeschwört, als das städtische Leben jahrhundertlang osmanisch geprägt war. Ein instrumentales Gewand, filigran gewebt aus den Linien von Violine und Jazz-Bass, Kemenche und Tambur, ein Klangbild, für das einer der namhaftesten Produzenten der balkanisch getönten Weltmusik verantwortlich zeichnet: Joe Boyd. Für die Jury: Jan Reichow

Liedermacher

Manfred Maurenbrecher: Inneres Ausland

Reptiphon REP 051 (Broken Silence)

Sein fünfundzwanzigstes Album kam am Freitag, dem 13.März heraus. »Ein Glückstag!« sagt Manfred Maurenbrecher. Aber: An diesem Tag wurde auch der Lockdown ausgerufen. Wüsste man nicht, dass Songs stets lange vor Veröffentlichung da sind, könnte man meinen, einige, wie »Erdrutsch« oder »Jetzt auf einmal geht’s«, seien in der Corona-Krise entstanden. Wortstark waren die Maurenbrecher-Songs schon lange, überraschend sind einige musikalische Entwicklungen, etwa ein Chor namens »Jazzomat«, zu hören in »Puppen«, vertont von Andreas Albrecht, seinem langjährigen Produzenten und Mitstreiter. Maurenbrecher hat Gefallen an dieserart modernistischer Musik gefunden, er will demnächst noch mehr davon. Für die Jury: Petra Schwarz

Folk und Singer/Songwriter

Džambo Aguševi Orchestra: brasses for the masses

Asphalt Tango Records CD-ATR 6020 (Indigo)

Blaskapelle ist gleich Blaskapelle? Definitiv nicht! Aber was ist der Unterschied zwischen der lokalen Feuerwehrkapelle und dem Dzambo Agusevi Orchestra aus Mazendonien? Ganz abgesehen von dem völlig unterschiedlichen kulturellen Hintergrund lässt dieses zehnköpfige Blasorchester, in dem Trompeten und Tenorhörner dominieren, jede Menge Funk- und Jazzeinflüsse zu, so, dass die eh schon stark rhythmusbetonte und schnelle Balkanmusik noch nachhaltiger in die Beine geht. Hinzu kommt eine Produktion auf hohem internationalem Level und fertig ist die perfekte Tanzmusik für diesen Sommer – aber bitte coronabedingt mit social distancing! Für die Jury: Mike Kamp

Pop

The Weeknd: After Hours

Republic Records B0031990-02 (Universal)

Vor ihm ist nichts sicher: Wie eine Krake greift der kanadische Rapper Abel Tesfaye alias The Weeknd nach allen nur denkbaren Genres von HipHop und R&B bis Elektropop, Drum‘n‘Bass oder Rock. Er lädt ein zu einer Reise aus der Dunkelheit ans Licht und wieder zurück, mit zittrigem Falsett, zu bedrohlicher Elektronik oder schnarrenden Autotune-Schlieren. Gleißende Dancefloor-Hymnen stehen dabei ebenso auf dem Spielplan wie unverschämt eingängige Schmachtfetzen für das Mainstream-Radio. Und doch kippt der Sound immer wieder ins Unberechenbare, Sinistre, Klaustrophobische: ein packender Trip durch die Sehnsüchte und Ängste einer schillernden Musikerpersönlichkeit. Für die Jury: Christof Hammer

Rock

Lilly Hiatt: Walking Proof

CD / LP, New West Records NW6473 (Rough Trade)

Das vierte Album von Lilly Hiatt, Tochter von John Hiatt, ist ihr entschlossenstes und zugleich stilistisch ausgewogenstes. »Walking Proof« zeichnet sich schon durch die kristallklare Produktion von Lincoln Parish, dem ehemaligen Gitarristen der Band Cage the Elephant aus, es bietet neben zartem, introspektivem Country-Pop mehrere Rock-Titel, die mit scharfkantigen Gitarrenakkorden ausgestattet und in dieser Härte die eigentliche Überraschung der Platte sind. Heraus ragen diesbezüglich »P Town« und »Never Play Guitar«, die Hiatt auf dem Weg zum weiblichen Tom Petty unserer Zeit ein ganzes Stück weiter bringen. Für die Jury: Edo Reents

Hard und Heavy

Dool: Summerland

CD / 2 LPs / DL, Prophecy PRO286 (Soulfood)

»Summerland« stellt das Einlösen eines Versprechens dar, welches Dool vor drei Jahren mit dem Debüt »Here Now, There Then« gegeben hatte: vom Rohdiamant zum Juwel! Dringlich, aber nicht aufdringlich, emotional, aber nicht übergriffig, Schwächen zulassend, aber nicht jämmerlich, traurig wie euphorisch zugleich, am Abgrund marschierend und doch mit Sicherheit die Balance haltend. Die Sounds sind offener geworden, post-punkiger und waviger. Und wenn man noch mal hören möchte, wie »Postrock« Relevanz verliehen wird, verliert man sich im Ausklang »Dust & Shadow« dem kongenialen Counterpart des ebenfalls am Limit komponierten Openers »Sulphur & Starlight«. Heavy Rock 2.0. Für die Jury: Boris Kaiser

Alternative

Car Seat Headrest: Making a door less open

CD / LP, Matador OLE1571CD (Indigo)

Will Toledo ließ sich vier Jahre Zeit für dieses hochinspirierende Album. Er nahm es doppelt auf: in voller Bandbesetzung mit Gitarren, Drums und Bass sowie in einer MIDI-Version, nur mit synthetisch erzeugten Sounds – um dann beide Versionen im Mix miteinander zu verflechten und um zusätzliche Aufnahmen zu ergänzen. Das Ergebnis ist nicht nur soundästhetisch innovativ. Das Album bezieht seinen Glanz auch aus dem verschachtelten Songwriting, dem Spiel mit Minimalismen und Maximalismen, in gegenläufigen Frequenzen wabernden Samples zu Lo-Fi-Drums aus der Dose und stoischen Bassläufen, als ruhende Pole jedes Songs. Detailreich ausgearbeitet, stilistisch vielfältig offenbart es enorme Tiefe. Für die Jury: Götz Adler

Blues

Dr. Will: I Want My Money Back

Solid Pack Records RP107 (Galileo)

Vor fünf Jahren, mit ihrem Album »Cuffs Off«, hatten es Dr. Will und seine Band schon einmal auf die Bestenliste des Blues geschafft. Jetzt zeigt sich der Mann mit dem einzigartigen Sound, der zwar in München lebt, dessen Herz aber für New Orleans schlägt, erneut auf einem Gipfelpunkt seiner Kreativität und Schaffenskraft. Einmal mehr outet er sich als ein Überzeugungstäter, der unbeirrbar sein Ding durchzieht und dabei ein ums andere Mal zu ganz großer Form aufläuft, als Sänger, Musiker, Komponist und Arrangeur. »I Want My Money Back?« – Mitnichten. Wer diese vierzehn wunderbaren Songs erwirbt, hat sein Geld außerordenlich gut angelegt! Für die Jury: Karl Leitner

R&B, Soul und HipHop

Run the Jewels: RTJ4

Download, Jewel Runners / BMG 405053861729 (Warner)

Das vierte Album der beiden HipHop-Veteranen wirkt, als werde es direkt von den jüngsten Black-Lives-Matter-Protesten gesendet. Tatsächlich unterstreicht das nur die ewig andauernde Aktualität des Themas. Der afroamerikanische Rapper Killer Mike aus dem Umfeld von Outkast im Südstaat Georgia arbeitet schon seit 2012 mit El-P zusammen, Produzent mit europäisch-jüdischen Wurzeln und Pionier des New Yorker Underground der Neunziger. Sie verbinden einen zeitlos brachialen, Industrial-angehauchten Funk mit ebenso gewitzten wie empörten und bitteren Raps. Aber noch nie so durchgängig dicht und geräuschvoll intensiv wie hier. Der härteste Tritt in den Hintern des Zeitgeistes seit Public Enemy. Für die Jury: Markus Schneider

Kinder- und Jugendaufnahmen

Julia Walton: Wörter an den Wänden

Jonas Minthe. mp3-CD, Hörcompany ISBN: 978-3-96632-017-7

Schizophrenie ist kein einfaches Thema, wenn man junge Erwachsene ansprechen will. Doch genau das gelingt Julia Walton mit der Erfindung der Figur des Adam. Dieser Junge ist nicht »normal«, er hört Stimmen und sieht Menschen, die es nicht gibt. Adam schreibt an seinen Therapeuten, weil er ein Gespräch mit ihm nicht führen kann, und genau dieser tagebuchartige Bericht schafft intensive Nähe. Die Stimme von Jonas Minthes bildet die krankheitstypischen Stimmungsschwankungen ideal ab, sie lächelt und strahlt, ist verzweifelt, gehetzt, unsicher oder ironisch, und schlüpft glaubhaft in reale wie imaginierte Figuren: anrührendes Kopfkino, das bis zuletzt die Spannung hält. Absolut hörenswert. Für die Jury: Carola Benninghoven

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